Alice Nikitina
Alice Nikitina (* 21. Februar 1900 in Sankt Petersburg als Alice Regine Landau; † 8. Juni 1978 in Monte-Carlo) war eine russische Ballerina, Opernsängerin und Tanzlehrerin. Sie war eine der Haupttänzerinnen in den Ballets Russes von Sergei Djagilew.
Leben und Werk
Alice Nikitina war die Tochter von Maximilien Landau (1870–1919), einem wohlhabenden Unternehmer, und Anna oder Anjuta Herzenberg (1882–1962). Ihr Bruder war der Tennisspieler Vladimir Landau. Die Geschwister wuchsen in einem großen Herrenhaus in Sankt Petersburg auf. 1913 erkrankte Nikitina und zog mit ihrer Mutter nach Nizza, wo sie die nächsten zwei Jahre verbrachte und erstmals Ballettunterricht nahm. Nach ihrer Rückkehr nach Sankt Petersburg studierte sie am Mariinski-Theater bei Olga Preobrajenska. 1917 verließ Nikitina mit ihrer Familie Petrograd, wie die Stadt seit 1914 hieß, und zog nach Kislowodsk im Kaukasus. Dort freundete sie sich mit dem jungen, noch unbekannten Sergei Prokofjew an. Die Revolutionswirren führten zum Verlust des Geschäfts ihres Vaters. Daher beschloss die Familie, Russland zu verlassen. Allerdings verstarb Nikitinas Vater 1919 vor der Ausreise in Odessa. Nikitina reiste in Begleitung ihrer Tanzlehrerin weiter, während ihre Mutter und ihr Bruder Vladimir nach Moskau zurückkehrten.
Nikitina ließ sich in Ljubljana nieder, wo sie 1920 am dortigen Opernhaus ihr professionelles Debüt gab. Nach einer Spielzeit und zwei Auftritten mit dem Staatsballett der Wiener Staatsoper zog sie nach Berlin, um sich den vielen jungen Tänzerinnen und Tänzern anzuschließen, die vor der Revolution geflohen waren. Ab 1921 trat sie mit dem Russischen Romantikballett des Choreografen Boris Romanov auf und avancierte bald zu einer der führenden Tänzerinnen. 1923 nahm sie der Impresario Sergei Djagilew in die Ballets Russes auf und machte sie zu einer der Haupttänzerinnen. Nikitina tanzte in Fürst Igor, Scheherazade und Les Sylphides. Ihre Technik und ihr Ausdruck verbesserten sich unter der Anleitung der Ballettmeisterin Bronislava Nijinska und des Ballettmeisters Enrico Cecchetti erheblich. Sie spielte auch mehrere Hauptrollen, zunächst eine der Klatschbasen in Les Fâcheux des jungen Georges Auric und vor allem 1924 als Partnerin von Serge Lifar in Les Biches mit Musik von Francis Poulenc. Ihr größter Erfolg in dieser Zeit war die Rolle der Flore in Léonide Massines Zéphyr et Flore.
1925 tanzte Nikitina mit George Balanchine in Djagilews Inszenierung von Barabau mit Musik von Victor Rieti und Bühnenbildern von Maurice Utrillo. 1926 spielte Nikitina die Hauptrolle in Romeo und Julia bei der Uraufführung in Monte-Carlo. Dabei erhielt sie Unterstützung durch den neuen Mäzen Harold Harmsworth, 1. Viscount Rothermere (1868–1940), der bald ein enger Freund und ein Jahr später ihr Geliebter wurde. Nikitina blieb ihm bis zu seinem Tod 1940 eng verbunden. Die Londoner Produktion von Romeo und Julia war ein großer Kritikererfolg, das Debüt in Paris hingegen nicht, da Djagilew das Stück als surrealistisches Abenteuer inszeniert hatte. Die Kostüme hatten Joan Miró und Max Ernst entworfen. Ein Höhepunkt in Nikitinas Karriere war 1927 die Hauptrolle in La Chatte, einem kurzen Ballett mit Musik von Henri Sauguet. Ihr Tanzpartner war wieder Serge Lifar. Bei der Aufführung übertraf sie alle Erwartungen und wurde auch wegen der ausgefallenen und modernen Inszenierung gefeiert. Balanchine, der zum Ballettmeister in den Ballets Russes aufgestiegen war und andere Tänzerinnen bevorzugte, konnte ihren Aufstieg nicht verhindern.
