Altgläubigen-Friedhof in Warschau
Der Altgläubigen-Friedhof (polnisch Cmentarz staroobrzędowców) war ein bis in die 1960er Jahre bestehender Begräbnisplatz russischstämmiger Altgäubiger im Warschauer Stadtbezirk Praga-Południe.
Geschichte
Das Gelände des ehemaligen Friedhofs liegt im Stadtteil Kamionek an der Ulica Grochowska (307).
Der Friedhof wurde während des Novemberaufstands angelegt, spätestens im Jahr 1831.[1] Zunächst wurden hier nur russische Kürassiere begraben, die in der Schlacht bei Grochów gefallen waren. Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es keine weiteren Bestattungen. Der Friedhof wurde erst in den 1880er Jahren als Begräbnisplatz für in Warschau ansässige Anhänger des russischen Altgläubigentums freigegeben. Die letzte dokumentierte Beerdigung fand 1908 statt.[1] Etwa seit dieser Zeit wurden Altgläubige auf dem Orthodoxen Friedhof in Warschau-Wola bestattet, während die Begräbnisstätte in Kamionek allmählich verkam.
Der Friedhof überstand beide Weltkriege. Während der deutschen Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg versteckte der Friedhofsgärtner Jakub Kartaszew ab 1943 die jüdische Familie Międzyrzecki in einer kleinen Hütte am Friedhof, die entsprechend umgebaut worden war. Die Versteckten überlebten und verließen später das Land. Am 13. Juni 1988 zeichnete die Yad Vashem Gedenkstelle in Jerusalem das Ehepaar Jakub und Anna Kartaszew als Gerechte unter den Völkern aus.[2]
Die Stadtverwaltung beschloss am 27. Juli 1961 die Liquidation des Friedhofes. In einem Schreiben vom 30. Dezember 1961 an die Denkmalpflege-Kommission des Ministeriums für Kultur und Kunst erklärten die Antragsteller:[1]
„Die Altgläubigen spielten im Leben Warschaus keine Rolle, die eines besonderen Gedenkens bedurft hätte. Nach Ansicht des Konservatoriums könnte der Friedhof geschlossen werden, zumal die orthodoxe Gemeinde in Wola ihre Bereitschaft bekundet hat, die ältesten, künstlerisch wertvollen Grabsteine auf ihrem Gelände aufzustellen und einen Teil ihres Friedhofs den Altgläubigen zuzuweisen.“[3]
1970 wurden Zaun und Eingangstor abgebaut. Vorher waren mehrere Dutzend Grabsteine nach Exhumierung der Gräber auf den Orthodoxen Friedhof im Stadtbezirk Wola verlegt worden. Einige dieser Grabsteine haben die markante Form eines Sarges; sie wurden in einen eigenen Bereich im nordwestlichen Teil des Friedhofs überführt. An Stelle des früheren Friedhoftors in Kamionek steht ein kleiner Pavillon, der viele Jahre lang als Blumenladen diente und bis Ende 2024 eine Reifenwerkstatt beherbergte.[1]
Der ehemalige Friedhof dient heute der Bevölkerung als kleine Parkanlage.[4] Anfang Oktober 2017 wurde auf dem ehemaligen Friedhofsgelände eine Tafel mit Informationen zu seiner Geschichte aufgestellt. Das Gelände ist im Denkmalregister der Stadt erfasst.[5]
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b c d Cmentarz starowierców na Kamionku, twojapraga.pl (polnisch, abgerufen am 11. Oktober 2025)
- ↑ Martyna Grądzka-Rejak, Kryjówka na cmentarzu prawosławnym. Historia rodziny Kartaszewów, Januar 2019, sprawiedliwi.org.pl, Polin (polnisch, abgerufen am 10. Oktober 2025)
- ↑ im polnischen Original: Starowierowie nie odegrali w życiu Warszawy roli, która wymagałaby specjalnego upamiętnienia. Zdaniem Urzędu Konserwatorskiego cmentarz może uleć likwidacji, tym bardziej, że Parafia prawosławna na Woli wyraziła gotowość umieszczenia na swym terenie najstarszych nagrobków, wyróżniających się poziomem artystycznym, oraz przeznaczyła część swego cmentarza do użytku starowierów
- ↑ Michał Wierzbicki, Cmentarz którego już nie ma, 25 Oktober 2016, warszawawpigulce.pl (polnisch, abgerufen am 10. Oktober 2025)
- ↑ Eintrag mit Karta Cmentarza, PL.1.9.ZIPOZ.NID_E_14_CM.28600, zabytek.pl, Narodowy Instytut Dziedzictwa (polnisch, abgerufen am 11. Oktober 2025)
Koordinaten: 52° 14′ 46″ N, 21° 3′ 58″ O