Amador Vieira
Amador Vieira (* 16. Jahrhundert auf São Tomé; † 14. August 1595 oder am 4. Januar 1596 in São Tomé) war ein são-toméischer Sklave und Anführer eines Sklavenaufstandes auf São Tomé im Jahr 1595.
Quellenlage
Es gibt nur zwei überlieferte Quellen zum Leben und Wirken Amador Vieiras. Viele Details seiner Biografie verbleiben deshalb im Dunklen. Überliefert ist zum einen ein zeitgenössisches Manuskript, das in einem Werk des Paters Manuel do Rosário Pinto (1669–1738?) publiziert wurde. Das Manuskript wird heute in der Biblioteca de Ajuda, einem Teil der portugiesischen Nationalbibliothek in Lissabon, aufbewahrt.[1]
Ein weiterer Bericht in italienischer Sprache ist ohne Datierung und Autor überliefert. Er stammt mutmaßlich aus der Hand eines Geistlichen und wird heute in der Vatikanischen Bibliothek aufbewahrt.[1]
Biografie
Amador Vieiras Geburtsdatum ist nicht überliefert. Er dürfte nach Mitte des 16. Jahrhunderts geboren worden sein. Auch über seinen Werdegang ist kaum etwas bekannt, lediglich dass bereits seine Eltern Sklaven auf Zuckerrohrplantagen portugiesischer Kolonialherren arbeiteten. Amador Vieira selbst war ebenfalls Sklave. Während das Rosário-Pinto-Manuskript angibt, dass er ein Sklave von Bernardo Vieira war, nennt das vatikanische Dokument einen Dom Fernando als seinen Besitzer. Dabei könnte es sich aber auch um eine Verwechslung mit dem damaligen Gouverneurs São Tomés, Fernando de Meneses, handeln. Amador Vieira führte Mitte 1595 einen Sklavenaufstand an. Nach dessen Scheitern wurde er hingerichtet.[1][2]
Rolle während des Sklavenaufstandes 1595
Amador Vieiras führte 1595 einen Sklavenaufstand von São Tomé an. Der unmittelbare Anlass der Revolte ist nicht überliefert. Jedoch hatte es einerseits bereits in den Jahrzehnten davor Übergriffe entlaufener Sklaven auf die Plantagen und Siedlungen der Kolonialherren gegeben. Auf diese Übergriffe reagierten die portugiesischen Siedler mit einem Buschkrieg.[3] Einerseits befand sich die örtliche Verwaltung in einer Krise. So hatte im Vorfeld der örtliche Bischof den Gouverneur exkommuniziert und anschließend die Insel verlassen. Andererseits befand sich die für São Tomé existenzielle Zuckerproduktion bereits im Niedergang.[2]
Der Aufstand begann am 9. Juli mit der Tötung einiger Weißer während einer Messe in der Kirche von Trindade. Bis zum 11. Juli erhielt Amador Vieiras Revolte Zulauf. Die Sklaven griffen die Zuckermühlen an und brannten 15 nieder.[4] In einem ersten Zusammentreffen mit bewaffneten Kräften des Gouverneurs wurden drei Weiße getötet. In den folgenden Tagen stieg die Anzahl der revoltierenden Sklaven auf rund 2000. Ihnen fiel rund die Hälfte aller Mühlen auf der Insel zum Opfer[3]
Am 14. Juli erklärte sich Amador Viera zum König der Insel und versprach allen Sklaven, die sich ihm anschlossen, die Freiheit. Bei einem Angriff von rund 800 Sklaven auf die Hauptstadt verloren die Aufständischen 300 Mann, während die Verteidiger nur drei bis vier Mann an Verlusten erlitten. Nach dem Tod einer seiner Hauptleute griff Amador Viera die Hauptstadt am 28. Juli erneut von vier Seiten mit 5000 Aufständischen an. Doch auch dieser Angriff scheiterte. Während mehrere Hauptmänner der aufständischen Sklaven gefasst und hingerichtet wurden, gelang Viera zunächst die Flucht in das unwegsame Hinterland. Dort wurde er am 14. August verraten, gefangen genommen und anschließend gehängt.[5]
Mythos
Besonders in der der sãotoméischen Geschichtstradition wird vermittelt, dass Amador Vieira nicht nur sich selbst zum König von São Tomé erklärte, sondern dass sein Reich der Angolaner tatsächlich für eine Zeitlang die Insel beherrschte. Auf São Tomé existiert noch heute Angolar als Minderheitensprache. Über die Entstehung dieser Kreolsprache gibt es unterschiedliche Theorien.
