Alexandra Tolstaya

Alexandra Tolstaya (* 18. Junijul. / 30. Juni 1884greg. in Jasnaja Poljana, Gouvernement Tula; Russisches Kaiserreich; † 26. September 1979 in Valley Cottage, New York, USA) war eine russische Publizistin und die jüngste Tochter des Schriftstellers Leo Tolstoi.

Leben

Zaristisches Russland

Alexandra war das zwölfte und jüngste Kind von Leo und Sophia Tolstoi. Ihren Vornamen erhielt sie nach der Taufpatin und Lieblingsverwandtin des Vaters Alexandra Andrejewna Tolstaja. In der Nacht vor ihrer Geburt wollte dieser die Familie für immer verlassen, konnte aber zum Bleiben bewegt werden.[1] Das Verhältnis ihrer Mutter zu ihr war nicht besonders gut, während sie sich zum Lieblingskind des Vaters entwickelte. Alexandra wurde von qualifizierten Gouvernanten ausgebildet, sie erlernte die französische, englische und deutsche Sprache fließend und war eine gute Schlittschuhläuferin und Reiterin.

In den häufigen innerfamiliären Konflikten stand sie als einzige vorbehaltlos auf der Seite des Vaters, der vergeblich einen umfassenden Verzicht der Familie auf einen großen Teil des Besitzes forderte. Ab 1899 unterstützte sie ihn bei Schreibarbeiten und war seit 1901 seine Sekretärin. 1910 setzte er sie als alleinige Nachlassverwalterin ein. Alexandra wusste als einzige in der Familie von dessen Fluchtplänen 1910 und unterstützte ihn in seinen letzten Lebenstagen.

Danach ordnete sie den Nachlass und veröffentlichte seine nachgelassenen Schriften. Von dem Erlös kaufte sie ihrer Familie das Gut Jasnaja Poljana ab und überließ einen großen Teil den Bauern, wie es ihr Vater gewollt hatte. Nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges meldete sich Alexandra Tolstaja freiwillig als Krankenschwester. Später leitete sie ein Lazarett und gründete ein Waisenhaus. 1917 wurde sie bei einem deutschen Giftgasangriff vergiftet. Danach kehrte sie nach Jasnaja Poljana im Rang eines Obersts zurück.

Sowjetrussland

Alexandra Tolstaja stand der neuen Sowjet-Regierung kritisch gegenüber, sie vermied aber offene Konfrontationen. 1919 wurde sie von Volkskommissar Lunatscharski zur Kommissarin für Jasnaja Poljana ernannt. Kurz danach wurde sie verhaftet, weil ihre Adresse bei einem Anhänger der Weißgardisten gefunden wurde. Wenige Tage später wurde sie wieder freigelassen, die Entscheidung darüber lief auch durch die Büros des Geheimdienstchefs Dzierzinsky und des Kommissars Kamenjew. Im März 1920 wurde sie erneut verhaftet und zu drei Jahren Lager verurteilt. Ein Brief von ihr an Lenin änderte daran zunächst nichts, erst im Sommer 1921 wurde sie durch eine Amnestie freigelassen.

Nach der Verstaatlichung von Jasnaja Poljana 1921 wurde Alexandra Tolstaja zur Direktorin des neu gegründeten Museums ernannt und 1925 auch des Museums der schönen Künste. Bei den Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag ihres Vaters 1928 unter der Leitung des Volkskommissars Lunatscharski wurde sie beteiligt.

USA

Im Oktober 1929 durfte Alexandra Tolstaja zu einer Vortragsreise nach Japan erstmals in das Ausland reisen.[2] Von dort gelang es ihr nach vielen Mühen 1931 in die USA ins Exil zu gelangen. Dort baute sie sich eine landwirtschaftliche Farm mit Hühnern, Kühen und Ackerbau unter schwierigen materiellen Bedingungen auf. 1939 gründete sie die Tolstoy Foundation, der sie lebenslang vorstand. Diese unterstützte in den folgenden Jahren auch viele russische Emigranten wie die Schriftsteller Bunin und Solschenizyn und Stalins Tochter Swetlana Allilujewa.[3] 1941 erhielt Alexandra Tolstaya die US-amerikanische Staatsbürgerschaft, musste aber auf ihren Adelstitel verzichten.

In der Sowjetunion wurde seit 1948 verstärkt gegen sie polemisiert. Nachdem sie sich 1956 offen gegen den sowjetischen Einmarsch in Ungarn ausgesprochen hatte, wurden die Erinnerungen an sie auf Fotos, in der Literatur und in Museen weitestgehend beseitigt. Erst zu den Feiern zum 150. Geburtstag ihres Vaters 1978 wurde sie erstmals nach Moskau und Jasnaja Poljana eingeladen, was sie aber auf Grund ihres schlechten Gesundheitszustandes nicht mehr wahrnehmen konnte. Im folgenden Jahr starb sie in der Nähe von New York im Alter von 95 Jahren und wurde danach umfassend gewürdigt.

Publikationen (Auswahl)

Alexandra Tolstaya veröffentlichte zahlreiche Schriften über ihren Vater und zu weiteren Themen, die meisten in englischer Sprache.

Deutsche Ausgaben
  • Tolstojs Flucht und Tod, Cassirer, Berlin 1925, einzige autorisierte deutsche Ausgabe
    • Leo Tolstois letzte Tage, Furche, Hamburg 1953
    • Tolstois Flucht und Tod, Diogenes, Zürich 2008
  • Wanderer in Ketten, Furche, Berlin 1932
Commons: Alexandra Tolstaya – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Alexandra Tolstoy Tolstoy Foundation (englisch), mit einigen biographischen Informationen

Einzelnachweise

  1. Alexandra Lwowna Tolstaja Tolstoy.ru (deutsch), mit vielen biographischen Informationen
  2. Peter Raff, Alexandra, Tolstojs jüngste Tochter, und ihre Beziehungen zu Japan, in OAG-Notizen, 2017/11, S. 10–31 (PDF), mit detaillierter Darstellung des Japan-Aufenthaltes
  3. Alexandra Tolstoy Tolstoy Foundation (englisch), mit einigrn Informationen über ihre Aktivitäten in den USA