Andrée Viollis

Andrée Viollis (Viollis war das Pseudonym ihres zweiten Ehemannes), die auch die Ehenamen Andrée Téry und Andrée d’Ardenne de Tizac trug, (geboren als Andrée Françoise Caroline Jacquet am 9. Dezember 1870 in Les Mées; gestorben am 10. August 1950 in Paris) war eine französische Schriftstellerin und Journalistin. Sie gehörte zu den bedeutendsten Vertretern des investigativen Journalismus und der Kriegsberichterstattung ihrer Zeit.

Leben

Andrée Jacquet war die Tochter von Antoine Marie Jacquet, eines Präfekten des Zweiten Kaiserreichs und einer Salonnière, Valentine Claudius-Jacquet[1], die literarische Persönlichkeiten der Dritten Republik zu sich einlud.[2] Die Malerin Thadée-Caroline Jacquet war ihre Schwester.

Nach ihrem Baccalauréat im Jahr 1890 verbrachte Andrée Viollis drei Jahre als Privatlehrerin in England und besuchte gleichzeitig Kurse in Oxford.[3] Sie setzte ihr Studium in Frankreich fort und erwarb die Licence ès-lettres[A 1] an der Sorbonne.[2]

Sie heiratete Gustave Téry, Absolvent der École normale supérieure, Professor für Philosophie, mit dem sie zwei Töchter hatte, darunter die Journalistin Simone Téry.[4] Sie ließ sich 1901 scheiden.[2] 1905 heiratet sie Henri d’Ardenne de Tizac[5], Historiker für klassische chinesische Kunst und Konservator des Musée Cernuschi.[2] Er war Autor von Romanen unter dem Pseudonym Jean Viollis und das Paar hatte zwei Töchter. Mit ihm engagierte sie sich im literarischen Journalismus und nahm das Pseudonym Viollis an.[3]

Ab 1929 war sie Mitglied des Club des belles perdrix[A 2] (Club der schönen Rebhühner), einer Vereinigung von Schriftstellerinnen und Feinschmeckerinnen. Sie wurde als Offizier der Ehrenlegion ausgezeichnet.[6]

Andrée Viollis wurde auf dem Friedhof Montparnasse beigesetzt. Auf ihrem Grabstein ist kein Geburtsdatum angegeben.

Journalismus

Sie orientierte sich ab nach der Heirat mit Tizac in Richtung Journalismus und begann ihre Karriere mit dem Verfassen von Erzählungen und Studien für Le Petit Parisien, L’Écho de Paris, Excelsior und schließlich für die feministische Zeitung La Fronde von Marguerite Durand, wo sie den investigativen Journalismus für sich entdeckte. Dort setzte sie sich für die Emanzipation und die Rechte der Frauen ein.[2]

Von 1914 bis 1916 engagierte sie sich an der Front als Krankenschwester in Bar-le-Duc und Sainte-Menehould.[2] Le Petit Parisien veröffentlichte ihre Reportagen über die Verwundeten[7] und schickte sie 1917 nach London, um den britischen Premierminister zu interviewen.[8][9] Von 1919 bis 1922 war sie Redaktionsassistentin bei der Times und der Daily Mail.[2] Anschließend wandte sie sich dem Featurejournalismus zu und kam als Sonderkorrespondentin zum Petit Parisien, wo sie über die unterschiedlichsten Themen berichtete: Sportveranstaltungen, große Gerichtsprozesse, politische Interviews, Kriegskorrespondenz. Dort blieb sie zwanzig Jahre lang.[2]

Gleichzeitig war sie ab 1924 die einzige Frau in der Leitung der Journalistengewerkschaft, wo als Anekdote ihre schlagfertige Antwort im Jahr 1932 großen Anklang fand, als ein japanischer Offizier, der über ihre Anwesenheit während japanischer Übergriffe in Shanghai empört war, sie fragte, was sie hier mache, worauf sie antwortete: „Meinen Beruf!“[10]

