Alois Kasimir
Alois Kasimir (slowenisiert Alojz Kasimir; * 16. September 1852 in Wien; † 22. Februar 1930 ebenda) war ein österreichischer Maler, Lithograf und Fotograf. Bekanntheit erlangte er vor allem mit Veduten seiner Heimatstadt Pettau (heute Ptuj), die er vielfach nach eigenen Fotografien anfertigte. Seine Kinder Luigi Kasimir und Elsa Oeltjen-Kasimir wurden ebenfalls bildende Künstler.
Leben
Alois Kasimir wurde 1852 in Wien geboren und kam als Kind nach Pettau. Berichten zufolge war er ein uneheliches Kind und musste bei seinem Onkel Alois und dessen Ehefrau Maria in der Untersteiermark aufwachsen.[1][2] Nachdem er eine Lehre als Buchbinder begonnen, aber nicht abgeschlossen hatte, wechselte er an die Kadettenschule in Liebenau bei Graz. Dort war er Teil der Militärkapelle und spielte das Becken.[3] Während eines Urlaubs in Pettau verliebte er sich in Teresia Stary, die er 1880 heiratete. Aufgrund der Eheschließung musste er den Militärdienst aufgeben, da er nicht über die finanziellen Mittel verfügte, um die erforderliche Kaution als Offizier zu hinterlegen. Weil Familie Stary eine Bäckerei besaß und damit vergleichsweise wohlhabend war, konnte sich der Autodidakt Kasimir wirtschaftlich weniger sicheren künstlerischen Aufträgen widmen.[1]
Laut den Memoiren seines Sohnes Luigi lebte die Familie bis 1887 in Pettau und zog dann nach Graz. Dort war Alois Kasimir mit einer Unterbrechung bis 1914 gemeldet. Er bewohnte Häuser in der Normalschulgasse, in der Hans-Sachs-Gasse und in der Goethestraße. Während dieser Zeit hielt die Familie engen Kontakt zu Pettau, besuchte regelmäßig Verwandte und ihre Weinberge in Haloze. Kasimir bestritt den Lebensunterhalt seiner Familie mit dem Malen von Porträts, Landschaften und Veduten. In den Schuljahren 1915/16 und 1916/17 war er am Stadtgymnasium Pettau als Kunstlehrer tätig.[1] Nebenbei versuchte er sich als Literat und verfasste Theaterstücke und Gedichte. Sein Stück Die Falle wurde sogar am Weimarer Hoftheater aufgeführt.[4][5] Außerdem war er Mitglied in der von ihm mitbegründeten Vereinigung Bildender Künstler Steiermarks, im Deutschen Künstlerverein in Rom[6], im Männerbund Schlaraffia[7] und sang im Deutschen Männerchor Pettau.[8]
Kasimir starb 1930 in seiner Geburtsstadt Wien und wurde auf dem Stadtfriedhof Ptuj beigesetzt. Den Grabstein gestaltete seine Tochter Elsa Oeltjen-Kasimir, die genauso wie sein Sohn Luigi Kasimir als Künstlerin erfolgreich wurde.[1] Alois mittlere Tochter Sylvia (1884–1931) war nur in ihrer Kindheit künstlerisch aktiv, heiratete den Wiener Maler Otto Trubel und lebte mit ihm in St. Veit bei Pettau.[9]
Werk
Malerei
Aufgrund mangelnder Ausbildung, bescheidenen kreativen Potenzials und ständiger Anpassung an nicht allzu anspruchsvolle Auftraggeber wurde Alois Kasimir kein großer Maler.[10] Wie er selbst auf der Rückseite seines größten und bekanntesten Ölgemäldes vermerkte, war er Autodidakt. Die von 1892 bis 1894 im Auftrag der Stadtkasse entstandene Vedute zeigt Pettau von Südosten vom rechten Drauufer aus gesehen. Sie wurde auf einer Fremdenverkehrsausstellung in Graz erstmals präsentiert[1] und hängt heute in einem Sitzungssaal des Rathauses in Ptuj.[11] Bereits 1890 hatte Kasimir ein Werbeplakat mit einer Ansicht der Stadt aus der Vogelperspektive gemalt. Weitere seiner Ortsveduten zeigen Cilli, Gleichenberg, Krapina-Töplitz, Portorož und Rohitsch-Sauerbrunn. Ebenso erhalten ist ein Panorama von Rom aus der Vogelperspektive.[12]
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Pettau von Südosten (1892–1894)
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Detail von Schloss Pettau (ca. 1900)
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Stadtansicht von Liberec (1906)
