Andreaskirche (Stuttgart-Uhlbach)
Die Andreaskirche ist die evangelische Pfarrkirche von Uhlbach, einem Stadtteil von Stuttgart. Das Bauwerk ist beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg als Baudenkmal eingetragen. Die Kirchengemeinde gehört zur evangelischen Gesamtkirchengemeinde Obertürkheim-Uhlbach im Kirchenkreis Stuttgart der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.
Geschichte
Die Saalkirche wurde 1490 unter Verwendung des Chorturms einer spätgotischen Kapelle aus dem Jahr 1386 mit einem breiteren und längeren Langhaus erweitert. Nach einem Entwurf von Heinrich Dolmetsch und durch großzügige finanzielle Unterstützung durch den Stuttgarter Textilfabrikanten Gottlieb Benger wurde das Langhaus 1894/95 neugotisch umgebaut und der Turm erhöht. Der Chorturm auf quadratischem Grundriss wurde mit einem achteckigen Geschoss aufgestockt. An vier Seiten wurden ihm Balkone vorgesetzt. Die anderen vier Seiten beherbergen die Klangarkaden für die fünf Kirchenglocken. Die Zifferblätter der Turmuhr befinden sich in den Giebels oberhalb der Klangarkaden. Darauf sitzt ein achtseitiger Helm.
Architektur
Bis 1894 war die Andreaskirche nach der Reformation, spätestens seit 1769, als Querkirche gestaltet:[1] mit der Kanzel auf der Nordwand gegenüber einer Dreiseiten-Empore, mit Bestuhlung des Chores und dort ab dem Anfang des 19. Jahrhunderts auf der Südseite die Bürgermeisterempore. Heinrich Dolmetschs Kirchenumbau ersetzte die flachgedeckte Balkendecke über dem Kirchenschiff durch ein gesprengtes hölzernes Spitztonnengewölbe, errichtete südlich an Chor und Turm eine Sakristei mit Direktzugang auf die neue Kanzel südlich am Chorbogen, verlegte die bisherigen Außentreppen zu den nun auf den Ostchor ausgerichteten Emporen ins Kircheninnere, ließ für die Stifterfamilie Benger im Parterre einen Familienstuhl einrichten, gotisierte die Fensteröffnungen und sorgte für eine reichhaltige Wand- und Deckenmalerei. Noch vor der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde diese neugotische Innengestaltung übertüncht; ihre Freilegung und „Rekomplettierung“ erfolgte 1989/1990.
Ausstattung
Die Kirchenausstattung von 1895 ist fast in allen Details vollständig erhalten, nachdem auch die übertünchte Ausmalung der Wände und Decke bei der letzten umfassenden Restaurierung der Kirche 1982–1990 wieder freigelegt werden konnte.[2] Die ornamentale Malerei stammt vom Kgl. Hofdekorationsmaler Eugen Wörnle, der mindestens von 1883 bis 1910 zahlreiche württembergische Kirchen sowie städtische und staatliche Gebäude ausgestaltet hatte. Die figürliche Malerei in Chor und Schiff hat der Kirchenmaler Theodor Bauerle (1865–1914, Neffe des Baumeisters Dolmetsch und des Bürgermeisters Currle) geschaffen, auch die Reformatorenporträts im Familienstuhl Benger sowie den Entwurf für das Tympanon-Relief am Nordportal; er war auch für die ikonografische Gesamtkonzeption verantwortlich. Das hohe Holzgewölbe im Schiff ist gegliedert und bemalt mit Ornamentstreifen, Weinrankendekor, Schriftbändern und Medaillons mit sinnbildlichen Motiven (für die Kirche: Apostel, für die Menschheit: Tugenden, für den Kosmos: Tierkreiszeichen), das Chorgewölbe mit einem Sternenhimmel und den vier Evangelisten.
