Angelsächsische Schrift
Die angelsächsische Schrift ist neben der verwandten irischen Schrift eine mittelalterliche Schrift Britanniens.
Geschichte
Unabhängig von älteren Alphabeten wie etwa dem phönozischen und dem altirischen war in Britannien vor der Ankunft der Angelsachsen (um 450) das römische Alphabet verbreitet. Das angelsächsische Schrifttum beginnt um das Jahr 596 mit der Ankunft des Hl. Augustinus in Britannien.
Über den Ursprung der angelsächsischen Schrift haben Historiker drei konkurrierende Theorien aufgestellt: 1) Dass die Angelsachsen bei ihrer Ankunft in Britannien (um 450) keine Schrift besessen und die römische Schrift von den keltischen Britonen übernommen hätten; 2) dass sie schon vorher eine Runenschrift besessen und diese nach der Ankunft Augustins (597) mit der lateinischen verschmolzen hätten; 3) dass sie die Schrift über irische Schulen wie Lindisfarne übernommen hätten (Camden). Am Wahrscheinlichsten ist die Annahme, dass sowohl die Iren als auch die Angelsachsen ihre Schrift zur Zeit Augustins von römischen Missionaren übernommen haben. Die meisten Buchstaben, die für rein irisch gehalten wurden, stehen auch in lombardischen und gallischen Handschriften und zeigen ihre gemeinsame Herkunft von der römischen Minuskelschrift.[1]
Die angelsächsische Rundschrift war eine reine Buchschrift. Ihre Blütezeit fiel ins 8. Jahrhundert, gebraucht wurde sie bis ins 10. Jahrhundert. In Rundschrift wurden prachtvolle Codices geschrieben, darunter das Evangeliar von Canterbury und der Liber vitae von Durham, ein Verbrüderungsbuch. Im 9. und 10. Jahrhundert wurde die Rundschrift von der Spitzschrift verdrängt, die sowohl für Bücher als auch für andere Zwecke – insbesondere als Urkundenschrift – verwendet wurde.[2]
Angelsächsische Mönche, die auf dem Festland tätig waren, brachten ihre Schrift ins Fränkische Reich. In den Skriptorien der von ihnen gegründeten kontinentalen Klöster wurde die angelsächsische Schrift gepflegt. Im 8. und frühen 9. Jahrhundert erlebte sie im deutschen Sprachraum eine Blütezeit. Es wurden einheimische Schreiber ausgebildet, die sich an den insularen Mustern orientierten. Bedeutende Zentren waren das 698 von dem northumbrischen Missionar Willibrord gegründete Kloster Echternach und das 744 im Auftrag des Bonifatius gegründete Kloster Fulda. Im Lauf des 9. Jahrhunderts wurde die angelsächsische Schrift jedoch zurückgedrängt und schließlich überall von der karolingischen Minuskel abgelöst. Am längsten hielt sie sich in Fulda, das ab etwa 820 ihr letzter Stützpunkt war. In der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts starb sie auch dort aus.[3]
In England nahm ab dem 10. Jahrhundert kontinentaler Einfluss zu, wobei cluniazensische Mönche vom Festland eine wichtige Rolle spielten. Die angelsächsische Schrift nahm kontinentale Elemente auf. Für lateinische Texte setzte sich die karolingische Minuskel durch, in englischen Texten hingegen konnte sich die angelsächsische Schrift noch lange behaupten.[4]
Literatur
- Bernhard Bischoff: Paläographie des römischen Altertums und des abendländischen Mittelalters. 4. Auflage, Erich Schmidt, Berlin 2009, ISBN 978-3-503-09884-2, S. 122–129
- Hans Foerster, Thomas Frenz: Abriss der lateinischen Paläographie. 3., überarbeitete Auflage, Hiersemann, Stuttgart 2004, ISBN 3-7772-0410-2, S. 146 f., 150–152, 158
Weblinks
- Dianne Tillotson: Medieval writing. In: medievalwriting.50megs.com. Archiviert vom am 25. Juni 2019 (englisch).
Anmerkungen
- ↑ John Obadiah Westwood: Palaeographia sacra pictoria. London 1845, Anglo-Saxon books of Moses, &c., S. 1–3 (archive.org).
- ↑ Hans Foerster, Thomas Frenz: Abriss der lateinischen Paläographie, 3., überarbeitete Auflage, Stuttgart 2004, S. 147; Bernhard Bischoff: Paläographie des römischen Altertums und des abendländischen Mittelalters, 4. Auflage, Berlin 2009, S. 125.
- ↑ Bernhard Bischoff: Paläographie des römischen Altertums und des abendländischen Mittelalters, 4. Auflage, Berlin 2009, S. 126–129.
- ↑ Hans Foerster, Thomas Frenz: Abriss der lateinischen Paläographie, 3., überarbeitete Auflage, Stuttgart 2004, S. 151 f.