Außerdem porträtierte er einige Pettauer, etwa den Feuerwehrkommandanten Johann Steudt (laut Beschriftung auf der Leinwandrückseite „ohne dessen Wissen“) oder den Goldschmied Josef Gspaltl. Gut zwei Jahre vor seinem Tod verewigte er sich selbst in einer Kreidezeichnung „nach der letzten Momentaufnahme“. Wie aus einer unter dem Passepartout verborgenen Notiz hervorgeht, widmete er das Selbstbildnis zum Weihnachtsfest 1927 einem Fräulein Edith Nihely vom Pettauer Gesangsverein.[13] Anders als bei Landschafts- und Architekturbildern hatte Kasimir Probleme mit der Darstellung von Figuren, weshalb einige seiner Porträts anatomische Mängel aufweisen.[14]
Mehr noch als der Ölmalerei widmete sich der gebürtige Wiener der Lithografie. So schuf er zahlreiche Urkunden, Diplome, Briefköpfe, Prospekte, Anzeigen und Ähnliches.[15] In diesem Zusammenhang sind besonders seine Illustrationen für Josef Felsners 1895 erschienenen Reiseführer durch Pettau und Umgebung hervorzuheben.[16] Seinem Sohn Luigi riet er „Merk dir: das beste Geschäft für einen Maler ist es doch, für die Reproduktion zu zeichnen!“[17]
Fotografie
Während Alois Kasimirs malerisch-künstlerisches Werk als kaum erforscht gilt, beschäftigt sein fotografischer Nachlass Kunsthistoriker seit den 1970er Jahren.[18] Marjeta Ciglenečki von der Universität Maribor sichtete im steirischen Landesmuseum Joanneum bis 2005 über 900 Glasplatten und Planfilme, darunter überwiegend Negative in unterschiedlichen Formaten.[15] Als Urheber mehrerer Negative, von denen nur wenige signiert sind, werden allerdings Luigi Kasimir und Alois Schwiegersohn Jan Oeltjen vermutet. Wie aus einigen Notizen hervorgeht, benutzte Kasimir bevorzugt das Kameramodell „Unikum“ des Herstellers Görtig. Seine Aufnahmen weisen auf ein hohes Maß an fachlicher Bildung hin, wo er das Handwerk erlernte, ist jedoch nicht bekannt. Da es keine Hinweise auf eine eigene Dunkelkammer gibt, ist davon auszugehen, dass er die Herstellung seiner Abzüge Fachleuten überließ.[19][20] Er war Mitglied im 1891 gegründeten Grazer Amateur-Photographen-Club.[21]
Unter den zwischen 1886 und 1923 entstandenen Fotografien überwiegen Orts- und Landschaftsaufnahmen, vor allem von Pettau und Haloze, aber auch von Graz, Rom, Venedig und anderen Orten. Rund 150 Aufnahmen zeigen die bäuerliche Architektur in Haloze, den Familienbesitz in Vareja und die typischen Arbeiten auf den Höfen und in den Weinbergen. Seine älteste bekannte Fotografie zeigt eine Bauernfamilie auf dem Hof ihres strohgedeckten Hauses in Haloze. Insgesamt fertigte Kasimir mehr als 250 Porträtfotos an, vor allem von eigenen Familienmitgliedern. Außerdem dokumentierte er Kunstwerke, darunter sowohl solche der antiken Sammlung des Stadtmuseums und Lapidariums als auch bildhauerische Schöpfungen seiner Tochter Elsa. Die Abbildungen der Plastiken seiner Tochter gelten als besonders wertvoll, da ein Großteil ihres Werkes im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.[22]
Viele vermeintliche Alltagsszenen wurden von Kasimir – wie damals durchaus üblich – mit Statisten gefüllt. Kompositorisch gestaltete er seine Bilder häufig so, dass sie vom Betrachter in einer Diagonale von rechts unten nach links oben gelesen werden. Den oft leer und stumpf wirkenden Himmel durchbrach er bewusst mit Ästen oder anderen Objekten, während er eine Fülle an störenden Details durch geschickte Kadrierung zu vermeiden wusste.[23] Auf Retuschen verzichtete er hingegen weitestgehend. Ciglenečki attestierte seinen Aufnahmen einen dokumentarischen Charakter und wählte nicht zuletzt deshalb zwei davon für ihre 1993 veröffentlichte Ptuj-Monografie aus.[24] Wie zahlreiche Beispiele belegen, verstand Kasimir seine Fotografien als Hilfsmittel und Vorlagen für die Malerei von Stadtansichten und anderen Motiven.[25] Um die bestmögliche Qualität zu erreichen, lichtete er dasselbe Motive oft mehrmals ab. So fotografierte er beispielsweise 1890 zweimal eine Gruppe von Wanderern auf dem Gipfel des Donačka Gora.[26]
Werke (Auswahl)
- 1882: Frauenporträt (Teresia Stary Kasimir?) 58,8 × 48,8 cm.
