Alfred Richter (Rassentheoretiker)
Alfred Richter war ein deutscher Esoteriker und Rassentheoretiker.
Leben und Tätigkeit
Richter gründete in den 1920er Jahren zusammen mit seinem Bruder Georg Richter in Bärenstein im Erzgebirge eine Einrichtung, die sie zunächst als Sommerschule Bielathal firmieren ließen. Als Betreiber der Schule führten die Brüder, die Ariosophen und Mitglieder der Neuen Kalandsgesellschaft waren, selbstgegebene Direktorentitel und nannten sich selbstbewusst „Privatgelehrte“, die „das Urwissen unserer Ahnen“ pflegen würden.
Die Sommerschule verfügte über ein 50.000 m² großes, teilweise bewaldetes Grundstück, auf dem mehrere Sportplätze, eine Freiluftanlage und ein Bad installiert waren. Als Lehrer und Mitarbeiter wurden „wahrhaft deutsche Männer“ beschäftigt, die als „erfahrene Heilkundige […] mit Körpergymnastik vertraut sind“.
Das Geschäftsmodell bzw. Lehrprogramm der Sommerschule bestand darin, dass sie Sommerhäuschen an Erholungsbedürftige vermietete und Kurse zu größtenteils in den Bereichen Gesundheit, Lebensart und Esoterik angesiedelten Themen veranstaltete. Zu nennen wären hier etwa: Gymnastik, Körperkultur, Yoga, Atemlehre (veredelte Atemgymnastik), Charakterologie, Chiromantie, Physiognomie, Graphologie, Astrologie, Reinkarnationslehre, Schwingungslehre, odische Lebensstrahlung, „arisches Weistum“ und „Menschenkenntnis“. Außerdem bot die Schule Vorträge zu Themen wie natürlicher Ernährung, Körperpflege und Lebenskunst an.
Die Schule wies vielerlei Eigenschaften einer typischen lebensreformerischen Körperkulturanstalt bzw. Siedlung auf, sie besaß aber einen stark völkisch-mystischen Einschlag.
1932 fusionierte die Schule der Gebrüder (Sommerschule Bielatal) mit der Runenschule Runa des Siegfried Adolf Kummer zu einem „Privat-Institut für praktische Menschenkenntnis“, bevor sie ab 1933 den Namen „Privat-Institut für praktische Menschenkenntnis und Rassenkunde“ führte.
Publikationen
Anfang der 1930er Jahre trat Richter auch mit mehreren esoterisch orientierten Schriften an die Öffentlichkeit: 1932 erschien das Werk Die urewige Weisheitssprache der Menschenformen, das er Lanz von Liebenfels („dem großen Forscher“ und „bedeutendsten Rassenforscher der Gegenwart“) in „dankbarer Verbundenheit“ widmete.
Großen kommerziellen Erfolg hatte Richter mit dem 1933 erschienenen Buch Unsere Führer im Lichte der Rassenfrage und Charakterterologie. In diesem Werk, dem die These der Charakterologie zugrunde lag, dass „alles Geistige sich seine Form baut“, d. h., dass die äußeren Körperformen eines Menschen den inneren Kräften desselben entsprechen und dass es daher möglich sei, aus der äußeren Gestaltung und Ausformung eines Körpers die seelischen Anlagen desselben Menschen zu erkennen, entwarf er Charakterskizzen von einigen Dutzend führenden Funktionären des frühen NS-Staates, in denen er aufgrund von körperlichen Erscheinungsmerkmalen (zum Beispiel Schädelform, Nasenform, Kinn, Gesichtszügen, Körperbau etc.) angebliche Schlussfolgerungen bzw. Feststellungen über ihre Persönlichkeit und einzelne Züge derselben traf. Die meisten dieser Skizzen waren dabei, den Zeitumständen entsprechend, überaus huldigend und ehrerbietig gehalten. Dem Werk als Ganzen kommt daher ein starker propagandistischer Zug, einmal im Sinne der Aufwertung der völkischen Rasseideen und -theorien, insbesondere aber als Verherrlichung der NS-Bewegung, ihrer Ideologie und zumal ihrer führenden Exponenten zu.[1]