1928 tanzte sie die Muse Terpsichore in Apollon musagète von Igor Strawinsky unter der Choreografie von Balanchine. In Paris musste sie sich die Rolle noch teilen, in der Londoner Produktion hingegen war sie dank Rothermere die alleinige Primaballerina. Die Kostüme dieser Produktion stammten von Coco Chanel. Rothermere, Eigentümer zweier der erfolgreichsten britischen Tageszeitungen, ermöglichte ihr einen luxuriösen Lebensstil und verschaffte ihr Zugang zur Gesellschaft und zu vielen führenden Politikern der 1920er und 1930er Jahre. Die Zuwendung, die sie von Rothermere erhielt, führte aber zu Schwierigkeiten mit Djagilew, da sie nun von ihm nicht mehr finanziell abhängig war. 1929 tanzte Nikitina die Dame in Le Bal von Bronislava Nijinska. Nach Djagilews Tod und der Auflösung der Ballets Russes trat sie 1930 in den Londoner Revuen des Impresarios Charles B. Cochran auf. Zusammen mit dem Balletttänzer Anatole Vilzak tanzte sie in Brüssel und Paris.
Aufgrund von gesundheitlichen Problemen tanzte Nikitina in den 1930er Jahren weniger und versuchte sich dafür als Filmschauspielerin. 1932 hatte sie in der britischen Romanze The blue Danube mit Brigitte Helm als Hauptdarstellerin einen Auftritt als Tänzerin. Im selben Jahr spielte sie in der deutsch-französischen Koproduktion Ma femme... homme d’affaires eine Nebenrolle als Olga. 1933 tanzte Nikitina dann wieder für eine Saison unter der Choreografie von Serge Lifar in London. 1935 reiste sie mit Rothermere nach New York. Anschließend zog sie für vier Monate nach Los Angeles und versuchte den Start einer Filmkarriere. Als die erhofften Rollenangebote ausblieben, kehrte sie nach Europa zurück. 1937 trat sie abschließend mit den Ballets Russes de Monte Carlo von Colonel de Basil in der Covent Garden Oper auf, wo sie die Rolle der Königin in Le Lion amoureux von David Lichines spielte.
Nach ihrem Rückzug als Tänzerin wandte sich Nikitina dem Gesang zu und trat ab 1938 als Koloratursopranistin auf. Am Teatro Massimo von Palermo sang sie die Gilda in Giuseppe Verdis Rigoletto. Eine weiterreichende Karriere als Sängerin wurde durch den Zweiten Weltkrieg verhindert. 1946 kehrte sie nach Paris zurück, um ihre eigene Ballettschule zu gründen. Sie wurde zu einer der angesehensten Tanzlehrerinnen und prägte mehrere Generationen von Tänzerinnen und Tänzern. 1959 veröffentlichte sie unter dem Titel Nikitina: By Herself ihre Memoiren. Alice Nikitina starb 1978 an ihrem Wohnort Monte-Carlo.
Nikitina galt als anmutige Tänzerin mit einem bemerkenswerten Sprung und außergewöhnlicher Musikalität. Entscheidend für ihre Popularität war aber offenbar, dass sie mit ihrer schlanken, fast jungenhaften Figur, ihrer Bob-Frisur und mit ihrer Eleganz den Stil der 1920er Jahre verkörperte. Nikitinas Förderer Djagilew schätzte ihr Auftreten und ihre Tanzkunst, Djagilews Probenleiter Serge Grigoriev dagegen bemängelte ihre Technik. Nikitina scheint allerdings mögliche Defizite durch eine außergewöhnlich gründliche Vorbereitung und ein ausgeprägtes Selbstvertrauen mehr als ausgeglichen zu haben, so dass sie in ihrer relativ kurzen Karriere als eine der herausragenden Ballerinas angesehen wurde.
Rezeption
Anlässlich der Aufführung von Zéphyr et Flore schuf der französische Bildhauer Claude Levy eine Skulptur aus Steinguss, die Nikitina als Flore darstellt.[1] Um 1928 fertigte S. Strobl aus Budapest eine Bronzestatue an, die Nikitina in einer Ballettposition zeigt und heute noch verbreitet wird.[2] 1929 ließ sich Nikitina von dem spanischen Maler Federico Beltrán Masses porträtieren. Nikitina hatte ihr persönliches Maskottchen, einen juwelenbesetzten Cartier-Panther, mitgebracht. Beltrán beschloss, ihn wie ein lebensgroßes Wildtier darzustellen, das neben ihr auf der Jagd nach Beute ist. Ein Abdruck des Gemäldes zierte später den Einband ihrer Memoiren.[3] Nikitina wurde u. a. von dem russisch-französischen Fotografen Boris Lipnitzki[4] und der österreichischen Fotokünstlerin Madame d’Ora[5] porträtiert. Darunter findet sich auch eine populäre Fotografie von Nikitina in einem Kostüm von Coco Chanel.[6]
Auftritte (Auswahl)
In Klammern sind jeweils die Verantwortlichen für die Choreografie angegeben.
