Alexander-von-Humboldt-Gymnasium Chemnitz
Die Bezeichnung der Schule, die in dem 1914 bezogenen Gebäude auf dem Sonnenberg ihre Tätigkeit aufnahm, war Humboldtschule. Dieser Name blieb so bis 1993. Das Alexander-von-Humboldt-Gymnasium war ein von 1995 bis 2005 in dem Gebäude untergebrachtes Gymnasium in der sächsischen Stadt Chemnitz.
Schulgeschichte
Bis 1914 gab es in Chemnitz 45 Schulen für rund 49.000 schulpflichtige Kinder. Als sich die Stadtverwaltung Chemnitz entschloss ein neues Schulgebäude in dem Wohnbereich des Sonnenbergs zu errichten, lagen dem vor allem Überlegungen zugrunde, hier den Arbeiterfamilien und ihren Kindern eine bessere Schulbildung angedeihen zu lassen, als es in der Mehrzahl der Wohngebiete in Chemnitz bisher möglich war. Dabei sollte mit dem Schulneubau zugleich das Ziel der Einrichtung einer konsequenten „Volksschule“ verfolgt werden. Die von der Bildungsverwaltung für 1912 beauftragte Studien hatte gerade für den Bereich des Sonnenbergs erheblichen Handlungsbedarf signalisiert. Deshalb sollte diese Schule den Charakter einer Knaben- und Mädchenschule erhalten, die den Bedürfnissen des Einzugsgebietes, mit vorrangig Arbeiterfamilien am ehesten gerecht würde. Den Namen erhielt sie, weil die weithin sichtbare Erhebung im Osten der Stadt „Humboldthöhe“ genannt wurde. Der Neubau wurde 1912 vom Chemnitzer Stadtbaurat Richard Möbius im späten Jugendstil entworfen und am 10. April 1914 durch Stadtrat Dr. Sturm eingeweiht. Der Bau kostete insgesamt 838.447 Mark. Im Gebäude waren 24 Klassenzimmer, 2 Kombinationsräume, Zeichen- und Werkräume, eine Aula, ein Brausebad und eine Schülküche berücksichtigt worden.[1] Dadurch war schon in den ersten Jahren die Humboldtschule eine besondere Volksschule. Doch der Kriegszustand führte schnell zu erheblichen Mittelkürzungen und so wurde das Konzept nur von seinem grundsätzlichen Ansatz her in Gang gesetzt. Unmittelbar nach dem Krieg begann mit der Schulpolitik der Weimarer Republik eine Umorientierung zu einer freien Versuchsschule mit deutlichem Reformschulcharakter.[2]
Reformpädagogische Versuchsschule
Ab Ostern 1921 nahm die „Versuchsschule Chemnitz“ unter Leitung von Ottmar Fröhlich und seinem Stellvertreter Max Uhlig (1891–1954) ihre Arbeit auf. Sofort wurde das Konzept der Reformpädagogik, darauf bezog sich auch der Untertitel "Versuchsschule", wie ursprünglich 1914 gewollt, konsequent wieder aufgegriffen. Die Bedingungen waren nun unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg reif, der bisher „kaisertreuen“ Erziehung der Jugend, eine wirkliche Alternative entgegenzusetzen. Neben dem reformierten Pädagogikkonzept nahmen alle Schüler an der Schulspeisung teil und unterlagen regelmäßigen ärztlichen Untersuchungen. Seit 1923 hatte als Direktor, der Reformpädagoge Fritz Müller (1887–1968) die Leitung der Einrichtung übernommen. Im darauffolgenden Jahr 1924 wurde sie in „Freie Humboldtschule Chemnitz“ umbenannt. Ein Schulverein "Humboldtschule" wurde gegründet und mit höher Beteiligung der Schüler wurde regelmäßig die Schulzeitung "Der Sonnenberg - Blätter der Humboldtschule" herausgegeben. Das Schulgebäude beherbergte nun neben der alten herkömmlichen Humboldtschule (Knaben-Volksschule) auch die reformpädagogische Versuchsschule, die zunächst als Mädchenschule weiterarbeitete, später aber zu gemischten Klassen überging. Getragen wurde die Schulkonzeption der „Versuchsschule“ seit 1921 von den Ideen und Ziele der Reformpädagogik, frei von Religion, Parteizugehörigkeit und schulischem Zwang, mit den Schwerpunkten:
- Erziehung zur Gemeinschaft durch die Gemeinschaft (Schulfeste, Sport- und Schwimmfeste)
- Erziehung zur Arbeit (Werkunterricht)
- Ästhetik / Ästhetische Erziehung (Schulchor, Schulorchester, Theatergruppe)
- Trennung von Religion und Schule
