Alte Synagoge (Hannover)

Die Alte Synagoge in Hannover befand sich in der heute nicht mehr existierenden Bergstraße im heutigen Stadtteil Calenberger Neustadt. Die Synagoge wurde 1827 von der jüdischen Gemeinde Hannover auf einem Hinterhof errichtet und bis zum Bau der Neuen Synagoge 1870 genutzt. Nach deren Zerstörung im Judenpogrom der Nationalsozialisten im November 1938 hielt die jüdische Gemeinde ihre Gottesdienste wieder in der Alten Synagoge ab. Sie wurde beim schwersten britischen Luftangriff auf Hannover im Oktober 1943 zerstört.

Beschreibung

Eine detaillierte Beschreibung des Bauwerks ist in dem von Arnold Nöldeke verfassten Band Hannover der Schriftenreihe Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover von 1932 überliefert. Demnach war der Blick auf die Synagoge von der Straße her nicht möglich. Sie war vom wahrscheinlich 1704 erbauten Vorderhaus als dem Verwaltungsgebäude der Synagogengemeinde und rückwärtig durch einen mittelalterlichen Mauerrest der Burg Lauenrode verdeckt. Die Synagoge Celle hat eine ähnliche Bausituation. Die Nichteinsehbarkeit einer Synagoge war im 18. und 19. Jahrhundert typisch und geht auf die ablehnende Haltung der christlichen Bevölkerung gegenüber dem jüdischen Kultus und der Einrichtung einer Synagoge zurück.[1]

Zwischen der Synagoge und dem Vorderhaus bestand ein etwa zwei Meter breiter Hof, auf dem acht dorische Säulen in einer Reihe standen. Der Grundriss der Synagoge war fast quadratisch. Die Mauern waren in Ziegeln ausgeführt. Die zum Hof gewandte Fassade war durch Gesimse und Pilaster gegliedert. Sie hatte Fenster auf zwei Geschossen, die im oberen Geschoss als Rundbogenfenster ausgebildet waren. Im Erdgeschoss befand sich der Männerraum mit Bankreihen. Das Obergeschoss war an drei Seiten als traditionell vergitterte Frauenempore ausgebildet. Nach oben schloss den Raum ein hölzernes Tonnengewölbe mit einem Oberlicht ab. Weiteres Licht fiel durch jeweils ein Lünettenfenster auf den Giebelseiten ein. Etwa in der Mitte des Gottesdienstraums stand die rechteckige Bima, in der aus der Tora gelesen wurde. Der Toraschrein aus Mahagoniholz war in die Ostwand eingelassen. Dort befand sich eine Predigtkanzel.

Die Synagoge war vom Baustil her klassizistisch. Sie war die größte Synagoge im Königreich Hannover. Der Architekt war Ludwig Hellner, der durch seine protestantischen Kirchenbauten bekannt wurde.[2] Nur wenige jüdische Symbole ließen die Funktion der Synagoge erkennen, die sich baulich kaum von den von Hellner entworfenen christlichen Kirchen unterschied.

Geschichte

Der Standort der Synagoge lag in der historischen Calenberger Neustadt, die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts als erste Stadterweiterung Hannovers am linken Leineufer entstanden war und unter landesherrlicher Verwaltung stand. Juden durften sich dort als Schutzjuden gegen Sonderzahlungen niederlassen.[3] Das Wohnen in der hannoverschen Altstadt war ihnen bis 1810 verwehrt, weil ab 1588 ein Statut nur Lutheranern das Wohnrecht in der Altstadt gewährte. 1688 wurde den Juden in der Calenberger Neustadt eine Gebetsstätte in einem Privathaus erlaubt. 1703 durften sie dann eine Synagoge errichten.[4] Als das Gebäude nach 120 Jahren wegen Baufälligkeit abgerissen werden musste, errichtete die jüdische Gemeinde 1827 an derselben Stelle eine neue Synagoge,[5] die später als „Alte Synagoge“ bezeichnet wurde.

1842 wurden die Juden im Königreich Hannover anderen Bürgern gesetzlich gleichgestellt. Mit dem Anwachsen der Großstadt Hannover um die Mitte des 19. Jahrhunderts stieg auch die Zahl der jüdischen Einwohner (1833: 537, 1852: 668, 1871: 1936) stark an. Die Synagoge von 1827 reichte nicht mehr aus. Auf Betreiben des Landes- und Ortsrabbiners Samuel Meyer wurde 1870 in unmittelbarer Nähe in der Bergstraße die Neue Synagoge mit 1100 Plätzen errichtet,[6] woraufhin die Alte Synagoge im selben Jahr geschlossen wurde. Sie wurde als Thora-Schule, Treffpunkt der orthodoxen Gemeinschaft Agudas Jisroel und ab 1932 als Jugendheim weitergenutzt. 1932 wurde die Synagoge in das Denkmalverzeichnis der Stadt Hannover aufgenommen. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde das Gebäude von jüdischen Sportvereinen genutzt, die aus ihren Sportstätten verdrängt worden waren.[7] 1932 wurde die Synagoge in das Denkmalverzeichnis der Stadt Hannover aufgenommen.

