Alexander Johann von der Pahlen

Alexander Johann Freiherr von der Pahlen (* 29. Dezember 1819 in Reval; † 8. Juli 1895 auf Gut Palmse Estland) war Mitglied der deutschbaltischen Familie Pahlen, Gutsbesitzer, Landrat von Estland und Präsident der Baltischen Eisenbahn AG sowie Ehrenmitglied der Estnischen Literarischen Gesellschaft.

Leben

Als einziges Kind der Familie von Carl Magnus von der Pahlen (1779–1863) und Elisabeth Anna von der Pahlen (1797–1820) geboren, wuchs Alexander Johann von der Pahlen als Halbwaise auf, da seine Mutter drei Wochen nach seiner Geburt verstorben war. Seine Schulbildung erfuhr er die ersten Jahre durch häuslichen Unterricht, bevor er an die Junkerschule nach Sankt Petersburg wechselte. Nach seinem Schulabschluss wurde er 1836 in das russische Garde-Regiment zu Pferde in Sankt Petersburg aufgenommen. Als im Mai 1841 seine Großmutter mütterlicherseits, Margareta von Essen, geborene von Stackelberg (1760–1841), verstarb, erbte er das in ihrem Besitz befindliche Haus am Domplatz in Reval.[1]

Berufliche Entwicklung

Mit dem Dienstgrad eines Rittmeisters verabschiedete sich von der Pahlen 1846 nach zehn Jahren aus dem Militärdienst und widmete sich von da an der Bewirtschaftung der Familiengüter. Im Besitz der Familie befanden sich damals die Güter Arbavere, Aruvalla, Palmse und Vaida.[2] Dabei war er auch regionalpolitisch aktiv und wurde 1848 als Kreisdeputierter für Harrien gewählt, sowie zum Kirchspielrichter ernannt. Zusätzlich bot er ab 1856 seine Dienste als Kammerherr an. Seit 1862 auch als Hauptmann der estnischen Ritterschaft tätig, war er besonders um die Abschaffung der noch üblichen aus russischer Zeit übernommenen Frondienste und die Freigabe des Güterbesitzrechtes bemüht.[3] den Tod seines Vaters war er seit 1863 nun selbst Besitzer von vier Landgütern, dazu kam das Haus in Reval Schloßplatz Nr. 4. Damit verlegte er noch im gleichen Jahr seinen Wohnsitz nach Palmse.[4]

Etwa ab 1865 betreute er über längere Zeit den preußischen Wissenschaftler Hermann von Helmholtz (1821–1894), der sich zu Forschungszwecken in der baltischen Region aufhielt, als Kammerherr.[5] Von 1849 bis 1855 war Helmholtz Lehrstuhlinhaber an der Universität von Königsberg und kehrte zwischendurch immer wieder in diese Region zurück. Zwei Jahre später wurde von der Pahlen zum estnischen Landrat ernannt, war Deputierter in Sankt Petersburg und Mitglied in ritterschaftlichen Kommissionen. In einigen dieser Zusammenschlüsse hatte er sogar den Vorsitz inne.

Bau der Eisenbahnlinie Sankt Petersburg-Reval

Bereits kurz vor der Verabschiedung Alexander Johann von der Pahlens beim Militär waren 1846 bei russischen und estnischen Behörden Pläne für den Bau einer Eisenbahnstrecke von Sankt Petersburg nach Reval eingereicht worden. Doch es kam aus finanziellen Gründen nicht zu ihrer Verwirklichung. Anfang der 1860er Jahre wurden nochmals einige Teilabschnitte vermessen und nach einer günstigen Trasse gesucht. Anfang 1863 hatte von der Pahlen beim baltischen Straßenbauministerium selbst einen Antrag gestellt, der aber aus Kostengründen 1867 abgelehnt wurde. Erst im Sommer des Folgejahres befürwortete Zar Alexander II. (1818–1881) die Konzession für den Bau. Demzufolge sollten die Akteure auf eigenes Risiko mit den Arbeiten beginnen und die fertigen Abschnitte mit den benötigten Transportmitteln ausstatten. Als Vertreter der Estnischen Ritterschaft war von der Pahlen die Konzession erteilt worden, und Ende November 1868 gründete er in Sankt Petersburg die Baltische Eisenbahngesellschaft.[6]

