André Lorulot
André Georges Rulot, genannt André Lorulot (geboren am 23. Oktober 1885 in Paris; gestorben am 11. März 1963 in Herblay-sur-Seine), war ein französischer Journalist, der dem Anarchismus und Freidenkertum zugehörte.
Leben
André Roulot stammte aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater, Lithograf in einer Druckerei, starb an einer Bleivergiftung. Seine Mutter war Modistin. Er war von eher schwacher Konstitution, sehr fleißig und zeigte gute schulische Leistungen. Nach seinem Schulabschluss mit vierzehn Jahren arbeitete er in verschiedenen Bereichen.
1905 lernte er Albert Libertad kennen und gründete mit ihm und einigen anderen die individualistische Wochenzeitung L’Anarchie, deren erste Ausgabe am 13. April 1905 erschien.[1] Ab 1906 lebte er mit seiner Lebensgefährtin Émilie Lamotte in einer anarchistisch-kommunistischen Kolonie in Saint-Germain-en-Laye. In dieser Zeit war er auch auf Vortragsreisen in ganz Frankreich unterwegs, wo er des Öfteren mit dem Gesetz in Konflikt kam: 8 Tage Haft wegen Auspfeifen des spanischen Königs, ein Jahr wegen „Anstiftung zum Mord“ und 15 Monate wegen „Anstiftung von Soldaten zum Ungehorsam“.[A 1]
Lorulot und Lamotte beendeten das Experiment Saint-Germain-en-Laye 1908 und brachen zu Vortragsreisen auf; Lamotte starb 1909 auf einer diesen Fahrten. Danach übernahm er bis 1911 die Leitung von L’Anarchie. In der Folge gründete er die Zeitschrift L’Idée libre[2]. Infolge seiner Kontakte zur Bonnot-Bande wurde erneut gegen ihn ermittelt; er blieb aber straffrei. Eine moralische Verantwortung erkannte er aber an, als er in L’Anarchie fragte, ob er und seine Freunde nicht „eine gewisse indirekte, unbeabsichtigte Verantwortung für diese Massaker“ trugen.[3]
1912 wurde Jeanne Giorgis seine Lebensgefährtin. Er blieb bis zu seinem Lebensende mit ihr zusammen und gemeinsam zogen sie die Tochter Giorgis’ groß. Am 24. Juni 1953 heirateten sie in Herblay. In den Nachkriegsjahren wandte sich Lorulot von anarchistischen Kreisen ab und wurde zum offiziellen Propagandisten des freien Denkens.
Auch 1915 wurde er verhaftet und nach einem halbjährigen Gefängnisaufenthalt für vier Jahre aus Paris verbannt. 1920 schloss er sich der Bewegung „Réveil de l’Esclave“ (Erwachen des Sklaven) von Manuel Devaldès[4] an. Seine Bekanntschaft mit Léon Prouvost[5] führte in zu antireligiösen Themen hin. 1921 übernahm er von Prouvost die Herausgabe des l’Antireligieux (später zunächst l’Action antireligieuse und danach La Libre pensée genannt). Ein Nachlassstreit mit Prouvosts Erben ging allerdings negativ für Lorulot aus.
1921 wurde Lorulot als Propagandabeauftragter Vorstandsmitglied der Fédération nationale de la libre pensée (Nationale Föderation der Freidenker). Die Auseinandersetzungen, die dieses Amt mit sich brachte, ermutigten ihn zur Wiedergründung der satirischen Zeitschrift La Calotte[6]. Von der anarchistischen Bewegung trennten ihn zu dieser Zeit seine Bewunderung für die bolschewistische Revolution. Obwohl er gegen die deutsche Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg agitierte, blieb er in dieser Zeit unbehelligt.
Die französische Sprachversion erwähnt eine Mitgliedschaft in einer Freimaurer-Loge; Le Maitron (siehe Weblink) bestreitet dies.
1945 nahm er seine antireligiösen Aktivitäten wieder auf, wurde Generalsekretär und dann auf dem Kongress in Lyon im August 1958 Präsident der Fédération nationale des Libres penseurs de France et de la communauté (Nationaler Verband der Freidenker Frankreichs und der Gemeinschaft). Er war auch Vizepräsident der Union mondiale des Libres penseurs[7] (Weltunion der Freidenker).
Werke
Die französische Sprachversion führt eine Vielzahl von Werken an. In der Datenbank der Bibliothèque national de France (siehe Weblink) sind 150 Werke erfasst; viele davon mit einer Verlinkung auf Gallica. Erwähnt werden sollte zusätzlich seine Mitarbeit an der Encyclopédie anarchiste[8] von Sébastien Faure.
Literatur
- Heiner Jestrabek: André Lorulot (1885–1963) – Leben und Ideen eines Freidenkers. Verlag freiheitsbaum, edition Spinoza, 2024, ISBN 978-3-922589-75-4.
- Jacqueline Lalouette: La libre pensée en France : 1848–1940. Albin Michel, 2014, ISBN 978-2-226-29734-1 (google.de).
- Jean-Marc Schiappa: Une histoire de la libre-pensée. L'Harmattan, 2011, ISBN 978-2-296-46414-8 (google.de).
Weblinks
- René Bianco, Anne Steiner: LORULOT André. In: Le Maitron. (französisch).
- André Lorulot auf Wikiquote (französisch)
- 11 mars. In: Éphéméride anarchiste. (französisch).
- LORULOT André. In: Dictionnaire international des militants anarchistes : notice biographique. (französisch).
- René Bianco: André Lorulot. In: Bianco : presse anarchiste. (französisch).
- Cartes postales. In: Cartoliste. (französisch).
- Affiches. In: Ficedl. (französisch).
- Auteur André LORULOT (1885–1963). In: CIRA. (französisch).
- Angaben zu André Lorulot in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
Anmerkungen
- ↑ Im letzten Fall ging es um eine Broschüre mit dem Namen L’Idole patrie et ses conséquences (Das Idol Heimatland und seine Folgen)
Einzelnachweise
Der Artikel beruht weitgehend auf den Ausführungen der Historiker René Bianco und Anne Steiner im Dictionnaire des anarchistes (siehe dazu den Weblink Le Maitron).
- ↑ L’Anarchie vom 13. April 1905. (PDF) In: Archives autonomies. Abgerufen am 18. Oktober 2025 (französisch).
- ↑ Angaben zu L’Idée libre in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
- ↑ L’Anarchie vom 24. April 1913. In: Archives autonomies. Abgerufen am 18. Oktober 2025 (französisch).
- ↑ Jean Maitron, Rolf Dupuy: DEVALDÈS Manuel. In: Le Maitron. Abgerufen am 18. Oktober 2025 (französisch).
- ↑ René Bianco, Jacques Girault, Rolf Dupuy: PROUVOST Léon. In: Le Maitron. Abgerufen am 18. Oktober 2025 (französisch).
- ↑ Angaben zu La Calotte in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
- ↑ Weltunion der Freidenker. Abgerufen am 18. Oktober 2025.
- ↑ Encyclopédie anarchiste de Sébastien Fauré. In: Encyclopédie anarchiste. Abgerufen am 18. Oktober 2025 (französisch).