Anders G. J. Rhodin

Anders Gunnar Johannes Rhodin (* 11. Dezember 1949 in Stockholm), meist als Anders G. J. Rhodin zitiert, ist ein US-amerikanischer Orthopäde sowie Schildkrötenforscher (Testudologe) und Naturschützer.

Leben

Rhodin ist der Sohn des Mediziners und Biologen Johannes Arne Gosta Rhodin (1922–2004). Er wurde in Schweden geboren und wanderte im Januar 1958 im Alter von 8 Jahren in die USA aus. 1971 erwarb er einen Bachelor-Abschluss an der Dartmouth University in Hanover, New Hampshire. Dort war der Herpetologe und Mammaloge Russell Mittermeier sein Zimmergenosse. Im selben Jahr reisten sie zusammen in das Amazonasgebiet, um Affen und Schildkröten zu suchen. Während einer Kanufahrt gemeinsam mit Mittermeier in die Wildnis entlang des Rio Negro erhielt er von einer indigenen Familie eine kleine Landschildkröte als Haustier – ein Geschenk, das die Weichen für seine wissenschaftliche und berufliche Laufbahn stellen sollte. Sein Interesse, sich um dieses Tier zu kümmern, wuchs stetig, ebenso sein Wunsch, so viel wie möglich über Schildkröten zu lernen. Er begann sein Medizinstudium an der Universität Göteborg in Schweden, setzte es am New York Medical College fort und erhielt 1977 seinen Doktortitel (M.D.) in Medizin an der University of Michigan.

Seine Facharztausbildung in orthopädischer Chirurgie absolvierte er an der Yale University, wo er zudem vergleichend-anatomische Studien an Meeressäugern und Schildkröten unter der Betreuung seines Mentors John Ogden durchführte. Während seiner Zeit an der Yale machte er die bedeutende Entdeckung, dass Lederschildkröten dicke, stark durchblutete Knorpel besitzen – ein außergewöhnlicher und wichtiger Befund, den er 1981 in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte.[1] Zudem lieferte er anatomische und histologische Nachweise für ein säugetierähnlich schnelles Knochenwachstum bei Lederschildkröten und fossilen Meeresschildkröten, darunter eine bedeutende Arbeit zur Elektronenmikroskopie dieser Knorpelkanäle, die er gemeinsam mit seinem Vater verfasste.

Nach Abschluss seiner medizinischen Ausbildung arbeitete er mehrere Monate in einem Krankenhaus im Hochland von Papua-Neuguinea. Diese Tätigkeit diente nicht nur der Erfüllung seiner medizinischen Ausbildungsanforderungen, sondern ermöglichte ihm auch den Zugang zur Schildkrötenfauna Neuguineas. Von 1982 bis 2019 war er in einer privaten Praxis sowie im Heywood Hospital in Lunenburg, Massachusetts tätig, wo er sich in 15 Bereichen spezialisiert hatte, darunter Arthroskopie, Knochenbrüche und Karpaltunnelsyndrom. Heute ist er im Ruhestand und lebt mit seiner Ehefrau Carol Conroy in Vermont.

Seit 1972 widmet sich Rhodin der Schildkrötenforschung, zunächst am Museum of Comparative Zoology der Harvard University, wo er unter der informellen Betreuung von Ernest Edward Williams seine Zusammenarbeit mit Russell Mittermeier in der Schildkrötenforschung fortsetzte. Taxonomische Arbeiten an Halswender-Schildkröten (Familie Chelidae) führten schließlich zur Beschreibung vier weiterer neuer Taxa aus Roti (Indonesien), Osttimor und Südamerika. Er ist Autor von über 300 wissenschaftlichen Publikationen und hat mehrere neue Schildkrötenarten beschrieben, darunter drei gemeinsam mit Russell Mittermeier. Hierzu zählen Acanthochelys macrocephala (Rhodin, Mittermeier & McMorris, 1984), Chelodina mccordi Rhodin, 1994, Chelodina parkeri Rhodin & Mittermeier, 1976, Chelodina pritchardi Rhodin, 1994 sowie Phrynops williamsi Rhodin & Mittermeier, 1983

Mehrere Jahre lang beteiligte sich Rhodin aktiv an der Erforschung der brütenden und wandernden Lederschildkröten auf Culebra (Puerto Rico) in Zusammenarbeit mit Molly Lutcavage und brachte dabei moderne orthopädische Operationstechniken in die Entwicklung experimenteller Satellitensender-Befestigungen an Schildkrötenpanzern ein.

Rhodin war 1992 Gründer er Chelonian Research Foundation (CRF), einer philanthropischen, gemeinnützigen Organisation, die auf die Förderung, Veröffentlichung und Unterstützung weltweiter Schildkrötenforschung fokussiert ist. Er ist zudem Gründungsherausgeber und Verleger von Chelonian Conservation and Biology (CCB), einer seit 1993 bestehenden, peer-reviewed Fachzeitschrift, die sich ausschließlich Schildkröten und Landschildkröten widmet, die zeitweise einen der höchsten ISI-Impact-Faktoren (International Scientific Indexing) aller herpetologischen Fachjournale weltweit erreichte, sowie von Chelonian Research Monographs (CRM), einer seit 1996 erscheinenden Buchreihe mit Schwerpunkt auf Forschung und Schutz dieser Tiergruppen, und die Loseblatt-Sammlung Conservation Biology of Freshwater Turtles and Tortoises (CBFTT) sowie des Turtle and Tortoise Newsletter (TTN) (2000–2011).

