Alice Bloch (Künstlerin)

Alice Bloch (* 15. Februar 1913 in Saarbrücken; † 26. Juli 2005 in Zürich) war eine in Deutschland geborene Schweizer Silber- und Goldschmiedin. Sie war Jüdin.

Werdegang

Alice Bloch wurde in Saarbrücken geboren und wuchs mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester Meta Babette und der sechs Jahre jüngeren Schwester Gertrud Therese in der Bruchwiesenstraße 16 auf. Die Geschwister hatten über ihren Vater die Schweizer Staatsbürgerschaft. Ihre Eltern Leon (* 1883) und Berta Bloch (* 1878) waren 1910 nach Saarbrücken zugezogen. Leon Bloch war Ingenieur, hatte aber auch eine musikalische Ausbildung in Klavier, Gesang, Komposition und wurde dann an der Synagogengemeinde Saarbrücken hauptberuflich Organist und Chorleiter. Alice Bloch besuchte die Mittelschule, vermutlich wie ihre Schwestern die Cecilienschule in der Bruchwiesenstraße, und wollte danach eine Ausbildung als Grafikerin absolvieren, entschied sich dann aber für die Goldschmiedekunst.[1]

Parallel zu ihrer vierjährigen Lehrzeit bei dem Saarbrücker Goldschmiedemeister Helmut Lang besuchte Alice Bloch von Ostern 1929 bis zum Frühjahr 1935 die Staatliche Kunst- und Kunstgewerbeschule am Ludwigsplatz in Saarbrücken,[2][3] wo sie, vermutlich als sogenannte „Nebenschülerin“, im Nachmittags- und Abendunterricht Kurse der Zeichenvorklasse, der Ornamententwurfsklasse sowie der Werkstatt für Metallbearbeitung belegte. Als Ergänzungsfächer wählte sie Anatomie, Kunstgeschichte, Stilkunde, Projektionslehre und Perspektive, Möbelzeichnen, Ornamententwurf und Schrift. Zu ihren Lehrern zählten Fritz Grewenig und Oskar Trepte. Da sie für Schulgeld und das benötigte Material an Edelmetallen und -steinen aufkommen musste, arbeitete Alice Bloch, wie ihre Mitschüler auch, bereits während der Ausbildung für eigene Kunden. Für die Saarbrücker Synagoge fertigte sie verschiedene religiöse Gegenstände. Sie schloss alle Fächer mit sehr gutem Erfolg ab und gehörte zu den besten Absolventen der Staatlichen Kunst- und Kunstgewerbeschule.[1]

Nach der Gesellenprüfung im April 1934 arbeitete Alice Bloch von September 1934 bis Januar 1935 in der neu eröffneten Goldschmiedewerkstatt von Anne Cormann (1907–2002).[4] Die Meisterprüfung wurde ihr in der Zeit des Nationalsozialismus verwehrt.[2]

Leben in der Schweiz

Alice Bloch emigrierte mit ihrer Familie nach der Volksabstimmung im Saargebiet 1935, bei der sich die Bevölkerung des Saargebiets für einen Anschluss an das nationalsozialistische Deutschland ausgesprochen hatte, im Februar 1935 in die Schweiz.[5] Ab 4. März 1935 war sie offiziell in Zürich, wo ihr Vater Verwandtschaft hatte, gemeldet.[6] Im Exil fand Alice Bloch zunächst keine Anstellung und durfte sich auch nicht freiberuflich niederlassen, da ihre Ausbildung an der Saarbrücker Kunstgewerbeschule nicht anerkannt wurde.[2] Daher besuchte sie von November 1935 bis zum Frühjahr 1943 als eine von wenigen Frauen drei Tage in der Woche den Weiterbildungsunterricht an der Kunstgewerbeschule in Zürich. Sie belegte Kurse der Metallklasse und vertiefte ihre Kenntnisse in den Bereichen Schmieden, Treiben, Montieren und Gravieren. Ihre Dozenten bewerteten ihre Abschlussarbeiten mit „sehr gut“ und „gut“.[6]

