Anders Karitz
Anders Karitz (* 28. Februar 1881 in Östra Sönnarslöv; † 10. Februar 1961 in Uppsala) war ein schwedischer Philosoph, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirkte.
Herkunft und Ausbildung
Anders Karitz war der Sohn eines Häuslers aus Nordskåne. Er verlor früh seine Eltern und musste sich selbst sowie vier Schwestern unterhalten. Trotz dieser ungünstigen Voraussetzungen wurde er 1900 Student an der Universität Lund, wo er in Literaturgeschichte, Pädagogik sowie praktischer und theoretischer Philosophie Bestnoten erhielt. Während seiner Studienzeit gehörte Karitz zu den radikalen Kreisen in Lund und lernte unter anderem Ernst Wigforss kennen, der später sozialdemokratischer Finanzminister (1932–1936 und 1936–1949) wurde.[1] Nach seiner Promotion an der Universität Lund im Jahr 1913 wurde er im selben Jahr Dozent für theoretische Philosophie. In den Jahren 1918–1919 war er kommissarischer Professor der Philosophie an der Hochschule Göteborg und wirkte anschließend von 1934 bis 1946 als Professor für theoretische Philosophie an der Universität Uppsala.[2]
Philosophie und wissenschaftliches Werk
Mit seinen frühen Schriften Thorild och hans filosofi (1908) und der Dissertation Tankelinjer hos Thorild (1913) legte Karitz den Grundstein für die moderne Thomas-Thorild-Forschung in Schweden. Er betonte die engen ideengeschichtlichen Zusammenhänge zwischen Thorilds zentralen Begriffen und den philosophischen Systemen von Gottfried Wilhelm Leibniz und Baruch Spinoza. Darüber hinaus veröffentlichte Karitz mehrere Arbeiten zur Entwicklung und Gedankenwelt Thorilds. Der Ideenhistoriker Svante Nordin bezeichnete die Thorild-Forschung Karitz’ als bahnbrechend und als den qualitativen Schwerpunkt seines Gesamtwerks.[3]
In Tillvarons motsatsspel (1932) entwickelte Karitz seine eigene philosophische Position und eine Theorie der grundlegenden seelischen Funktionen und Erkenntnisprozesse des Menschen, verstanden als ein ständiges Operieren mit Gegensätzen – hoch und niedrig, gut und böse, wahr und falsch, warm und kalt usw. Diese Theorie fand jedoch kaum Anerkennung. Im selben Jahr erschien auch Philosophie und Spezialforschung, in dem Karitz das Wechselverhältnis zwischen Philosophie und den verschiedenen Einzelwissenschaften untersuchte.[4] In der Abhandlung Mytos och logos. Filosofiens dubbeluppgift entwickelte Karitz seine Auffassung von der Philosophie und ihrer Methode. Er kam zu dem Schluss, dass die Philosophie zwei Aufgaben habe: Zum einen solle sie eine Wissenschaftslehre sein, die gründliche Kenntnisse der Einzeldisziplinen voraussetzt, zum anderen eine Weltanschauungslehre. Letztere umfasste sowohl eine Lehre über Weltanschauungen – also Philosophiegeschichte – als auch eine Lehre in Weltanschauung, d. h. eine Metaphysik.[5]
Opposition gegen die Uppsala-Philosophie
1933 wurde Karitz zum Professor an der Universität Uppsala ernannt. Diese Berufung stieß auf heftigen Widerstand seitens der Vertreter der sogenannten Uppsala-Philosophie, die auf Axel Hägerström zurückging und sich vor allem durch Emotivismus und Wertnihilismus auszeichnete. Vertreter dieser Richtung betrachteten Tillvarons motsatsspel als nahezu dilettantisch. Zu den führenden Vertretern der Uppsala-Philosophie zählten in den 1930er Jahren vor allem Schüler von Adolph Phalén sowie Ingemar Hedenius, der später selbst eine stärker angelsächsisch geprägte Richtung einschlug. Zentrum ihrer Aktivitäten war der Filosofiska föreningen in Uppsala, dessen Diskussionen sich hauptsächlich auf begriffsanalytische Fragen konzentrierten. Karitz schlug vor, auch Probleme an der Schnittstelle zwischen Philosophie und Einzeldisziplinen zu behandeln, was jedoch vom Vorstand des Vereins abgelehnt wurde.