In jüngerer Zeit war er Hauptautor der jährlich erscheinenden Checklist of Turtles, die von der Turtle Taxonomy Working Group erstellt wird und eine gemeinsame Grundlage für die Schildkrötenforschung schafft sowie zur Vereinheitlichung der Nomenklatur und Taxonomie beiträgt.

Durch die CRF unterstützte Rhodin mit dem von ihm gegründeten Linnaeus Fund (benannt nach Carl von Linné) direkt Schildkrötenforschung und -schutz. In 20 Jahren wurden über 118 Projekte weltweit mit insgesamt mehr als 140.000 US-Dollar gefördert.

Seit 2017 werden beide Publikationen gemeinsam mit der Turtle Conservancy herausgegeben. Von 2000 bis 2012 war Anders Co-Vorsitzender bzw. Vorsitzender der IUCN Tortoise and Freshwater Turtle Specialist Group (TFTSG) und ist derzeit deren stellvertretender Vorsitzender.

Im Jahr 2012 erhielt er den Sir Peter Scott Award for Conservation Merit der Species Survival Commission der International Union for the Conservation of Nature (IUCN) sowie den Behler Turtle Conservation Award der Turtle Survival Alliance und der TFTSG. Er ist Vorsitzender des Verwaltungsrats der Turtle Conservancy, Gründungs-Co-Vorsitzender des Turtle Conservation Fund, des Turtle Taxonomy Fund und des Congdon-Dickson Turtle Ecology Fund sowie Gründungsmitglied des Verwaltungsrats der Turtle Survival Alliance und des African Aquatic Conservation Fund.

Anders Rhodin widmet einen Großteil seiner Zeit der Arbeit innerhalb der weltweiten Schildkröten-Schutzgemeinschaft – marin, terrestrisch und limnisch. Er war langjähriges Mitglied der IUCN/SSC Marine Turtle Specialist Group und Vorstandsmitglied der International Sea Turtle Society. 1981 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der IUCN/SSC Freshwater Chelonian Specialist Group und war stellvertretender Vorsitzender (1991–2000), Co-Vorsitzender (2000–2005) und Vorsitzender (2005–2012) der Tortoise and Freshwater Turtle Specialist Group (TFTSG).

Er war maßgeblich an der Gründung der Turtle Survival Alliance (TSA) (2001) und des Turtle Conservation Fund (TCF) (2002) beteiligt und ist weiterhin Vorstandsmitglied beider Organisationen. Zudem ist er Mitglied im Beirat des Vorsitzenden von Conservation International und im Vorstand der Turtle Conservancy.

Er gehörte verschiedenen Leitungs- und Beratungsgremien von IUCN und CITES an, darunter den Steuerungs- und Roten-Listen-Komitees der Species Survival Commission sowie dem Beirat des Mohamed bin Zayed Endangered Species Conservation Fund.

Im Februar 2012 wurde er von der IUCN Species Survival Commission (SSC) für seine langjährigen Verdienste im Bereich des Schildkröten- und Landschildkrötenschutzes mit dem Sir Peter Scott Award for Conservation Merit, der höchsten Auszeichnung der SSC, geehrt.

Im Oktober 2025 kündigte der katalanische Verlag Lynx Editicions das siebenbändige Buchprojekt Handbook of the Reptiles of Word an, bei dem Mittermeier und Rhodin als federführende Herausgeber fungieren, und dessen Veröffentlichung ab Januar 2026 stattfinden soll.

Dedikationsnamen

2015 benannte der australische Herpetologe Scott A. Thomson die Süßwasserschildkröte Elseya rhodini aus Papua-Neuguinea zu Ehren von Anders G. J. Rhodin.[2]

Literatur

  • Russell A. Mittermeier and Peter Paul van Dijk: Behler Award: Anders G.J. Rhodin – an Appreciation In: Turtle Survival Magazine, 2012, S. 61–62.
  • Interview: Anders G. J. Rhodin In: Fabrizio Li Vigni: A Life for Reptiles and Amphibians, Edition Chimaira, 2013, ISBN 978-3-89973-199-6, S. 235–244

Einzelnachweise

  1. Anders G. J. Rhodin, John A. Ogden, Gerald J. Conlogue: Chondro-osseous morphology of Dermochelys coriacea, a marine reptile with mammalian skeletal features. In: Nature. Band 290, Nr. 5803, März 1981, ISSN 1476-4687, S. 244–246, doi:10.1038/290244a0 (nature.com [abgerufen am 29. Oktober 2025]).
  2. Scott Thomson, Yolarnie Amepou, Jim Anamiato, Arthur Georges: A new species and subgenus of Elseya (Testudines: Pleurodira: Chelidae) from New Guinea. In: Zootaxa. Band 4006, Nr. 1, 21. August 2015, ISSN 1175-5334, S. 59–82, doi:10.11646/zootaxa.4006.1.3 (mapress.com [abgerufen am 29. Oktober 2025]).