Über Hitler entwarf er z. B. die folgende Skizze:
„Oberhaupt: Gut gewölbt, nach allen Seiten in harmonischer Wölbung verlaufend mit guter Spannung; Alliebe, hohe Religion, Schönheit und Wesensadel. Stirn: Eckig mit straffer Spannung (nordische Natur) […] Hitler ist blond, hat rosige Haut und blaue Augen, ist also rein (arisch-)germanischer Natur und alle anderen Verbreitungen über sein Aussehen und seine Persönlichkeit hat die schwarze und rote Presse in die Volksseele gesät, was ich hiermit richtiggestellt haben möchte.“
NS-Autoren kritisierten später „die Inanspruchnahme des Begriffs Rasse“ durch die Gebrüder Richter als etwas Gefährliches, da diese das „ernste“ und wissenschaftliche Thema Rassenkunde mit okkulten Dingen wie Chiromantie, Astrologie und Magie verbinden würden. Die Technik Alfred Richters, äußere Kennzeichen an Kopf, Gesicht, Händen usw. als „Rassenmerkmale“ zu deuten, würde einen Berührungspunkt mit der Rassenkunde schaffen: Sie würde aber nicht berücksichtigen, dass Rassenmerkmale erbliche Merkmale körperlicher wie seelischer Art, die einer größeren Gruppe von Menschen gemeinsam seien, wobei nur wenige bestimmte Merkmale als Rassenmerkmale anerkannt seien, würden sie „ohne sich Zwang anzulegen, alle möglichen körperlichen Eigentümlichkeiten“ als vermeintliche Rassenmerkmale wählen. Man könnte zwar bei Vorhandensein mehrerer, eine Rasse kennzeichnender, äußerer Merkmale bei einem Menschen mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit auf gewisse, dieser Rasse eigene, seelische Eigenschaften bei ihm schließen. Dies würde aber nicht bedeuten, dass man aus einem einzelnen körperlichen Merkmal eine Eigenschaft der Seele erkennen kann, die sich durch die Form und Gestaltung dieses äußeren Merkmals ausdrücke. Auch wenn manche Feststellungen der Charakterologen richtig beobachtet sein könnten, hätten die Beobachtungen derselben und „die sich daran anknüpfenden abenteuerlichen Vorstellungen“ mit Rassenkunde „nicht das geringste zu tun“.[2]
Schriften
- Die urewige Weisheitssprache der Menschenformen. Eine charakterologische Ganzheit aus den Lehren von vielen Forschern. Ein Lehr- und Anschauungsbuch zum Studium und praktischen Gebrauch im täglichen Leben. 1932.
- Unsere Führer im Lichte der Rassenfrage und Charakterologie. Eine rassenmäßige und charakterologische Beurteilung von Männern des Dritten Reiches. Verlag der Literaturwerke, Leipzig 1933.
- Der Heilgruss. Seine Art und Bedeutung (= Germanische Schriftenfolge, Heft 3). Dresden 1933.
Literatur
- Hans Peter Bleuel: Das saubere Reich. Theorie und Praxis des sittlichen Lebens im Dritten Reich. 1972, ISBN 978-3860471845, S. 46.
- Bernd Wedemeyer-Kolwe: „Der neue Mensch“. Körperkultur im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. 2004, ISBN 978-3-8260-2772-7, S. 182.
Einzelnachweise
- ↑ Hermann Glaser: Das Dritte Reich. Wie es war und wie es dazu kam. 1979, S. 33. Hier heißt es, dass das Buch „eine hohe Auflagenziffer erreichen sollte“.
- ↑ Volk und Rasse. Illustrierte Monatsschrift für deutsches Volkstum, Rassenkunde, Rassenpflege. Zeitschrift des Reichsausschusses für Volksgesundheitsdienst und der Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene. 11. Jg. (1936), S. 464.