Sie recherchierte 1927, zehn Jahre nach der Oktoberrevolution, in der Sowjetunion, berichtete 1929 über den Bürgerkrieg in Afghanistan und 1930 über den Aufstand in Indien, begleitete 1931 den Kolonialminister Paul Reynaud nach Indochina und verfolgte 1932 den Konflikt zwischen China und Japan. Während der Volksfront engagierte sie sich an der Seite antifaschistischer Intellektueller und leitete gemeinsam mit André Chamson und Jean Guéhenno die politisch-literarische Wochenzeitung Vendredi[11], in der sie sich für die Spanische Republik und die Opfer der französischen Kolonialisierung einsetzte.[2][12]

Sie war Mitglied des Weltkomitees der Frauen gegen Krieg und Faschismus.[13][2] 1938 trat sie in die Redaktion der kommunistischen Tageszeitung Ce soir[14] ein, die von Louis Aragon und Jean-Richard Bloch geleitet wurde. Sie stand kommunistischen Intellektuellen nah und engagierte sich während des Zweiten Weltkriegs in der Zone Sud in der Résistance. Den Krieg verbrachte sie in Lyon und Dieulefit. Sie veröffentlichte „Le Racisme hitlérien, machine de guerre contre la France“ (Hitlers Rassismus, Kriegsmaschine gegen Frankreich) und engagierte sich im Comité national des écrivains[15] (Nationales Schriftstellerkomitee), einer Organisation des literarischen Widerstands unter der Leitung von Louis Aragon.[16]

1945 arbeitete Andrée Viollis erneut für Ce soir. Außerdem schrieb sie für einige kommunistisch orientierte Publikationen. Mit 76 Jahren stellte sie Hồ Chí Minh, der am 2. Juli 1946 zu einem offiziellen Besuch in Frankreich war, um an der Friedenskonferenz von Fontainebleau teilzunehmen, ihrer jungen Kollegin Madeleine Riffaud vor, bevor sie Anfang 1947 zu einer Reportage nach Südafrika aufbrach.[17] Eine Debatte über die „französischen Gräueltaten“ in Indochina bewegte die Öffentlichkeit ab Ende 1949, als das Buch von Andrée Viollis Indochine SOS, in dem Ho Chi Minh als Verkörperung des Geistes der Widerstandsbewegung beschrieben wird vor dem Hintergrund der Entkolonialisierung (Indien 1947, Burma 1948) neu aufgelegt wurde.[18]

Werke

  • Criquet, Calmann-Lévy, 1913[19]
    • mehrere Neuauflagen, u. a. 2025, La Gibecière à Mots, ISBN 978-2-38442-527-3
  • Lord Northcliffe, B. Grasset,[20]
    • mehrere Neuauflagen, u. a. 2025, Alpha Edition, ISBN 978-2-329-68203-7
  • La Perdrix dorée, Baudinière, 1925
  • La Vraie Mme de La Fayette, Bloud et Gay, 1926[21]
    • Neuauflage 2021, Librofilio, ISBN 978-2-492-90014-3
  • Seule en Russie, de la Baltique à la Caspienne, Gallimard, 1927
  • Alsace et Lorraine au-dessus des passions, V. Attinger, 1928
  • L’Inde contre les Anglais, Éd. des portiques, 1930
  • Tourmente sur l’Afghanistan, Librairie Valois, 1930
    • mehrere Neuauflagen, u. a. 2025, Editions Kailash, ISBN 978-2-84268-244-6
  • Changhaï et le destin de la Chine, R.-A. Corrêa, 1933
  • Le Japon et son empire, B. Grasset, 1933
  • Le Japon intime, F. Aubier, 1934[22]
    • Neuauflage 2021, Librofilio, ISBN 978-2-492-90000-6
  • Indochine S.O.S, Gallimard, 1935
    • mehrere Neuauflagen, u. a. 2025, Editions Kailash, ISBN 978-2-84268-247-7
  • Le conflit sino-japonais, Maupoint, 1938[23]
  • Notre Tunisie, Gallimard, 1939[24]
  • Le racisme hitlérien, machine de guerre contre la France, Les Éditions de la clandestinité, 1944[25]
    • Neuauflage 2021, Librofilio, ISBN 978-2-492-90016-7
  • Le secret de la reine Christine, Éditions Agence Gutenberg, 1944[26]
    • Neuauflage 2021, Prodinnova, ISBN 978-3-96787-935-3
  • Puycerrampion (mit Jean Viollis), La Bibliothèque française, 1947
  • L’Afrique du Sud, cette inconnue, Hachette, 1948[27]

Deutsche Übersetzungen sind nicht bekannt.

