Altes Reithaus (Marburg)

Das Alte Reithaus (auch Universitäts-Reithalle) in der Barfüßerstraße 1 in Marburg wurde 1731/32 auf den Fundamenten der ehemaligen Klosterkirche der Franziskaner Franziskanerkloster errichtet. An seiner Westseite ist der frühere (östliche) Chorraum der Kirche in die Architektur des Gebäudes aufgenommen worden. Das heutige Kulturdenkmal war der erste Neubau seit Gründung der Philipps-Universität Marburg und wird gegenwärtig für das Institut für Sportwissenschaft und Motologie genutzt.

Geschichte

Das Alte Reithaus wurde 1731/32 auf Initiative von Landgraf Friedrich I. nach Plänen des landgräflichen Hofarchitekten Charles Louis du Ry errichtet und diente dem Reitsport. Auf dem Gelände befand sich auch ein Pferdestall für gut ein Dutzend Tiere (später fälschlicherweise als „Torhaus“, „Barockhäuschen“ deklariert). Bis ca. 1870 unterhielt die Universität unter der Leitung eigens angestellter Reitlehrer ein Reitinstitut für Studierende. Der Reitbetrieb kam in den Folgejahren zum Erliegen, auch weil die Universität für mehrere Jahre keinen Reitlehrer mehr beschäftigte, bis schließlich in den 1880er Jahren in einem neuen Reitstall in der Haspelstraße 35 und erneut unter Leitung eines Universitätsreitlehrers der Unterricht wieder aufleben konnte. Die Universität hat 1876 ihr Reithaus zwischenzeitlich an die Stadt verpachtet, die das Gebäude als „Gesellschaftsbau“ nutzte und im Haus zwei Säle für Musik- und Theateraufführungen herrichten ließ („Saalbau“). In den Räumlichkeiten fanden 1877 auch die Feierlichkeiten zum 350. Gründungsjubiläum der Marburger Universität statt. Während der Bauarbeiten am ehemaligen Dominikanerkloster wurden zwischen 1872/73 und 1879 die Studentenkarzer in die oberste Etage des Reithauses verlegt. Diese wurden 1906 endgültig aufgelöst, als im Gebäude Raum für die archäologischen Sammlungen der Universität benötigt wurde. 1898 wurde der große Saal im Hause in eine akademische Turnhalle umgewandelt, der später noch ein Gymnastiksaal folgen wird. 1920 bis 1923 fand die erste Mensa academica Unterschlupf im alten Reithaus. 1924 zog dann das neu gegründete Institut für Leibesübungen in das Gebäude ein. Im Laufe der Jahre wurden noch verschiedene Erweiterungen und Umbauten im Haus vorgenommen.

Architektur

Das Alte Reithaus wurde im Barockstil errichtet und verfügt über ein typisches Mansarddach, das mit Giebelgauben versehen ist. Das Gebäude ist in Massivbauweise aus Werkstein errichtet und weist eine schlichte, aber funktionale Architektur auf, die zur Nutzung als Reithalle passt. Die markanteste Fassade ist die Eingangsseite, an der das Gebäude ein Portal mit dem landgräflichen Wappen und der Jahreszahl 1731 ziert.[1]

Die ursprüngliche Nutzung als Reithalle ist an dem weiten, offenen Raum im Inneren des Gebäudes zu erkennen, der später in eine Turnhalle umgewandelt wurde.

Das Barockhäuschen

Das sogenannte Barockhäuschen des Alten Reithauses wurde gleichzeitig mit der Reithalle 1731/32 erbaut. Es hat eine wichtige funktionale sowie ästhetische Rolle im Gesamtbau. Das Barockhäuschen wurde ursprünglich als Pferdestall gebaut (vgl. Carsten Lind, Marburger UniJournal Nr. 65, S. 35). Im Jahr 2021 wurde das Barockhäuschen im Rahmen der umfassenden Sanierung des Alten Reithauses denkmalgerecht restauriert. Dabei wurden das Mansarddach mit den charakteristischen Giebelgauben neu gedeckt, die Fenster renoviert und, wo nötig, nach historischem Vorbild ersetzt. Zusätzlich wurde ein moderner Anbau in Sichtbeton und Glas realisiert, der als kubisches Treppenhaus dient und den Zugang zum Dachgeschoss ermöglicht. Der Anbau ist in seiner Gestaltung zurückhaltend, sodass das historische Barockhäuschen weiterhin seine prägende Wirkung behält.[2]

Denkmalschutz

Das Alte Reithaus und das „Barockhäuschen“ sind aufgrund ihrer historischen Bedeutung und ihrer architektonischen Relevanz als Kulturdenkmal eingestuft. Die Sanierung wurde in enger Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege durchgeführt, um die ursprünglichen architektonischen Elemente zu bewahren und gleichzeitig die modernen Anforderungen an das Gebäude zu integrieren.[2]

Siehe auch

  • Liste der Kulturdenkmäler in Marburg
  • Liste der Gebäude der Philipps-Universität Marburg
  • Carsten Lind: Der Schein trügt. Fundstücke aus dem Uniarchiv: Die Wahrheit über Marburgs Barockhäuschen. In: Marburger UniJournal Nr. 65 (WS 2021/2022), S. 35. PDF
  • Carsten Lind: Von barfüßigen Mönchen und Studenten hoch zu Ross – Der Umbau der Marburger Franziskanerkirche. In: Katharina Schaal (Hrsg.): Von mittelalterlichen Klöstern zu modernen Institutsgebäuden. Aus der Baugeschichte der Philipps-Universität Marburg. Münster / New York 2019, S. 65–81.

Reitsport an der Universität Marburg:

Einzelnachweise

  1. Katrin Petter: Ehemalige Universitäts-Reithalle. In: Ellen Kemp, Katharina Krause, Ulrich Schütte (Hrsg.): Marburg Architekturführer. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2002, S. 58.
  2. a b Philipps-Universität Marburg: "Barockhäuschen" - Umbau und Sanierung (2021), in: Philipps-Universität Marburg

Koordinaten: 50° 48′ 27,8″ N, 8° 45′ 59,9″ O