- 1889: Drau – Überschwemmung im Oktober 1882. Lavierung, 26 × 54,5 cm.
- 1890: Pettau aus der Vogelperspektive (Werbeplakat). Lavierte Zeichnung, 49,5 × 68,5 cm.
- 1894: Pettau. Öl auf Leinwand, 150 × 350 cm.
- 1910: Johann Steudt. Öl auf Leinwand, 80 × 90 cm.
- 1927: Haloze von Podlehnik. Mischtechnik auf Papier, 234,5 × 73,5 cm.
- 1927: AKasimir nach der letzten Momentaufnahme. Kreidezeichnung, 42 × 35 cm.
Ausstellungen
Kasimir stellte seine Gemälde zu Lebzeiten nur selten aus, etwa im Rahmen der Vereinigung Bildender Künstler Steiermarks in den Jahren 1900 bis 1902.[27] Einige seiner Werke wurden in der Neuen Galerie Graz, im Bild- und Tonarchiv des Landesmuseums Joanneum, im Regionalmuseum Ptuj-Ormož und in der Bibliothek Ivan Potrč in Ptuj aufbewahrt. Weitere befinden sich in Privatbesitz. Die ihm zugeschriebenen fotografischen Werke sowie einige Arbeiten auf Papier schenkte seine Enkeltochter Ruth Oeltjen in den 1970er Jahren dem Joanneum.[15] 2021 wurde sein kompletter noch vorhandener Nachlass dem Historischen Archiv Ptuj überlassen.[28] Im Rahmen einer Veranstaltungsreihe anlässlich des 30. Jahrestages der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Österreich und Slowenien wurde im Frühsommer 2022 eine Auswahl von Bildern Kasimirs im Fotografiemuseum Maribor gezeigt.[29] Eine ähnliche Ausstellung mit erstmals gezeigten Glasplatten-Fotografien des Künstlers fand ein Jahr später im Pavelhaus in Bad Radkersburg statt.[28][30]
Literatur
- Marjeta Ciglenečki: Fotografije Alojza Kasimira. In: Zbornik za umetnostno zgodovino (Nova vrsta). Band 41. Slovensko umetnostnozgodovinsko društvo, Ljubljana 2005, S. 135–162 (slowenisch). Online
- Josef Felsner: Pettau und seine Umgebung. Topografisch-historisch-statistische Skizzen. W. Blanke, Pettau 1895 (157 S.). Illustriert von Alois Kasimir. (Volltext in der Google-Buchsuche)
- Kristina Šamperl: Alojz Kasimir umetnik in človek. In: Ptujski zbornik. Band IV. Ptuj 1975, S. 339–344 (slowenisch).
- Kristina Šamperl Purg: Družina Kasimir in Ptuj. Galerija Drava, Ptuj 2001 (slowenisch).
- Heinz Schüttler: Luigi Kasimir. Wiener Verlag, Wien 1944 (48 S.).
- Kasimir, Alois. In: Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Begründet von Ulrich Thieme und Felix Becker. Band 19: Ingouville–Kauffungen. E. A. Seemann, Leipzig 1926, S. 581 (biblos.pk.edu.pl).
Weblinks
- Die Künstlerfamilie Kasimir im Digitalen Porträtarchiv (PDF; 0,2 MB)
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e Marjeta Ciglenečki: Fotografije Alojza Kasimira. In: Zbornik za umetnostno zgodovino (Nova vrsta). Band 41. Slovensko umetnostnozgodovinsko društvo, Ljubljana 2005, S. 135 (slowenisch).
- ↑ Rudolf Pertassek: Pettau, die älteste steirische Stadt. Edition Strahalm, Graz 1992, ISBN 978-3-900526-57-3, S. 173.
