Alger von Lüttich
Alger von Lüttich, oft auch Alger von Liège (gestorben um 1130 in Cluny) war ein Geistlicher des Hochmittelalters, der vor allem in Lüttich wirkte und mehrere theologische und kirchenrechtliche Werke verfasste.
Leben
Alger wurde vermutlich um 1060 geboren. Er wurde Kanoniker in Lüttich, zuerst am Sankt-Bartholomäus-Stift in Lüttich und dann (um 1101) an der dortigen Kathedrale. Nachdem er bereits länger als Lehrer gewirkt hatte, wurde er Leiter der angesehenen Domschule und wirkte über zwei Jahrzehnte als Sekretär des Bischofs, zuerst unter Olbert von Lüttich, dann unter dessen Nachfolger Friedrich. In den zahlreichen Konflikten, die um 1100 in Lüttich zwischen dem Bischof und verschiedenen Gruppen von Geistlichen sowie örtlichen Adeligen herrschten, muss Alger eine zentrale Rolle gespielt haben; sein Werk spiegelt seine gelehrte, aber auch pragmatische Sicht auf strittige Themen wie Simonie, Exkommunikation, Ketzerei und die Gültigkeit von Sakramenten. Die örtlichen Konflikte drohten immer wieder zu eskalieren, weil Kaiser Heinrich IV. sich auf die Seite Olberts stellte, während seine Gegner teilweise päpstliche Unterstützung erhielten. Alger selbst wird eine ausgleichende Rolle in diesen Konflikten zugesprochen. Im Jahr 1121 verließ Alger Lüttich, um in Cluny als Mönch zu leben; dort starb er zu einem unbekannten Zeitpunkt, vermutlich um 1130. Kurz nach seinem Tod schrieb ein Löwener Kanoniker namens Nikolaus eine kurze Biographie, die die wichtigste Quelle für Algers Leben ist.
Werke
Übersicht
Algers erhaltene Werke sind laut Repertorium fontium die folgenden:[1]
- De dignitate ecclesie Leodiensis
- De sacrificio missae
- Epistolae pro canonicis Leodiensibus scriptae
- Liber de misericordia et iustitia
- Libri III de sacramentis corporis et sanguinis Domini
- Tractatus de gratia et libero arbitrio
Der Liber sententiarum magistri A., den das Repertorium ebenfalls aufzählt, wird Alger seit längerem nicht mehr zugesprochen.[2][3] Eine Darstellung der Geschichte der Kirche von Lüttich aus Algers Feder ist verloren. Die beiden (im Codex Udalrici) erhaltenen Briefe Algers waren ausweislich seines Biographen Teil einer größeren Korrespondenz, die ansonsten aber ebenfalls verloren ist. Die Schrift De dignitate ecclesie Leodiensis kann wahrscheinlich mit einem allerdings nur anonym überlieferten Traktat identifiziert werden.
De sacramentis corporis et sanguinis Domini
Zeitgenössisch am bekanntesten war Alger Schrift zum Abendmahl (Libri III de sacramentis corporis et sanguinis Domini), eine der zahlreichen Repliken auf die Lehre des Berengar von Tours. Rund 20 Handschriften sind erhalten, zuzüglich von 12 weiteren Abschriften einer Kurzfassung, was für eine weite Verbreitung spricht. Petrus Venerabilis lobte sie als vorbildlich.
De misericordia et iustitia
Weniger weit verbreitet, aber in der modernen Forschung wesentlich prominenter ist Algers Liber de misericordia et iustitia (‚Buch über Gnade und Strenge‘).[4] Die Titel spielt auf den im vormodernen Kirchenrecht oft diskutierten Ermessensspielraum des kirchlichen Richters an, der unter Berücksichtigung des Seelenheils mal Gnade walten lassen, mal die Härte des (kirchlichen) Gesetzes anwenden müsse. Das erste Buch ist der Gnade gewidmet und der Frage, wann und warum diese anzuwenden sei. Das mittlere Buch behandelt vor allem das kirchliche Prozessrecht; auch hier diskutiert Alger den Unterschied zwischen Milde und Strenge. Das dritte Buch schließlich ist der strengen Anwendung des Kirchenrechts, insbesondere gegenüber Menschen „außerhalb der Kirche“, namentlich gegenüber Häretikern und Simonisten. Algers Liber de misericordia et iustitia gilt in der Geschichtswissenschaft als wichtige Quelle des sogenannten Investiturstreits und seinen lokalen Auswirkungen in Lüttich, da davon ausgegangen werden kann, dass hinter den von Alger diskutierten Situationen konkrete Konflikte aus seiner Umgebung stehen. Für die Kirchenrechtsgeschichte und die Geschichte der Wissenschaften allgemeint wichtig ist die oft dialektisch genannte Methode, mit der Alger in diesem Werk mit widersprüchlichen Aussagen innerhalb des kanonischen Rechts umgeht.[5]
Quellen
- Robert Kretzschmar: Alger von Lüttichs Traktat "De misericordia et iustitia" Ein kanonistischer Konkordanzversuch aus der Zeit des Investiturstreits: Untersuchungen und Edition (= Quellen und Forschungen zum Recht im Mittelalter. Band 2), Sigmaringen 1985 (Kritische Edition).
Literatur
- Bernhard Bischoff: Alger von Lüttich. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 1. Duncker & Humblot, Berlin 1953, ISBN 3-428-00182-6, S. 200 (deutsche-biographie.de).
- Robert Kretzschmar: Alger von Lüttichs Traktat "De misericordia et iustitia" Ein kanonistischer Konkordanzversuch aus der Zeit des Investiturstreits: Untersuchungen und Edition (= Quellen und Forschungen zum Recht im Mittelalter. Band 2), Sigmaringen 1985, S. 1–22 (Biographie) und passim.
- Ludwig Ott: Alger von Lüttich. In: Lexikon des Mittelalters (LexMA). Band 1. Artemis & Winkler, München/Zürich 1980, ISBN 3-7608-8901-8, Sp. 410.
- Johann Friedrich von Schulte: Algerus von Lüttich. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 1, Duncker & Humblot, Leipzig 1875, S. 341.
Weblinks
- Algerus canonicus im Repertorium „Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters“
- Literatur von und über Alger von Lüttich im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
Einzelnachweise
- ↑ Algerus canonicus im Repertorium „Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters“
- ↑ Nikolaus M. Häring: The Sententiae Magistri A (Vat. Ms Lat. 4361) and the School of Laon. In: Mediaeval Studies 17, 1955, S. 1–45, S. 1.
- ↑ Pauline Henriëtte Joanna Theresia Maas: The ›Liber Sententiarum Magistri A:‹: Its Place Amidst the Sentences Collections of the First Half of the 12th Century, Nijmegen 1995, S. 198–199.
- ↑ Christof Rolker: Canon Law in the Age of Reforms (c. 1000 to c. 1150) (= History of Medieval Canon Law). Catholic University of America Press, Washington 2023, S. 357–368.
- ↑ Christoph H. F. Meyer: Die Distinktionstechnik in der Kanonistik des 12. Jahrhunderts. Ein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte des Hochmittelalters (= Mediaevalia Lovaniensia. Series 1: Studia. Band 29). Löwen 2000, S. 141–143.