Nach der Zerstörung der Neuen Synagoge während der Novemberpogrome 1938 hielt die jüdische Gemeinde ihre Gottesdienste wieder in der Alten Synagoge ab. 1941 wurde ihr Betsaal im Rahmen der „Aktion Lauterbacher“ zu einem Massenquartier für etwa 100 jüdische Menschen. Nach der Vertreibung aus ihren Wohnungen wurden sie in das Gebäude eingewiesen, das wie 15 weitere Häuser in Hannover in ein „Judenhaus“ umfunktioniert wurde. Bis 1942 wurden die dort untergebrachten Männer, Frauen und Kinder in die Ghettos von Riga, Theresienstadt und Warschau deportiert. Von den insgesamt 147 in die Synagoge eingewiesenen Menschen überlebten nur sieben den Holocaust. Ab 1942 wurde das Synagogengebäude von der Hitlerjugend genutzt. Beim schwersten Luftangriff auf Hannover während des Zweiten Weltkriegs am 9. Oktober 1943 wurde das Viertel um die Bergstraße größtenteils zerstört. Davon waren auch die Synagoge im Hinterhaus und das jüdische Gemeindegebäude im Vorderhaus betroffen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde im Bereich der Alten und der Neuen Synagoge 1953 ein Verwaltungsgebäude der Preussag errichtet, das seit 1989 Sitz des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur ist. Der frühere Standort der Alten Synagoge befindet sich im Innenhof des Ministeriums im Bereich einer Zufahrt zwischen dem Hauptgebäude und einem Nebengebäude. Die Stelle ist äußerlich nicht gekennzeichnet.

Präsentation

Die Bet-Tfila-Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa an der TU Braunschweig erstellte im Jahr 2000 ein Rekonstruktionsmodell mit der ursprünglichen Gestalt der 1827 errichteten Synagoge. Die Rekonstruktion im Maßstab 1:50 nahmen Studierende im Rahmen ihres Architekturstudiums vor.[8]

2024 wurde im Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur eine Dauerausstellung zur jüdischen Geschichte des Ministeriumsgrundstücks eröffnet. Sie behandelt die Alte und die Neue Synagoge und die nationalsozialistische Judenverfolgung in dem Zusammenhang.[9]

Das Ministerium schuf 2025 einen mit QR-Code abrufbaren Audioguide, bei dem eine Hörstation der Alten Synagoge an ihrem früheren Standort gewidmet ist.[7]

Literatur

  • Arnold Nöldeke: Stadt Hannover. Die Kunstdenkmale der Stadt Hannover. Teil 1, Denkmäler des „alten“ Stadtgebietes Hannover, Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover. Bd. 1, H. 2, Teil 1, Hannover, Selbstverlag der Provinzialverwaltung, Schulzes Buchhandlung, 1932, S. 202–206 (Online)
  • Ulrich Stille: Synagogen in Hannover in: Landeshauptstadt Hannover, Jüdische Gemeinde Hannover e.v. (Hrsg.): Leben und Schicksal. Zur Einweihung der Synagoge in Hannover, Hannover, 1963, S. 187–190
  • Peter Schulze: Juden in Hannover. Beiträge zur Geschichte und Kultur einer Minderheit, Hannover, 1989, S. 5, 6
  • Ulrich Knufinike: Die Synagogen - der bauliche Rahmen. Synagoge - Wohnhaus - Denkmal? in Andor Izsák (Hrsg.): Dokumentation zur Ausstellung „Niemand wollte mich hören ...“ Magrepha. Die Orgel in der Synagoge. Forum des Niedersächsischen Landesmuseums Hannover November 1999 bis April 2000, 1999, S. 34–36
  • Technische Universität Braunschweig, Bet Tfila-Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa (Hrsg.): Alte Syngoge Bergstraße 8, Hannover, Faltblatt zur Ausstellung im Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, ca. 2024
Commons: Alte Synagoge – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Sabine Glatter, Andrea Jensen, Katrin Keßler, Ulrich Knufinke: Die Bauwerke und Einrichtungen der jüdischen Gemeinde in Celle. Synagoge, Mikwe, Friedhof. Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld / Celle 1997, ISBN 3-89534-219-X, S. 15–65, hier S. 22 (= Kleine Schriften zur Celler Stadtgeschichte, Band 2).
  2. Ein jüdischer Raum in Hannover – zur Architektur der Alten Synagoge. Abgerufen am 23. Oktober 2025.
  3. Gedenkort Neue Synagoge. In: Zukunft heisst erinnern. Abgerufen am 23. Oktober 2025 (deutsch).
  4. M[eir] Wiener: Liepmann Cohen und seine Söhne, Kammeragenten zu Hannover. In: Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums, hrsg. von Oberrabbiner Z[acharias] Frankel, Jahrgang 13, Heft 5, Breslau 1864, S. 171.
  5. Hannover (Niedersachsen). Abgerufen am 23. Oktober 2025.
  6. Geschichte - jg-hannover.de. Abgerufen am 23. Oktober 2025.
  7. a b Geschichte des Standortes bei Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur
  8. Technische Universität Braunschweig, Bet Tfila-Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa (Hrsg.): Alte Syngoge Bergstraße 8, Hannover, Faltblatt zur Ausstellung im Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, ca. 2024
  9. Zerstört, verdrängt, erinnert – Die vergessene Judenverfolgung bei Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur vom 11. Dezember 2024

Koordinaten: 52° 22′ 21,5″ N, 9° 43′ 41,7″ O