Altarretabel Pfarrkirche Merklingen

Das Altarretabel Pfarrkirche Merklingen befindet sich im Chor der Merklinger evangelischen Pfarrkirche Heilige Drei Könige. Der auf 1521 datierte Flügelaltar ist ein Beispiel sakraler Kunst der Ulmer Schule und stammt aus den Werkstätten von Niklaus Weckmann (Figuren) und Martin Schaffner (Bemalung). Es zeigt im Schrein die Beweinung Christi. Auf den Tafeln sind Jesus’ Abschied von seiner Mutter, die Kreuztragung und die Auferstehung Jesu Christi dargestellt. Die Predella zeigt den auferstandenen Christus inmitten seiner Apostel.

Beschreibung

Das Hochaltarretabel der Pfarrkirche Merklingen ist als Flügelaltar mit Predella ausgeführt. Der Schrein hat die Maße 185 × 145 cm während die Flügel 185 cm hoch und 75 cm breit sind.[1] Den Flügelaltar durchzieht stimmig der thematische Faden der Passionsgeschichte. Dieser folgt einerseits den Evangelien, er zeigt aber andererseits auch damals weit verbreitete Legenden und Meditationen über das Leben und Leiden Christi. Diese sollten den Menschen zum Miterleben und zur Identifizierung anregen.[2]

Jesus' Abschied von Maria
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Auf beiden Außenseiten der Flügel, den sogenannten Werktagsseiten, ist der Abschied Christi von Maria dargestellt, eine Begebenheit, die nicht in den biblischen Evangelien beschrieben ist, sondern aus den Apokryphen stammt, also aus Evangelien, die nicht in den biblischen Kanon aufgenommen worden sind.[3] Das Motiv ist an einen Stich von Hans Schäufelin angelehnt.[2] Die Begegnung findet vor mittelalterlichen Häusern statt, und Berge bilden den Hintergrund. Im Neuen Testament ist die Szene zeitlich zwischen der Auferweckung des Lazarus und dem Einzug nach Jerusalem angesiedelt. Jesus wendet sich seiner knienden Mutter zu, die von Lazarus’ Schwestern Martha und Maria begleitet wird. Diese sind an den Attributen Schlüsselbund und Weihwasserfläschchen erkennbar.[3] In Mariens goldenem Heiligenschein stehen die Worte „O Mater Gracia, Mater Mis(ericordia)“. Die blaue Farbe ihres Gewands symbolisiert ihr unerschütterliches Ausharren in ihren Glauben.[2]

Kreuztragung mit heiliger Veronika
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Bei an Festtagen geöffnetem Altar zeigt der linke Flügel Jesus mit dem Kreuz, wie er vor gotischen Häusern auf dem Weg zu seiner Richtstätte aus dem Stadttor tritt. Die Szene wird auch als Kreuztragung Jesu bezeichnet. Jesus ist umgeben von Simon von Cyrene, der Jesus’ Kreuz trägt und der Heiligen Veronika. Auf sie fällt der Blick von Jesus, als sie ihm ein Tuch reicht, mit dem er sich Blut und Schweiß aus dem Gesicht wischt. Gemäß der Legende der Heiligen Veronika zeigt dieses Schweißtuch das wahre Antlitz Jesu. Maria betrachtet die Szene aus dem Hintergrund zusammen mit dem Lieblingsjünger Johannes.[2][3] Diese Szene stammt aus den kanonischen Evangelien und ähnelt Albrecht Dürers Druck Kreuztragung Jesu, der zu dem großen Passionszyklus Dürers gehört.[2]

Beweinung Christi
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Die Beweinung Christi im Mittelschrein kontrastiert zu den Gemälden mit seinen aus Holz geschnitzten Relieffiguren und der verwendeten Goldfarbe, die „den Schrein zum Leuchten bringt“.[2] Im Zentrum des Schreins hält Maria, die aufrecht vor dem leeren Kreuz steht, den Arm ihres toten Sohns. Dieser liegt diagonal auf der Altarbühne. Symmetrisch dazu sind gemäß der Bildtradition links und rechts zwei Dreier-Personengruppen angeordnet. Rechts stehen der Jünger Johannes, dessen Mutter Maria Salome und Maria Kleophae. Beide Frauen sind Halbschwestern Marias. Gegenüber Johannes kniet Maria Magdalena und hinter ihr befinden sich die Hohenratsmitglieder Nikodemus und Josef von Arimathäa im Zwiegespräch. Diese beiden sympathisierten mit Jesus.[2][3] Auch diese Abschiedsszene stammt nicht aus den kanonischen Evangelien. Erwähnt ist der Abschied von dem gestorbenen Jesus in dem apokryphen Nikodemusevangelium. Die Beweinung Christi wurde erst im Mittelalter auf Grund populärer Schriften hinzugefügt, die manchmal zweifelhafter Herkunft waren, wie etwa denen des Pseudo-Bonaventura.[3]