Alice Bloch eröffnete 1941 in Luzern ihr eigenes Atelier.[7] Ihre Werkstatt richtete sie nach Abschluss der Schule 1943 in der Wohnung ihrer Eltern in der Zürcher Stampfenbachstraße 140 ein und arbeitete freiberuflich. Infolge des Krieges blieben die notwendigen Aufträge jedoch zunächst aus. Erst ab 1947 konnte sie mit ihren Arbeiten ihr Auskommen sichern[2][6] und erwarb sich in den nächsten Jahren einen guten Ruf als anerkannte Gold- und Silberschmiedin und ausgewiesene Künstlerin für jüdische Kultusgegenstände. 1949 erhielt sie einen großen Auftrag zur Ausgestaltung der ersten auf deutschem Boden nach dem Holocaust neu zu errichtenden Synagoge Saarbrücken.[4] 1956 verlegte sie ihr Atelier nach Zürich.[7] Sie arbeitete zeitlebens selbstständig und betrieb ihre eigene Werkstatt in einem Raum in ihrer Wohnung. Sie entwarf religiöse Kultobjekte für schweizerische jüdische Stiftungen und Synagogen der Gemeinden in Zürich, St. Gallen, Bern, Lugano, Konstanz sowie in Tours, Luxemburg und New York und gestaltete Schmuck und Alltagsgegenstände als private Aufträge.[8]

Ab den 1980er Jahren gehörte Alice Bloch der 1978 von der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) aus gegründeten jüdischen liberalen Gemeinde Or Chadasch Zürich an. Sie starb im Juli 2005 und wurde auf dem Friedhof Or Chadasch ihrer Gemeinde in Zürich-Albisrieden bestattet.[1]

Künstlerisches Werk

Zwischen 1929 und 1935 fertigte Alice Bloch für die alte Saarbrücker Synagoge eine silberne Ewiglichtlampe, eine „Merktafel für Sidra und Haftara aus Silber und Ebenholz und eine Sederplatte zur rituellen Darreichung der Speisen vor dem Pesachmahl, gefertigt aus Kristall mit einer Silberumrahmung, versehen mit hebräischen Inschriften“.[1] Die Synagoge wurde während der Novemberpogrome 1938 in der Nacht vom 9. auf den 10. November niedergebrannt. In den Jahren 1948 bis 1951 entstand nach Plänen von Heinrich Sievers am Beethovenplatz in der Lortzingstraße eine neue Synagoge mit 248 Plätzen, die am 14. Januar 1951 feierlich eingeweiht wurde. Sie war damit die früheste Nachkriegssynagoge auf dem Gebiet des heutigen Deutschland. 1949 entwarf Alice Bloch die komplette Inneneinrichtung für die neue Synagoge mit allen kultischen und dekorativen Gegenständen.[2] Dazu gehörten unter anderem Toraschrein, Vorbeterpult, das Ner Tamid, zwei 2,40 Meter hohe Menorot zu beiden Seiten des Toraschreins, die Gesetzestafeln, der dreiteilige Schmuck für drei Torarollen, das Hawdala-Set, der Kidduschbecher sowie die Zierelemente am rituelle Handwaschbecken und die Ziersprüche über den Eingängen zur Synagoge.[4] Ihre Entwürfe für die Vorhänge am Toraschrein und die Decken des Vorbeterpultes wurden nach ihren Vorgaben von Esther Bloch gefertigt, der Inhaberin einer Firma für Synagogenstickerei. Links des Vorbeterpults ließ sie eine in Marmor eingelassene bronzene Gedenktafel für die Opfer des Nationalsozialismus anbringen, rechts als Pendant eine aus Bronze geschmiedete Chanukkia.[7] Bei der Gestaltung ihrer Objekte ließ Alice Bloch die traditionelle historisierende Formensprache jüdischer Kultgegenstände hinter sich, achtete aber auf den Erhalt ihrer Symbolik. „Fundierte Kenntnisse der Heiligen Schrift, des jüdischen Lebens wie der Liturgie spiegeln sich in den von ihr geschaffenen Objekten wider, ebenso eine klare, sehr moderne, auf das Wesentliche reduzierte Formensprache“.[4]

