Andreas Thurner

Andreas Thurner (* 9. April 1895 in Aflenz; † 22. Juni 1975) war ein österreichischer Hydrogeologe und Hochschullehrer an der Universität Graz. Er war maßgeblich an der Planung des Wasserverbandes Hochschwab beteiligt und befasste sich intensiv mit ingenieurgeologischen Fragestellungen. Er trat im April 1933 in die noch legale NSDAP ein.

Leben und Ausbildung

Thurner besuchte die Volksschule in Aflenz und die vierjährige Bürgerschule in Bruck an der Mur. In den Jahren 1910 bis 1914 studierte er in Graz an der staatlichen Lehrerbildungsanstalt und erhielt 1914 eine Anstellung als Volksschullehrer in Thörl bei Aflenz. Als Freiwilliger kam er 1915 an die italienische Front, wurde 1916 am Kleinen Pal schwer verwundet und erblindete dadurch am rechten Auge. Nach seiner Verwundung lernte er 1917 Erich Spengler (1886–1962) kennen, der dort die geologische Aufnahme durchführte, und begleitete ihn in das Hochschwabgebiet. Im Lager Feldbach traf er 1918 Josef Stini, der ihm für seine privaten Studien Anregungen gab.

Ab 1919 wirkte er an den Volksschulen in Mariazell, Kapfenberg und Graz, dann als Fachlehrer in Murau und Donawitz und studierte von 1921 bis 1925 an der Universität Graz Geologie und Mineralogie. Von 1924 bis 1938 war er Hauptschullehrer in der Grazer Wielandschule und ab 1927 auswärtiger Mitarbeiter der GBA.

Nationalsozialismus und Kriegsdienst

Thurner trat im April 1933 in Graz der noch legalen NSDAP und im Oktober 1933 dem bereits illegalen Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) bei. In der „Verbotszeit“ leistete er von 1935 bis März 1938 Spenden und zahlte seinen Beitrag als förderndes Mitglied der SS. Als Auszeichnung für seine NS-Betätigung vor dem „Anschluss“ erhielt er die „Medaille zur Erinnerung an den 13. März 1938“. Er erhielt nun die NSDAP-Mitgliedsnummer 1.620.065. Nach dem „Anschluss“ erhielt er den Posten eines Hauptschuldirektors in der Grazer Kronengasse und war neben seiner Tätigkeit als Blockleiter der Ortsgruppe Altstadt „Sachbearbeiter für Rassekunde“[1].

Im Juni 1938 habilitierte er sich an der Universität Graz mit der Absicht, Vorlesungen über „nationalsoz[ialistische] Wirtschaftsgeologie, Wehrgeologie und über geologische Arbeiten im Vierjahresplan zu halten“[1]. Er bewarb sich erfolglos im Oktober 1938 an der Geologischen Bundesanstalt in Wien mit der Ankündigung, er „möchte die Geologie wirklich nationalsozialistisch gestalten und den Stoff so bringen, dass man damit imstande ist – ausgehend von dem Grundsatz‚ der Boden unseres Reiches ist die Grundlage der Wirtschaft – wichtige Beiträge für den Aufbau des Reiches zu geben“.[1]

Trotz 70-prozentiger Invalidität wurde Thurner 1939 zur Wehrmacht einberufen. Er war 1940 bei der „Wehrgeologengruppe Pioniererkundungsstab Frankreich“ und ab April 1942 Führer der „Wehrgeologen Lehr-, und Gerätestelle“ in Sternberg (Neumark), wo er für die Ausbildung der „Wehrgeologen“ verantwortlich war[1]. Thurner wurde bereits Anfang 1943 aus dem Wehrdienst entlassen und übernahm die Leitung der im Aufbau befindlichen Lehrerbildungsanstalt in Marburg/Drau. Im Juni 1944 wurde Thurner zum Oberstudiendirektor ernannt und zu Kriegsende in den Volkssturm eingezogen.

Noch während des Krieges konnte er seine Arbeit über die „Reliefüberschiebungen in den Ostalpen“ veröffentlichen. Laut Otto Ampferer konnte er sich die Veröffentlichung nur wünschen, damit sich Thurners „eifrige Hilfe und Mitarbeit für den Umbau von Grossdeutschland voll auswirken“ könne[1].

Nachkriegszeit und akademische Laufbahn

Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus wurde Thurner im Rahmen der Entnazifizierung aus dem Schuldienst entlassen. Seine Überstellung zum höheren Schuldienst in der NS-Zeit wurde als „Beförderung über das normale Maß hinaus“ angesehen und widerrufen. Bei seiner NS-Registrierung im August 1945 führte er zwar seine fördernde Mitgliedschaft in der SS an, verschwieg aber seine illegale Parteimitgliedschaft und behauptete, er wäre im Juni 1933 aus der NSDAP ausgetreten. Er betonte, dass er „alle Naziideen gründlich abgelegt“ habe, stellte sich „rückhaltlos für die Arbeit im österreichischen Staate zur Verfügung“ und sei als ÖVP-Mitglied seit Oktober 1945 „jederzeit bereit dort mitzuarbeiten“[1]. Bei der NS-Registrierung 1947 wurde er als minderbelastet verzeichnet und im November 1949 amnestiert.

Das Professorenkollegium der Philosophischen Fakultät der Universität Graz beantragte im November 1948 die Bestätigung der in der NS-Zeit verliehenen Lehrbefugnis von Thurner. Im Dezember 1948 erhielt Thurner die Bestätigung und war spätestens ab April 1949 wieder als Dozent tätig. Zurück an der Universität Graz baute er einen viersemestrigen Zyklus über „Technische Geologie“ auf, den er bis 1970 hielt. Dies war der erste derartige Vorlesungszyklus an einer österreichischen Universität. Obwohl er als Hauptschullehrer kein Lehramt für Mittelschulen hatte, leitete er von Oktober 1948 bis Oktober 1957 die nach Bad Gleichenberg verlegte Hotel-Fachschule.

Im März 1958 verlieh ihm Bundespräsident Adolf Schärf (1890–1965) den Titel eines außerordentlichen Professors. Im Jahr 1967 wurde ihm der Titel eines ordentlichen Universitätsprofessors verliehen. Thurner war bis zu seinem 70. Lebensjahr auswärtiger Mitarbeiter der GBA und veröffentlichte mehr als 100 geologische Publikationen sowie sechs Schulbücher.

Auszeichnungen

1973 erhielt er den Erzherzog-Johann-Forschungspreis des Landes Steiermark. Die ihm am 12. September 1975 verliehene Haidinger-Medaille der Geologischen Bundesanstalt konnte er nicht mehr entgegennehmen, da er am 22. Juni des Jahres verstorben war.

Literatur

  • Gunnar Mertz (2020): „Das Braun der Erde“: Die Träger der Haidinger-Medaille der Geologischen Bundesanstalt und der Nationalsozialismus. In: Jahrbuch der Geologischen Bundesanstalt, 160, S. 359–408 (zobodat.at [PDF]).

Einzelnachweise

  1. a b c d e f Mertz, Gunnar (2020): „Das Braun der Erde“: Die Träger der Haidinger-Medaille der Geologischen Bundesanstalt und der Nationalsozialismus. In: Jahrbuch der Geologischen Bundesanstalt, 160, S. 359–408.