Im gleichen Jahr erhielt von der Pahlen die Ehrenbürgerschaft von Reval. Er wurde zum Vorsitzenden der Eisenbahngesellschaft gewählt und ließ im Mai 1869 mit dem Bau beginnen. Als erstes wurde eine über 400 Kilometer lange Strecke von Paldiski nach Tosno in Angriff genommen. Mit ihrer Fertigstellung 1870 war der Anschluss an die Bahnverbindung Moskau-Sankt Petersburg hergestellt. Bahnhöfe wurden in Reval, Rakvera, Narva und Gatschina errichtet. Das Gebäude in Reval wurde 1871 der Öffentlichkeit übergeben und hier nahm dann auch die Eisenbahngesellschaft ihren endgültigen Sitz. Dem Gut Palmse am nächsten war die Station Kadrina gelegen, wo ein hölzernes Bahngebäude nach den Entwürfen von Carl Magnus von der Pahlen errichtet wurde. Für ihn selbst war dort ein privater Warteraum berücksichtigt worden, den er recht regelmäßig nutzte. Im Jahr 1876 wurde die bestehende Strecke auf seine Initiative hin bis Dorpat verlängert. Das schaffte auch für den An- und Abtransport von Erzeugnissen und Gebrauchsmaterialien für das Gut Palmse günstige Bedingungen. Im gleichen Jahr veröffentlichte er sein Buch über die Livländischen Eisenbahnen.[7]

Gesellschaftliches Engagement

Neben dem Amt des Präsidenten im Verwaltungsrat der Baltischen Eisenbahn-AG war Alexander Johann von der Pahlen seit 1872 Ehrenmitglied der Estnischen Literarischen Gesellschaft und Ehrenmitglied bei der Livländischen Gemeinnützigen und ökonomischen Sozietät. Außerdem führte er den Vorsitz im Revaler Aktienclub. Als Besitzer der Güter Arrowal, Arbafer, Palmse, Rohküll und Wait hatte er, da er selbst weitestgehend in Sankt Petersburg wohnte, überall Verwalter eingesetzt. Aus finanziellen Nöten heraus gab er in den kommenden Jahren vier der Güter in andere Hände.[8]

Nur an Palmse hielt er in besonderer Weise fest und übereignete das Gut 1889 seinem Sohn Alex Magnus von der Pahlen (1850–1925). Obwohl selbst auf Palmse geboren und später auch wohnhaft, ein Landwirt war dieser Sohn nicht. Mit großem Interesse für die umliegende Landschaft, die dort befindlichen Steinbrüche, den Ostseestrand hatte er in seiner Jugendzeit eine imposante Sammlung an Steinen und Mineralien zusammengetragen und diese im Herrenhaus deponiert.[9]

Die letzten Lebensjahre verbrachte er auf Gut Palmse. Hier verstarb Alexander Johann von der Pahlen am 8. Juli 1895.

Familie

Nach dem Tod seiner Mutter, Elisabeth von der Pahlen, hatte sein Vater ein zweites Mal geheiratet. So wurde Katharina Wilhelmine von der Pahlen (1800–1869) seine Stiefmutter. Aus dieser Ehe gingen 4 Kinder hervor, mit denen Alexander Johann von der Pahlen zusammen aufwuchs.

Er selbst heiratete am 13. Oktober 1844 in Sankt Petersburg Olga Frederike von Grote (1826–1888). Aus dieser Ehe gingen insgesamt 14 Kinder hervor:

  • Isabella Olga von Ungern-Sternberg, geborene von der Pahlen (1846–1915)
  • Elisabeth Margarete Mathilde von der Pahlen (1848–1898)
  • Alexis Magnus Hans Bar von der Pahlen (1850–1928)
  • Mathilde von der Pahlen (1852–1872)
  • Katharina Natalie Adeleide von der Pahlen (1853–1877)
  • Wilhelm Johannes Roman von der Pahlen (1854–1892)
  • Olga Juliane Friederike von Grünewald geborene von der Pahlen (1856–1936)
  • Margaretha Euphrosine von der Pahlen (1857–1930)
  • Friedrich von der Pahlen (1858–1889)
  • Nicolaus Johann Peter (1850–1866)
  • Marie Charlotte von der Pahlen (* 1852)
  • Eugen Ferdinand Gideon Dietrich von der Pahlen (1853–1912)
  • Helene Marie Charlotte Alexandrine von der Pahlen (* 1859)
  • Charlotte Malwine Sophie Elisabeth von der Pahlen (* 1863)