umgesetzt.[3] Für Chemnitz war dieser Schritt im Bereich der Schulbildung eine Einmaligkeit und fand sehr schnell bei humanistischen Pädagogen Zuspruch. Von der sozialen Herkunft der Lernenden her war sie eine weltanschauliche Schule der Arbeiterschaft, getragen von einer vordergründig proletarischen Elternschaft. So konnte 1924 der erste Schullandheim-Aufenthalt für ein Teil der Schüler organisiert werden, ab 1929 besaß die Schule ein eigenes Schullandheim „Kreuztanne“ bei der Ortschaft Sayda im Erzgebirge. Wegen ihres Charakters und der Bildungsziele erhielt die Humboldtschule große Unterstützung durch die Internationale Arbeiterhilfe (IAH). Ende der 1920er Jahre wurde die Bildungseinrichtung zur Ganztagsschule umgestaltet. So bot sie während der Weltwirtschaftskrise den Kindern ein zweites Zuhause, die Schule wurde zur sozialen Begegnungsstätte und Ort humanistischer Bildung. Zusätzlich bot sie ein breites Betätigungsfeld für sportliche Aktivitäten. Denn im Jahr 1930 war auf dem Schulgelände die "Ludwig-Jahn-Sportbaude" und ein großer Sportplatz mit Fußballfeld und Anlagen für Leichtathletikwettkämpfe eröffnet worden.[4]
Dem zu Beginn der 1930er Jahre immer mehr in die Öffentlichkeit rückenden „Nationalsozialismus“ als politische Bewegung, war diese Schule ein Dorn im Auge. Da aber die versuchten Angriffe dieser, um die NSDAP-gescharrten Kräfte, an der Arbeiterhochburg auf dem Sonnenberg abprallten, blieb es bis Anfang 1933 hauptsächlich bei verbalen und in der Presse vollzogenen Attacken.
Kurz nach der Machtergreifung durch die NSDAP Anfang 1933 verwüsteten in der Nacht vom 4. zum 5. Februar SA-Trupps das Schullandheim "Kreuztanne". Am 6. März 1933 entfernten sie die auf dem Turm der Humboldtschule angebrachte „Fahne“ als Symbol der Reformpädagogik und hissten eine Hakenkreuzfahne. Einzelne Schüler leisteten Widerstand und begossen die Fahne mit Tinte. Die dann erzwungene Machtübernahme der Nationalsozialisten auch in der Chemnitzer Stadtverwaltung im ersten Quartal 1933 bereitete dieser Reformschule dann ein schnelles Ende. Am 5. April verfügte die nun "gleichgeschaltete" Stadtverwaltung die Auflösung der Versuchsschule. Die beiden Direktoren und fünf der Lehrer wurden fristlos entlassen und noch im gleichen Jahr auch die Mehrzahl der Lehrkräfte durch „systemtreues Personal“ ersetzt. Genauso rigoros erfolgte noch 1933 die Einziehung der Lehrbücher, vor allem für die Fächer Geschichte und Geographie. Von nun an wurde das humanistisches Anliegen der Humboldtschule durch nationalsozialistisches Gedankengut ersetzte. Das Schullandheim wurden geschlossen, die Schulzeitung „Sonnenberg-Blätter der Humboldtschule“ verboten. Ab 1944 diente das Schulgebäude als Lazarett.
Übungsschule des pädagogischen Instituts
Im Herbst 1946 ergriffen mehreren demokratische gesinnte Kräfte in Chemnitz die Initiative zur Wiedergründung der "Humboldtschule". Unterstützung erhielten sie dabei vor allem durch den Stadtrat Johann Rieser und Schulrat Max Uhlig. Als erste Ganztagsschule auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone nahm dann 1948 die Humboldtschule ihre Tätigkeit wieder auf. Im Rahmen der Schulpolitik der DDR wurde 1949 aus der einstmaligen Versuchsschule eine polytechnische Oberschule mit angeschlossener Ganztagsbetreuung, die einen Kindergarten, ein Ganztagesheim und einen Schülerhort mit einschloss. Die Leitung des schulbezogenen Kindergartens lag in den Händen der Pädagogin Marianne Neubert. Als Direktor der Grundschule wirkte der verdiente Lehrer des Volkes, Alfred Wolfram. Das hier tätige Pädagogenteam verstand es, die mit der Reformpädagogik in den 1920er Jahren verfolgte humanistische und konfessionsfreie Bildung in das neue Schulkonzept der Humboldtschule zu integrieren. Damit waren vor allem zwischen 1952 und 1956 erhebliche Anstrengungen und zum Teil auch ein "verdecktes Agieren" erforderlich, um nicht die eigenen Errungenschaften der politisch verordneten, stalinistisch geprägten Sowjetpädagogik zu opfern.