Auferstehung Christi
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Die rechte Flügeltafel zeigt die Auferstehung Christi. Sie zeigt den auferstandenen Christus mit seinen Wundmalen vor seinem geöffneten Grab. Zwei Wachposten sind in tiefen Schlaf gesunken. In „würdevoller Ruhe“ hält Christus als Sieger über den Tod die Kreuzesfahne in seiner linken Hand, während die Rechte zum Segen erhoben ist. Die Auferstehung folgt dem Matthäus-Evangelium, wobei die Szene hier in das späte Mittelalter verlegt wurde. Das Felsengrab ist als Steinsarkophag dargestellt und die schlafenden Kriegsknechte tragen zeitgenössische Kleidung.[3]

Im Sockel des Altaraufbaus, der Predella, wird das Bildprogramm vollendet. Wie in der Offenbarung des Johannes beschrieben, steht der gekreuzigte Jesus als auferstandener Christus und endzeitlicher Weltenherrscher zwischen den Aposteln.[3] In der linken Hand hält er einen durchsichtigen Reichsapfel, in dem die Erdkugel sichtbar ist. Die Jünger sind an ihren Attributen erkennbar. Von links nach rechts sehen Jakobus der Ältere (Muschel), Simon Zelotes (Säge), Philippus (T-Kreuz), Thomas (Speer), Petrus (Schlüssel und Buch), Judas Thaddäus (Keule), Jakobus der Jüngere (Tuchwalker-Stange), Andreas (X-Kreuz), Matthäus (Schwert), Johannes (mit Kelch und Drachen) sowie Matthias (Buch) und Bartholomäus (Messer).[4]

Die dargestellte Passionsgeschichte enthält keine Kreuzigungsszene. Wahrscheinlich war diese in der fehlenden Bekrönung des Schreins vorgesehen. Sie stand so den Gläubigen sowohl bei geschlossenem Schrein (Werktags) als auch bei geöffnetem Schrein (Sonn- und Feiertags) vor Augen.[2]

Aufstellungsort, Urheber und Datierung

Das Dorf Merklingen kam 1492 zur Reichsstadt Ulm. Kurz darauf wurde der Chor der Merklinger Heilige drei Könige Kirche erweitert. Da der Schlussstein der Netzrippen im Chor die Patronatsheiligen der Kirche enthält, während sie im Altar nicht vorkommen, war der Altar ursprünglich wahrscheinlich für eine andere Kirche gedacht. Inwiefern das Ulmer Münster als Aufstellungsort geplant war, ist nicht nachzuweisen.[2]

Der Hochaltar stammt aus der Ulmer Schule. Die Holzfiguren des Schreinreliefs stammen aus der Werkstatt des Bildschnitzers Niklaus Weckmann. Die Malereien werden der Werkstatt von Martin Schaffner zugeschrieben.[2][3] Im Schreinrelief befindet sich zwar die Jahreszahl 1510, doch nach Untersuchungen des Württembergischen Landesmuseums wird als Entstehungszeit das Jahr 1521 angenommen.[2][3]

Einzelnachweise

  1. Monogrammist A N S L. In: Bildindex der Kunst & Architektur. Abgerufen am 8. Oktober 2025.
  2. a b c d e f g h i j k Barbara Maier-Lörcher: Meisterwerke Ulmer Kunst. Süddeutsche Verlagsgesellschaft Ulm im Jan Thorbecke Verlag, Ulm 2004, ISBN 3-7995-8004-2, S. 100–101.
  3. a b c d e f g h i Christus als Sieger hält die Kreuzesfahne. 2. April 2010, abgerufen am 8. Oktober 2025.
  4. Kirche. In: Bürgerstiftung Laichinger Alb. Abgerufen am 10. Oktober 2025.

Koordinaten: 48° 30′ 38,4″ N, 9° 45′ 26,3″ O