Als einzige Kostbarkeit aus der spätgotischen Kirche gilt der Kruzifixus (um 1500), der im Bogenfeld zwischen dem niedrigen historischen und dem hohen neugotischen Chorbogen in der Mandorla den Kirchenraum beherrscht, umgeben von Weinreben und Passionsblumen. Die Restaurierung der Christusfigur besorgte Theodor Bauerle.
Der Altar und der Taufstein wurde 1898 von der Bildhauerwerkstatt Erfort & Wüst (Stuttgart) gesetzt. Das Tympanonrelief aus Kalkstein oberhalb des Nordportals (Brauttür: Jakob begegnet Rahel am Brunnen), hat Bildhauer Albert Gäckle nach einem Bauerle-Entwurf geschaffen, das Relief „Grablegung Christi“ im Chor Bildhauer K. Schnabel. Die Holzgestaltungen der Pfeilerkapitelle und Balkenköpfe, insbesondere auch der Familienstuhl Benger, stammen von Kunstschreiner Zundler. Umfangreiche Kunstschmiedearbeiten zieren die Kirche, besonders die geschwungenen Emporenbrüstungen, die Geländer und Beleuchtungskörper.
Die Glasgemälde im Osten und Westen der Kirche sind Werke des Stuttgarter Glasmalers Adolf Valentin Saile und ersetzen Arbeiten mit fast denselben Bildthemen, die schon 1895 von der Münchener Werkstatt Gustav van Treeck gefertigt worden waren und im Krieg zerstört wurden: im Chorfenster ist es jetzt Christi Himmelfahrt (1983), früher die Auferstehung Christi, in der Westrosette damals wie 1988 David mit der Harfe. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Fenster von 1895 ebenfalls von Theodor Bauerle entworfen worden waren.
Die Orgel wurde 1990 von der Giengener Orgelmanufaktur Gebr. Link in das Gehäuse des Vorgängerinstruments von Carl Gottlieb Weigle aus dem 19. Jahrhundert gebaut. Sie besitzt 28 Register, verteilt auf drei Manuale und Pedal.[3]
Literatur
- Die Erneuerung der Kirche zu Uhlbach; Redaktionsartikel (Herausgeber: Prälat Heinrich Merz) im Christlichen Kunstblatt, 38. Jahrgang, Heft 4, Seite 56f und Heft 5, Seite 68–73, Stuttgart 1896
- Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Baden-Württemberg I, Regierungsbezirke Stuttgart und Karlsruhe. Deutscher Kunstverlag, München 1993, S. 789.
- Ellen Pietrus: Kirchenausstattungen von Heinrich Dolmetsch - Vom Umgang mit Raumfassungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts; in: Denkmalpflege in Baden-Württemberg Heft 2/2005, S. 88–99 – siehe doi:10.11588/nbdpfbw.2005.2
- Fritz Endemann: Die Andreaskirche in Stuttgart-Uhlbach. Ein beispielhaftes Werk des württembergischen Kirchenbaumeisters Heinrich Dolmetsch; hg. Ev. Kirchengemeinde Stuttgart-Uhlbach, Stuttgart 2008
Weblinks
- Website der Kirchengemeinde
- Mehr Bilder und Informationen zur Andreaskirche auf kirchen-online.com
- Kirchbaudatenblatt
Einzelnachweise
- ↑ Ulrich Zimmermann: Die Predigtkirche und die Querkirche - Protestantischer Kirchenbau in Württemberg. Eine Studie zur Geschichte und Theologie des Kirchenraums und zur Entstehung zweier Kirchenbautypen; Neulingen 2023, S. 254, 323; Fußnote 783 - ISBN 978-3-949763-29-8
- ↑ Ellen Pietrus: Heinrich Dolmetsch. Die Kirchenrestaurierungen des württembergischen Baumeisters; Stuttgart 2008, S. 143 ff, 339 ff
- ↑ Information zur Orgel auf orgbase.nl, abgerufen am 2. April 2024.
Koordinaten: 48° 46′ 32,7″ N, 9° 16′ 46,7″ O