Literatur

  • Alice-Anne Jeandel: Andrée Viollis une femme grand reporter, une écriture de l’événement, 1927–1939. Harmattan, 2006, ISBN 2-296-00699-X (google.de).[28]
  • Anne Renoult: Andrée Viollis, une femme journaliste. Presses de l’université d’Angers, 2004, ISBN 2-915751-02-1 (google.de).[28]
  • Marie-Eve Thérenty: Femmes de presse, femmes de lettres – De Delphine de Girardin à Florence Aubenas. CNRS editions, 2019, ISBN 978-2-271-12912-3 (google.de).
Commons: Andrée Viollis – Sammlung von Bildern

Anmerkungen

  1. Die licence ès-lettres würde man heute als Bachelor übersetzen; um 1900 war es jedoch ein weit höherer Abschluss im Bereich der Geisteswissenschaften. Quelle hierzu: Gemini.
  2. Siehe Club des belles perdrix in der frankophonen Wikipédia.

Einzelnachweise

  1. Angaben zu Valentine Claudius-Jacquet in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
  2. a b c d e f g h i j Siehe Biographie von Nicole Racine im Weblink Le Maitron
  3. a b Andrée Viollis. In: Si/si, les femmes existent. Abgerufen am 15. Dezember 2025 (französisch).
  4. Nicole Racine, Anne Mathieu: TÉRY Simone. In: Le Maitron. Abgerufen am 15. Dezember 2025 (französisch).
  5. Jean VIOLLIS. In: Académie française. Abgerufen am 15. Dezember 2025 (französisch).
  6. ARDENNE DE TIZAC D’. In: Base Léonore. Abgerufen am 15. Dezember 2025 (französisch).
  7. Le Petit Parisien vom 24. März 1916, L’Ambulance auf Gallica
  8. Le Petit Parisien vom 2. Dezember 1917; Si nous savons lke vouloir nous gagnerons la guerre auf Gallica
  9. Anne Renoult: Chronique «Fières de lettres» Andrée Viollis, de la «fosse aux ours» aux grands reportages. In: La Libération. 11. Januar 2021, abgerufen am 15. Dezember 2025 (französisch).
  10. L’Humanité vom 28. August 2012; Andrée Viollis Le journalisme, une vocation tyrannique... (Memento vom 21. Dezember 2021 im Internet Archive)
  11. Angaben zu Vendredi in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
  12. Siehe auch Werke
  13. World Committee of Women Against War and Fascism. In: UIA. Abgerufen am 15. Dezember 2025 (englisch).
  14. Angaben zu Ce soir in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
  15. Angaben zu Comité national des écrivains in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
  16. Bertrand Matot: Bernard Matot. L'éveilleur éditions - Bordeaux, 2019, ISBN 979-1-09601140-7, S. 79–89.
  17. Anne Renoult: Indochine SOS : Andrée Viollis et la question coloniale – par Anne Renoult. In: Hypothèses. Abgerufen am 15. Dezember 2025 (französisch).
  18. Sylvain Pons: Les visages d’un ennemi : la fabrication du Viêt-Minh, 1945–1946. In: Relations internationales. 2007, doi:10.3917/ri.130.0029.
  19. Criquet auf Gallica
  20. Lord Northcliffe auf Gallica
  21. La Vraie Mme de La Fayette auf Gallica
  22. Le Japon intime auf Gallica
  23. Le conflit sino-japonais auf Gallica
  24. Notre Tunisie auf Gallica
  25. Le racisme hitlérien, machine de guerre contre la France auf Gallica
  26. Le Secret de la reine Christine auf Gallica
  27. L’Afrique du Sud, cette inconnue auf Gallica
  28. a b Michelle Zancarini-Fournel: Anne Renoult, Andrée Viollis. Une femme journaliste ; Alice-Anne Jeandel, Andrée Viollis : une femme grand reporter. Une écriture de l’événement, 1927-1939. In: Clio. 2008, doi:10.4000/clio.9022.