Andrée Defferre-Aboulker

Andrée Marie Henriette Defferre-Aboulker (geboren am 14. Januar 1912 in Algier; gestorben am 29. August 1993 in Manosque)[1] war eine französische Résistante und Politikerin.

Familie

Andrée Aboulker stammte aus einer Familie jüdischer Ärzte aus Algier und war die einzige Tochter des Arztes Albert Aboulker und von Semha Aboulker.[2][3] Die Familie Aboulker gehörte zu den bedeutendsten jüdischen Familien Algiers. Sie brachte sowohl Rabbiner hervor, darunter den Großrabbiner von Algier, Isaac Aboulker, der 1815 auf Befehl des Dey enthauptet wurde, als auch Ärzte wie Dr. Moïse Aboulker[4], einen der ersten Juden aus Französisch-Algerien, der in Frankreich Medizin studierte und dem Georges Clemenceau für seine Rolle während der Belagerung von Paris 1870 dankte,[5] oder auch Professor Pierre Aboulker[6], der General de Gaulle operierte.[7]

Leben

Andrée Aboulker machte ihr Baccalauréat in Dakar.[8] Sie heiratete dort sehr jung den Kolonialbeamten François Baron, einen surrealistischen Dichter und Bewunderer der russischen Revolution[8] und drogenabhängig[9].[8]Sie studierte danach Medizin in Marseille und engagierte sich in der kommunistischen Jugendorganisation Jeunesses communistes.

Mit 17 Jahren lernte sie Gaston Defferre kennen, und während einer Reise ihres Mannes nach Moskau kamen sie sich näher.[10] Sie trennten sich und trafen sich drei Jahre später in Marseille wieder.[9] Später sahen sie sich in Paris wieder, wo sie Gaston Defferre in surrealistische Kreise einführte.[8][9] Sie beendete ihr Medizinstudium, und sie heiraten.[2] Während des spanischen Bürgerkriegs blieb Aboulker in Marseille, um an der Seite ihres Ehemannes Gaston die Verwundeten zu versorgen.[8][9]

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, engagierte sie sich in der Résistance. Im Januar 1943 floh das Paar aus Marseille, weil es denunziert worden war[8], und sie ging zunächst nach Annecy[9], dann nach Paris[11], während ihr Mann nach Lyon ging[8] und dann nach Marseille[11] zurückkehrte. 1943 schlossen sie sich den Vereinigten Widerstandsbewegungen an.[2] Sie lebten in Algier, als die Regierung des freien Frankreichs die Stadt zu ihrer Hauptstadt machte.[2]

Im November 1944 wurde sie von den Vereinigten Widerstandsbewegungen, zu denen auch ihr Netzwerk France au Combat[A 1] gehörte, als Delegierte in die Provisorische Beratende Versammlung entsandt.[12] Ihr Ehemann hatte sie gebeten, ihn in dieser Versammlung zu vertreten.[9] Andrée Aboulker war eine von zwölf (ab Juni 1945 bald sechzehn) Frauen, die in der Provisorischen Beratenden Versammlung saßen. Als Mitglied der Kommission für öffentliche Gesundheit[13] engagierte sie sich insbesondere für die psychische Gesundheit[9] und kritisierte den Haushalt für das algerische Bildungswesen, der ihrer Meinung nach nicht ausreichte, um die Schulbildung der einheimischen algerischen Kinder zu gewährleisten.[14]

Andrée Aboulker war eine glühende kommunistische Aktivistin, während Gaston Defferre ein pragmatischer Sozialist war. Der Zweite Weltkrieg, die Widerstandsbewegung und das Leben im Untergrund trennten Andrée und Gaston physisch voneinander, und das Paar ließ sich am 23. März 1945 scheiden.[10]

Nach ihrer Wiederverheiratung mit (ihrem Cousin) José Aboulker 1947 trat sie zusammen mit ihm der Kommunistischen Partei Frankreichs bei.[15] Als promovierte Ärztin für Allgemeinmedizin und Kinderheilkunde leitete sie mehrere kommunistische Gesundheitszentren im Großraum Paris. Nach ihrer Pensionierung engagierten sich Andrée und José Aboulker in der französisch-palästinensischen Ärztevereinigung.

Andrée Aboulker-Defferre wurde mit der Médaille de la Résistance ausgezeichnet.[16]

Literatur

  • Michèle Cointet: Histoire des 16; Les premières femmes parlementaires en France. Fayard, 2017, ISBN 978-2-213-70700-6 (google.de).
Commons: Andrée Defferre-Aboulker – Sammlung von Bildern

Anmerkungen

  1. Siehe weiterführend France au combat in der französischsprachigen Wikipédia.

Einzelnachweise

  1. Aboulker Andree Marie Henriette. In: matchID. Abgerufen am 27. Oktober 2025 (französisch).
  2. a b c d René Gallissot: DEFFERRE Gaston. In: Le Maitron. Abgerufen am 27. Oktober 2025 (französisch).
  3. Aliza Yehezkiel: The Davidic Families The Genealogy of Colette Aboulker-Muscat. Aliza Yehezkiel, 2003, ISBN 978-965-90295-1-8, S. 26 (google.de).
  4. Moïse Aboulker. In: memoireafriquedunord.net. Abgerufen am 27. Oktober 2025 (französisch).
  5. L’enseignement primaire en Algérie; L’école juive (Memento vom 14. Februar 2008 im Internet Archive)
  6. Aboulker, Pierre. In: Université Paris Cité. Abgerufen am 27. Oktober 2025 (französisch).
  7. Aboulker, une famille juive algéroise. In: jpderrida. Abgerufen am 27. Oktober 2025 (französisch).
  8. a b c d e f g Gérard Unger: Gaston Defferre. Fayard, 2011, ISBN 978-2-213-66163-6.
  9. a b c d e f g Siehe Literaturliste Cointet 2017
  10. a b William Kornblum: Marseille, Port to Port. Columbia University Press, 2022, ISBN 978-0-231-55582-1.
  11. a b Georges Marion: Gaston Defferre. Albin Michel, 1989, ISBN 978-2-226-03542-4, S. 101.
  12. Anne-Marie Gouriou, Roseline Salmon: Annexe du répertoire : Assemblée consultative provisoire (Alger) 1944–1945. Archives nationales (Paris), 2008 (gouv.fr [PDF]).
  13. La Femme vom 30. April 1945 auf Gallica
  14. Journal officiel de la République française; Sitzung der Assemblée consultative provisoire am 18. Juli 1945 auf Gallica
  15. José ABOULKER. In: L’Ordre de la Libération. Abgerufen am 27. Oktober 2025 (französisch).
  16. Andrée Marie ABOULKER. In: L’Ordre de la Libération. Abgerufen am 27. Oktober 2025 (französisch).