- ↑ Heinz Schüttler: Luigi Kasimir. Wiener Verlag, Wien 1944, S. 11.
- ↑ Heinz Schüttler 1944, S. 17.
- ↑ Kristina Šamperl Purg: Družina Kasimir in Ptuj. Galerija Drava, Ptuj 2001, S. 14 (slowenisch).
- ↑ Kasimir, Alois. In: Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Begründet von Ulrich Thieme und Felix Becker. Band 19: Ingouville–Kauffungen. E. A. Seemann, Leipzig 1926, S. 581 (biblos.pk.edu.pl).
- ↑ Nada Jurkovič: Nemško društvo Schlaraffia, Ptujčan. In: Mira Jelenc (Hrsg.): Starejši fond v Knjižnici Ivana Potrča in njegovi ustvarjalci, Zbiranje in ohranjanje pisnih ter tiskanih dragocenosti. Knjižnica Ivana Potrča, Ptuj 2003, S. 43 (slowenisch).
- ↑ Kristina Šamperl: Alojz Kasimir umetnik in človek. In: Ptujski zbornik. Band IV. Ptuj 1975, S. 342 (slowenisch).
- ↑ Trubel, Otto. In: Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Begründet von Ulrich Thieme und Felix Becker. Band 33: Theodotos–Urlaub. E. A. Seemann, Leipzig 1939, S. 444 (biblos.pk.edu.pl).
- ↑ Marjeta Ciglenečki 2005, S. 137 (slowenisch).
- ↑ 18. redna seja Mestnega sveta Mestne občine Ptuj. PeTV, 25. September 2024, abgerufen am 24. Dezember 2025 (slowenisch).
- ↑ Marjeta Ciglenečki 2005, S. 147 (slowenisch).
- ↑ Marjeta Ciglenečki 2005, S. 142 (slowenisch).
- ↑ Marjeta Ciglenečki 2005, S. 148 (slowenisch).
- ↑ a b c Marjeta Ciglenečki 2005, S. 139 (slowenisch).
- ↑ Josef Felsner: Pettau und seine Umgebung. Topografisch-historisch-statistische Skizzen. W. Blanke, Pettau 1895.
- ↑ Heinz Schüttler 1944, S. 26.
- ↑ Armgard Schiffer: Geheimnisvolles Licht-Bild. Anfänge der Photographie in der Steiermark. Landesmuseum Joanneum, Graz 1979, S. 8.
- ↑ Marjeta Ciglenečki 2005, S. 141 (slowenisch).
- ↑ Marjeta Ciglenečki 2005, S. 157 (slowenisch).
- ↑ Armgard Schiffer-Ekhart: Fern- und Nahziele. Reisebilder steirischer Amateurfotografen. Bild- und Tonarchiv am Landesmuseum Joanneum, Graz 1985, S. 6.
- ↑ Marjeta Ciglenečki 2005, S. 140 (slowenisch).
- ↑ Marjeta Ciglenečki 2005, S. 160 (slowenisch).
- ↑ Marjeta Ciglenečki & Stojan Kerbler: Ptuj: »Najlepši pa je zame Ptuj«. Maribor 1993, ISBN 961-6055-03-8, S. 20–21, 26–27 (slowenisch).
- ↑ Armgard Schiffer: Fotografie als Leistungssport. Die Amateurfotografenvereine in Österreich von 1887 bis 1945. In: Geschichte der Fotografie in Österreich. Band 2. Bad Ischl 1983, S. 71.
- ↑ Armgard Schiffer-Ekhart 1985, S. 5.
- ↑ Kasimir, Alois. In: Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Begründet von Ulrich Thieme und Felix Becker. Band 19: Ingouville–Kauffungen. E. A. Seemann, Leipzig 1926, S. 581 (biblos.pk.edu.pl).
- ↑ a b Aufnahmen von außergewöhnlicher bildnerischer Qualität. Achtzig – Die Kulturzeitung, 8. Mai 2023, abgerufen am 24. Dezember 2025.
- ↑ Razstava Alois Kasimir, fotograf s preloma stoletja. Kamra, 19. Mai 2022, abgerufen am 24. Dezember 2025 (slowenisch).
- ↑ Alexandra Kofler: Steirische Ausstellung zeigt "kleine fotohistorische Sensation". Kleine Zeitung, 30. April 2023, abgerufen am 24. Dezember 2025.