Als Reaktion darauf initiierte Karitz 1935 die Gründung des Föreningen för filosofi och specialvetenskap (Verein für Philosophie und Spezialwissenschaft). Er wurde in deren Vorstand gewählt. Ziel des Vereins war es, die Zusammenarbeit zwischen Philosophie und den Spezialwissenschaften zu fördern und deren organisatorische Struktur zu diskutieren. In den folgenden Jahren wurde der Verein in Uppsala zu einem Sammelpunkt für Karitz’ Anhänger und für den Widerstand gegen die Uppsala-Philosophie.[4]
Persönlichkeit
Karitz galt als eine eigenwillige und exzentrische Persönlichkeit. Åke Ohlmarks schrieb über ihn:
- „Karitz ging gekleidet wie ein Landstreicher. [...] Er rauchte nicht, er trank nicht; jeden Öre, den er durch seine bescheidenen Dozenten- und Forschungsstipendien verdiente, verwendete er für den Kauf von Büchern und den Druck seiner Schriften.“[5]
Auch Per Meurling hinterließ Erinnerungen an Begegnungen mit Karitz aus der gemeinsamen Zeit in Lund, die dessen Eigenbrötelei schildern:
- „In seinem alten Regenmantel schlich er ängstlich an den Hauswänden entlang. Sein Gesicht war ernst, die Zwickerbrille hing an einer Schnur am Ohr, und plötzlich, wenn er jemandem begegnete, blieb er stehen und begann zu schreiben. Was schrieb er? Aber schreiben, schreiben, schreiben. Vielleicht glaubte er, die Wirklichkeit mit dem Bleistift festhalten zu können. Die wohl unordentlichen Notizen bewahrte der Philosoph in Schachteln für Damenstrümpfe auf, die er in Modegeschäften erhielt.“[6]
In seinen späteren Jahren entwickelte Karitz ein zunehmendes Misstrauen gegenüber seiner Umgebung, insbesondere nach der Nachricht von der Ermordung des Philosophen Moritz Schlick im Jahr 1936.
Werke
- Präster, pengar och kultur. Malmö 1908.
- Thorild och hans filosofi. In: LUÄ, N. F., Afd. 1, Bd. 4, Nr. 1, Lund 1908, S. 69–107.
- Tankelinjer hos Thorild. Ungdomsårens filosofi. Lund 1913.
- Thomas Thorild: a characterization. In: The Monist, Vol. 34 (1924), S. 426–451; wieder in überarb. Form in: The Personalist, Vol. 7 (1926), S. 164–177, 273–283.
- Nordischer Spinozismus. In: Chronicon Spinozanum, T. 5, Haag 1927, S. 165–179.
- Om filosofiens uppgift. Lund 1929.
- Tillvarons motsatsspel. Lund 1932.
- Das philosophische Einheitserleben und die Mystik. Lund 1932.
- Die Gegensatzauffassung bei vorsokratischen Denkern. Lund 1932.
- Philosophie und Spezialforschung. Lund 1932.
- Vad är filosofi? Lund 1933.
- Rätten till filosofiprofessuren. Lund 1933.
- Filosofiens dubbeluppgift. In: OoB, Årg. 44 (1935), S. 148–153; erweitert Lund 1936.
- Modern engelsk filosofi. In: Pedagogisk tidskrift, Årg. 72 (1936), S. 254–259.
- Till tolkningen av Berkeley och Hume. Uppsala 1938.
- Sanning, makt och världsfred. In: OoB 52 (1943), S. 431–438; erw. Ausg. in HVUÅ 1954, Uppsala & Wiesbaden 1956, S. 5–41.
- Das Symbol und der seelische Funktionszusammenhang. In: Theoria 15 (1949), S. 128–140.
- Förord / Filosofi och specialvetenskap / Bidrag till en historik. In: Skrifter utg. av Föreningen för filosofi och specialvetenskap 2, Uppsala 1950, S. 5–68.
- Kan filosofien nå längre än fackdisciplinerna? In: ibid. 3 (1955), S. 1–14.
- Thorild. In: Festschrift zum 500-Jahrfeier der Universität Greifswald, Bd. 2, Greifswald 1956, S. 83–92.
- Skrifter i urval. Hrsg. v. T. Brunius u. S. Engdahl. Solna (Uppsala) 1972 (= Skrifter utg. av Föreningen för filosofi och specialvetenskap 4).
Herausgegebene Schriften
- Thomas Thorild: Brev. Uppsala 1899–1942 (= Skrifter utg. av Svenska litteratursällskapet 19).
- Skrifter utg. av Föreningen för filosofi och specialvetenskap 3: Vidgade vyer inom olika forskningsgrenar. Stockholm 1955.
Übersetzungen
- [Unvollendete Übersetzung deutscher Gedichte von Thomas Thorild.] In: HVUÅ 1960–1962, Uppsala/Wiesbaden 1964, S. 187–203.
Literatur
- Svante Nordin: Från Hägerström till Hedenius: Den moderna svenska filosofin. Stockholm 1983.
- Svenskt biografiskt lexikon. Band 20 (1973–1975), S. 618.
- Per Meurling: Lund mellan världskrigen. Under Lundagårds kronor. Fjärde samlingen. Lund 1957.
- Föreningen för filosofi och specialvetenskap 50 år. Uppsala 1985.
Einzelnachweise
- ↑ Svante Nordin, S. 15.
- ↑ Svenskt biografiskt lexikon, Band 20 (1973–1975), S. 618.
- ↑ Svante Nordin, S. 15.
- ↑ a b FFSv 50 år, S. 10–11.
- ↑ a b Svante Nordin, S. 16.
- ↑ Meurling, S. 320 f.