Von 1957 bis 1965 gestaltete Alice Bloch den Zürcher Filmpreis,[9] den sie in enger Anlehnung an die Esther-Rollen-Hüllen als silbernen Köcher anlegte.[8]

Zu Alice Blochs privaten Auftragsarbeiten gehörten Servierplatten, Teller, Besteck, Serviettenringe und Kerzenständer. Der Umarbeitung alter Schmuckstücke sowie der Schmuckherstellung widmete sie sich mit Leidenschaft und fertigte am liebsten vollständige Garnituren mit Anhänger, Ohrringen, Armband, Ring und Brosche, für die sie Brillanten verarbeitete. Im Bereich jüdischer Kultusgegenstände entwarf sie Toravorhänge und -schmuck, Kidduschbecher und Besamimbüchsen, Ewig-Licht-Lampen, Chanukka-Leuchter oder Menorot.[8] Erhalten sind vor allem auf dem Gebiet der Schweiz Ritualgegenstände aus der Hand von Alice Bloch,[2] einige davon im Besitz Schweizer Synagogen.[4]

Im Juli 1985 wurde Alice Bloch für ihr künstlerisches Werk mit dem Kulturpreis der Salomon-David-Steinberg-Stiftung ausgezeichnet.[9]

Ausstellungen und Werke in Museen (Auswahl)

  • 1939 wurden fünf ihrer Objekte in die „Ausstellung von Schülerarbeiten der Gewerbeschule Zürich, Kunstgewerbliche Abteilung“ aufgenommen, die an verschiedenen Orten in der Schweiz gezeigt wurde.[6]
  • Im Jahr 2025 zeigte das Jüdische Museum Berlin die Ausstellung Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne, in der auch Alice Bloch vertreten war.[10]
  • In der Sammlung des Jüdischen Museums in Basel befinden sich ein von ihr geschaffenes silbernes Hawdala-Set, das sie 1942 im Auftrag des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) zum 60. Geburtstag für dessen Präsidenten Saly Mayer fertigte sowie ein aus Messing hergestellter Tischaufsatz für die Zionistische Vereinigung in Zürich.[9]

Einzelnachweise

  1. a b c d Ruth Bauer, Marcel Wainstock: Bloch, Alice. Leben und Ausbildung in Saarbrücken. In: Digitales Gedenkbuch des Stadtarchivs Saarbrücken. Abgerufen am 25. Dezember 2025
  2. a b c d e f Bloch, Alice. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 23. Dezember 2025
  3. Michal S. Friedlander (Hrsg.): Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. Hirmer, München 2025, ISBN 978-3-7774-4623-3, S. 246, 267
  4. a b c d e Ruth Bauer, Marcel Wainstock: Bloch, Alice. In: Digitales Gedenkbuch des Stadtarchivs Saarbrücken. Abgerufen am 23. Dezember 2025
  5. Spurensuche. In: Saarbrücker Zeitung vom 29. Dezember 2010. Abgerufen am 23. Dezember 2025
  6. a b c d Ruth Bauer, Marcel Wainstock: Bloch, Alice. Ein schwerer Neuanfang in Zürich. In: Digitales Gedenkbuch des Stadtarchivs Saarbrücken. Abgerufen am 25. Dezember 2025
  7. a b c Ruth Bauer, Marcel Wainstock: Bloch, Alice. Kultgegenstände und Dekorationsentwürfe für die Saarbrücker Nachkriegssynagoge. In: Digitales Gedenkbuch des Stadtarchivs Saarbrücken. Abgerufen am 25. Dezember 2025
  8. a b c Ruth Bauer, Marcel Wainstock: Bloch, Alice. Ihr künstlerisches Schaffen. In: Digitales Gedenkbuch des Stadtarchivs Saarbrücken. Abgerufen am 25. Dezember 2025
  9. a b c Ruth Bauer, Marcel Wainstock: Bloch, Alice. Quellenlage. In: Digitales Gedenkbuch des Stadtarchivs Saarbrücken. Abgerufen am 25. Dezember 2025
  10. Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 23. Dezember 2025