Aktuelles

Aus Anlass seines 200. Geburtstages im Jahr 2019 wurde in Tallinn eine internationale Konferenz abgehalten. Bei dieser Veranstaltung sprachen Mitglieder seiner Familie, Wissenschaftler und Kulturhistoriker über Schnittpunkte zur Familiengeschichte derer von der Pahlen, zu deutsch-baltischen Traditionen sowie zur Pflege und Erhaltung des Gutes Palmse.[10]

Publikationen

  • Die Livländischen Eisenbahnen und ihre Richtung, St. Petersburg, 1876

Literatur

  • Ants Hein: Palmse – Palms. Ein Herrenhof in Estland, Hattorpe, Eesti Entsüklopeediakirjastus 1996, ISBN 5-89900-042-2;
  • Mare Luuk: Marks of Ownership of Six Generations: The Library of the Pahlen Family. Tallinn 2014, http://www.leidykla.vu.lt/inetleid/knygot/42/straipsniai/str14.pdf
  • Susanna Murel: Palmse Pahlenid raamatupeeglis – põgus pilguheit mõisahärra raamatukokku, SA Virumaa Muuseumid TOIMETISED 2017;
  • Walter Riccius, Schlösser und Gärten. Das Gut Palmse und seine Akteure, GRIN-Verlag München 2026, ISBN 978-3-38917-137-0;
  • Baltisches Biografisches Lexikon, Hrsg. Baltische Kommission 2025, S. 571;
  • Genealogisches Handbuch des Adels, Band F A VII, C.A. Starke Verlag, Limburg 1969. S. 311;
Commons: Alexander Johann von der Pahlen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten

  1. Das Haus befand sich an zentralem Ort in Reval, Ecke Langer Domberg/Schloßstraße. Heute hat es die Adresse Tallinn Schloßstraße 4 und ist der Sitz der deutschen Botschaft in der Estnischen Hauptstadt, Vgl. Juhan Maiste, U. Oolup: Das Haus auf dem Domberg, Dortmund, 1995;
  2. Adelswappen Von der Pahlen Nr. 75, in: https://www.adelsvapen.com/genealogi/Von_der_Pahlen_nr_75#TAB_11;
  3. Biografie über Alexander Johann von der Pahlen, in: Walter Riccius, Schlösser und Gärten. Das Gut Palmse und seine Akteure, GRIN-Verlag München 2026, ISBN 978-3-38917-137-0, S. 76ff.
  4. Ants Hein, Palmse – Palms. Ein Herrenhof in Estland, Hattorpe, Eesti Entsüklopeediakirjastus 1996, ISBN 5-89900-042-2, S. 165;
  5. Mare Luuk: Marks of Ownership of Six Generations: The Library of the Pahlen Family. (Tallinn 2004), PDF-Version: http://www.leidykla.vu.lt/inetleid/knygot/42/straipsniai/str14.pdf;
  6. V. Gussarova, O. Karma, G. Lukin: Sada aastat Eesti raudteed, Tallinn 1970, S. 23.ff.; Vgl.: Lettisches Historisches Archiv, Bestand LHSA, B. 766, Verz. 2. Nr. 10;
  7. Alexander Johann von der Pahlen, Die Livländischen Eisenbahnen und ihre Richtung, St. Petersburg 1876;
  8. Ants Hein, Palmse – Palms. Ein Herrenhof in Estland, in: ebenda, S. 166;
  9. Beiträge zur Kunde Estlands, Band XI, Reval 1925, S. 81ff.;
  10. Wissenschaftliche Konferenz aus Anlass des 200. Geburtstages Alexander Johann von der Pahlen, Videokonferenz, in: https://viruinstituut.ee/alexander-von-der-pahlen-200/;