Demnach sind angolanische Sklaven nach dem Untergang eines Sklavenschiffes vor der Küste São Tomé auf die Insel gekommen und haben sich dort als freie Fischer angesiedelt.
Einer anderen Theorie zufolge sind die angolanischen Sklaven bereits in den 1470er Jahren ihren Kolonialherren entflohen. Im unwegsamen Gebirgshinterland der Insel bildeten sich im Verlauf des 16. Jahrhunderts Mocambos genannte Siedlungen der Geflohenen.[6]
Amador Vieira soll schließlich die freien angolanischen Inselbewohner hinter sich vereinigt, ein Königreich der Angolaner ausgerufen, sich selbst zum Herrscher deklariert und die gesamte Insel kurzzeitig beherrscht haben. Gemäß dieser Erzählung wurde Vieira erst Anfang 1596 gefasst und am 4. Januar hingerichtet.
Großen Anteil an der Verbreitung dieser Erzählung hatte der sãotoméische Geograf und Dichter Francisco José Tenreiro, der sie in seiner Monografie A Ilha de São Tomé publizierte, ohne aber Quellen anzufügen.[7] Diese Darstellung wird jedoch von der akademischen Geschichtsforschung mittlerweile mehrheitlich als Mythos zurückgewiesen.[8][9][10][11][12]
Rezeption
Nach der Abschaffung des portugiesischen Escudo und der Einführung einer nationalen Währung im Jahr 1976 wird das Profilbild Amador Vieiras auf den Dobra-Scheinen abgebildet. Entworfen hat die Banknoten der sãotoméische Künstler Protásio Pina.[13]
Die sãotoméische Dichterin und Politikerin Alda do Espírito Santo widmete Amador Vieira ein Gedicht in ihrem Band O coral das ilhas.[14]
2004 erklärte die Nationalversammlung den 4. Januar, an dem laut der sãotoméische Geschichtstradition Amador Vieiras starb, zum Nationalfeiertag.
Der Fußballverein União Desportiva Rei Amador wurde nach Vieira Amador benannt.
Siehe auch
Literatur
Hintergrundliteratur
- Ivana Elbl: The Volume of the Early Atlantic Slave Trade, 1450–1521. In: The Journal of African History, Band 38, Heft 1 (1997), S. 31–75.
- John Vogt: The Early Sao Tome-Principe Slave Trade with Mina, 1500–1540. In: The International Journal of African Historical Studies. Band 6, Heft. 3 (1973), S. 453–467.
- Michael Zeuske: Der São Tomé-Mina-Kongo-Angola-Komplex. In: Michael Zeuske: Sklaven und Sklavereien in den Welten des Atlantiks 1400–1940. Umrisse, Anfänge, Akteure, Vergleichsfelder und Bibliographien. LIT Verlag. Berlin 2006. S. 225–239.
- Robert Garfield: A History of São Tomé Island, 1470–1655. The key to Guinea. University Press. San Francisco 1992.
Ältere Literatur
- Raimundo José de Cunha Matos: Chorographia historica das ilhas de S. Thomé e Principe, Anno Bom e Fernando Pó. Imprensa Nacional. São Tomé 1916 [1842].
Jüngere Literatur
- António Ambrósio: Manuel Rosário Pinto (A Sua Vida). Centro de Estudos Históricos Ultramarinos. Lissabon 1970.
- Arlindo Manuel Caldeira: Relação do Descobrimento da ilha de São Tomé. Manuel Rosário Pinto. Universidade Nova de Lisboa. Centro de História de Além-Mar. Lissabon 2006.