1923
- Solistin in Chasse de Diane (Romanov), Russisches Romantikballett, Berlin
- Das Mädchen in Fürst Igor (Fokine), Ballets Russes, Théâtre de la Gaîté, Paris
- Ballerina in Les Sylphides (Fokine), Ballets Russes, Monte-Carlo
- Ballerina in Aurora’s Wedding (Nijinska), Ballets Russes, London
1924
- Die Baronin in Les Tentations de la bergère (Nijinska), Ballets Russes, Monte-Carlo
- Die Brautjungfer in Les Noces (Nijinska), Ballets Russes, Monte-Carlo
- Klatschbase in Les Fâcheux (Nijinska), Ballets Russes, Monte-Carlo
- Florina in Aurora’s Wedding (Nijinska), Ballets Russes, London
- Ballerina in Cimarosiana (Massine), Ballets Russes, Coliseum Theatre, London
1925
- Flore in Zéphyr et Flore (Massine), Ballets Russes, Opéra de Monaco, Monte-Carlo und Coliseum Theatre, London
- Die Dienerin in Barabau (Balanchine), Ballets Russes, Coliseum Theatre, London
- Estrella in Le Carnaval (Fokine), Ballets Russes, Opéra de Monaco, Monte-Carlo
1926
- La Garçonne in Les Biches (Nijinska), Ballets Russes, Théâtre Sarah Bernhardt, Paris
- Julia in Romeo und Julia (Nijinska), Ballets Russes, Théâtre Sarah Bernhardt, Paris
- Die Jungfrau in La Pastorale (Balanchine), Ballets Russes, Théâtre Sarah Bernhardt, Paris
- Flore in Zéphyr et Flore (Massine), Ballets Russes, His Majesty’s Theatre, London und Théâtre Sarah Bernhardt, Paris
- Rosetta in Pulcinella (Massine), Ballets Russes, Théâtre Sarah Bernhardt, Paris
- Primaballerina in Les Sylphides (Fokine), Ballets Russes, Théâtre Sarah Bernhardt, Paris
- Dorothea in Le dame di buon umore (Massine), Ballets Russes, His Majesty’s Theatre, London
1927
- Hauptrolle in La Chatte (Balanchine), Ballets Russes, Théâtre Sarah Bernhardt, Paris und Princess’s Theatre, London
- Ballerina in Le Pas d’acier (Massine), Ballets Russes, Paris
- Ballerina in Les Biches (Nijinska), Ballets Russes, Princess’s Theatre, London
1928
- Ballerina in Ode (Massine), Ballets Russes, Théâtre Sarah Bernhardt, Paris
- Terpsichore in Apollon musagète (Balanchine), Ballets Russes, Théâtre Sarah Bernhardt, Paris
- Die Lieblingssklavin in Cléopatre (Balanchine), Ballets Russes, Monte-Carlo
1929
- Die Dame in Le Bal (Balanchine), Ballets Russes, Monte-Carlo
1930
- Die einbeinige Frau in Luna Park (Lifar), Cochrans Revue von 1930, London Pavilion
- Die Dame in La Nuit (Balanchine), Cochrans Revue von 1930, London Pavilion
- Die Ehefrau in Piccadilly 1813 (Balanchine), Cochrans Revue von 1930, London Pavilion
- Primaballerina in Tschaikowskys Pas de deux (Balanchine), Cochrans Revue von 1930, London Pavilion
- Die Lady in Heaven (Balanchine), Cochrans Revue von 1930, London Pavilion
1933
- Das Mädchen in Le Spectre de la Rose (Fokine), Ballets de Serge Lifar, London
- Primaballerina in Le creature di Prometeo (Lifar), Ballets de Serge Lifar, London
1937
- Die Königin in Le Lion amoureux (Lichine), Ballets Russes de Monte Carlo, Covent Garden Oper, London
Filmografie
1932
- Eine Tänzerin in The blue Danube (Regie: Herbert Wilcox)
- Olga in Ma femme... homme d’affaires (Regie: Max de Vaucorbeil)
Publikationen
- Alice Nikitina: Nikitina: By Herself. Allan Wingate, London 1959.
Weblinks
- Alice Nikitina bei IMDb
- Alice Nikitina. Oxford Reference, abgerufen am 30. Dezember 2025.
- Alice Nikitina. Milleballetti, abgerufen am 1. Januar 2026.
- Federico Beltran Masses: Mlle Nikitina. Stair Sainty, abgerufen am 31. Dezember 2025.
- Alice Regine "Nikitina" Landau. Chris & Julie Petersen’s Genealogy, abgerufen am 30. Dezember 2025.
Einzelnachweise
- ↑ Claude Levy: Alice Nikitina in the role of Flora (1925)
- ↑ Getty Images: Statue of Alice Nikitina; Album Online: Statue of Alice Nikitina (um 1927)
- ↑ AbeBooks: Nikitina (1959)
- ↑ Roger Viollet Galerie: Alice Nikitina, danseuse russe (um 1930)
- ↑ Getty Images: Alice Nikitina by Madame d’Ora (1928)
- ↑ Getty Images: Alice Nikitina by Madame d’Ora (1929)