- Arlindo Manuel Caldeira: Learning the Ropes in the Tropics. Slavery and the Plantation System on the Island of Sâo Tomé. In: African Economic History. Band 39 (2011), S. 35–71.
- Francisco Tenreiro: A Ilha de São Tomé. Memórias da Junta de Investigações do Ultramar. Lissabon 1961.
- Gerhard Seibert: Os angolares da ilha de São Tomé: Náufragos, Autóctones ou Quilombolas?. In: Textos de História. Revista da Pós-Graduação em História da Universidade de Brasília. Band 12, Heft 1 (2004), S. 43–64.
- Gerhard Seibert: Tomé's Greatest Slave Revolt of 1595: Background, Consequences and Misperceptions of One of the Greatest Slave Uprisings in Atlantic History. In: Portuguese Studies Review. Band 18, Heft 2 (2011), S. 29–50.
- Isabel Castro Henriques: São Tomé e Príncipe. A Invenção de Uma Sociedade. Vega. Lissabon 2000.
Einzelnachweise
- ↑ a b c Arlindo Manuel Caldeira: Relação do Descobrimento da ilha de São Tomé. Manuel Rosário Pinto. Hrsg.: Universidade Nova de Lisboa. Centro de História de Além-Mar. Lissabon 2006, S. 71–78.
- ↑ a b Gerhard Seibert: Tomé's Greatest Slave Revolt of 1595: Background, Consequences and Misperceptions of One of the Greatest Slave Uprisings in Atlantic History. In: Portuguese Studies Review. Band 12, Nr. 2, 2011, S. 36.
- ↑ a b Arlindo Manuel Caldeira: Learning the Ropes in the Tropics. Slavery and the Plantation System on the Island of Sâo Tomé. In: African Economic History. Band 39, 2011, S. 60–62.
- ↑ Gerhard Seibert: Tomé's Greatest Slave Revolt of 1595: Background, Consequences and Misperceptions of One of the Greatest Slave Uprisings in Atlantic History. In: Portuguese Studies Review. Band 18, Nr. 2, 2011, S. 37–38.
- ↑ Gerhard Seibert: Tomé's Greatest Slave Revolt of 1595: Background, Consequences and Misperceptions of One of the Greatest Slave Uprisings in Atlantic History. In: Portuguese Studies Review. Band 18, Nr. 2, 2011, S. 38–40.
- ↑ Gerhard Seibert: Os angolares da ilha de São Tomé: Náufragos, Autóctones ou Quilombolas? In: Textos de História. Revista da Pós-Graduação em História da Universidade de Brasília. Band 12, Nr. 1, 2004, S. 43–64.
- ↑ Francisco José Tenreiro: A Ilha de São Tomé – Estudo Geographica. Hrsg.: Memórias da Junta de Investigações do Ultramar. Lissabon 1961, S. 73.
- ↑ Robert Garfield: A History of São Tomé Island, 1470–1655. The key to Guinea. University Press, San Francisco 1992, S. 138.
- ↑ Isabel Castro Henriques: São Tomé e Príncipe. A Invenção de Uma Sociedade. Vega, Lissabon 2000, S. 117.
- ↑ Arlindo Manuel Caldeira: Relação do Descobrimento da ilha de São Tomé. Manuel Rosário Pinto. Hrsg.: Universidade Nova de Lisboa. Centro de História de Além-Mar. Lissabon 2006, S. 73.
- ↑ Carlos Agostinho das Neves und Ceita, Maria Nazaré: História de São Tomé e Príncipe. Breve Síntese, São Tomé 2004, S. 17.
- ↑ Izequiel Batista de Sousa: São Tomé et Príncipe de 1485 à 1755: Une Société Coloniale. Du blanc au Noir. L’Harmattan, Paris 2008, S. 167.
- ↑ Wagiza Garcia do Espírito Santo: Tchiloli: Um reflexo da “Communitas” santomense. Évora 2022, S. 15.
- ↑ Alda do Espírito Santo: O coral das ilhas. Hrsg.: União Nacional dos Escritores e Artistas de São Tomé e Príncipe. São Tomé 2006.