[5] Zusätzlich zog ab 1955 das pädagogische Institut der Technischen Hochschule Karl-Marx-Stadt in das Schulgebäude mit ein und bildete hier zukünftige Lehrer aus.[6] Damit wurde die Humboldtschule zur "Übungsschule des pädagogischen Instituts" und die bisherigen Klassenstufen 1 bis 10 der Polytechnischen Oberschule blieben weiterhin im Haus. Viele Ideen der Reformpädagogik aus den 1920er Jahren, abgewandelt auf die Bedingungen der jungen DDR, wurden wieder aufgegriffen. Die Leitung der Schule lag nun in den Händen von Direktor R. Hertwig und seiner Stellvertreterin Barth. Dabei standen vor allem der pädagogische Ansatz mathematisch-naturwissenschaftlicher Profilierung und das Heranführen der Schüler an eine soziale sowie leistungsbezogene Motivationen im Mittelpunkt des ganzheitlichen Unterrichts. Bereits ab 1960 verfügte die Schule über ein eigenes Ferienlager zur aktiven Gestaltung der Schulferien in der Natur, mit Sport und besonderen Arbeitsgemeinschaften. Das Objekt befand sich in der Ostprignitz im Ort Repende bei Rheinsberg. Besonders unterstützt durch die im Haus befindlichen Pädagogikstudenten konnten auch in der Schulzeit ein breites Spektrum an außerschulischer Betätigung herausgebildet werden. Im Jahr 1959 wurde hier die erste Schüleroper „Fischer im Netz“ uraufgeführt. Neben künstlerischen und sportlichen Arbeitsgemeinschaften wurde ein Fotoclub, eine eigene Schülerbibliothek und technische AG's unterhalten. Vier Jahre vor der Wende wurde eine erweiterte Oberschule hinzugefügt. Nach der Schulreform teilten sich bis 1994 rund 250 Grund- und 235 Mittelschüler das Gebäude mit Studenten der Technischen Universität Chemnitz-Zwickau.
Erhaltung als gymnasialen Standort
Im Jahr 1994 erfolgte der Umzug des Gymnasiums Fürstenstraße in das Gebäude der Humboldtschule, welche 1995 den Namen „Alexander-von-Humboldt-Gymnasium“ erhielt. Im November 1994 zog die TU Chemnitz mit dem dort befindlichen Institut aus dem Objekte aus. Damit befand sich in den Räumlichkeiten, außer des Gymnasiums nur noch eine Grundschule.
Ab dem Schuljahr 2003/04 zog die Grundschule aufgrund von Renovierungs- und Sanierungsarbeiten, welche bis Anfang 2008 anhalten sollen, aus dem Gebäude aus. Durch den Stadtratsbeschluss B-18/2004 vom 25. Februar 2004 wurde die Aufhebung des Gymnasiums zum Ende des Schuljahres 2004/2005 beschlossen. Damit wäre das "Aus" für den Standort der Humboldtschule eingeläutet worden. Doch es setzte damit ein Ringen, vor allem durch die Anwohner des Stadtgebietes Sonnenberg um den Erhalt der Humboldtschule ein. Über eintausend Personen unterschrieben die an die Stadtverwaltung Chemnitz 2005 dann weitergereichte Petition zum Erhalt des Schulstandortes der Humboldtschule.
Seit dem 18. Februar 2008 arbeitet das Johannes-Kepler-Gymnasium Chemnitz in dem Gebäude der Humboldtschule.
Absolventen
- Felix Menzel (* 1985), deutscher Publizist
Literatur
- Wolfgang Bausch, Humboldtschule-Historie, in Zeitung der Volkssolidarität Chemnitz Heft 2/2005
- Lars Förster, Chemnitz eine Hochburg sächsischer Reformpädagogik, Chemnitzer Geschichtskalender, Ausgabe 2017.
- Pehnke, Andreas: Chemnitz – Stadt konsequenter Schulreformen. Zur Erprobung von Reformpädagogik unter Regelschulbedingungen. In: Chemnitz – Aufbruch in die Moderne. Beiträge zur Stadtgeschichte 1918–1933 (Aus dem Stadtarchiv Chemnitz, Bd. 11), hg. vom Stadtarchiv Chemnitz, Leipzig 2010, S. 107–126.
- Pehnke, Andreas: „Ich gehöre in die Partei des Kindes!“ Der Chemnitzer Sozial- und Reformpädagoge Fritz Müller (1887–1968): In Diktaturen ausgegrenzt – in Demokratien vergessen und wiederentdeckt, Beucha 2000.
- Pehnke, Andreas: Reformpädagogik aus Schülersicht: Dokumente eines spektakulären Chemnitzer Schulversuchs der Weimarer Republik, Baltmannsweiler 2002.
- Pehnke, Andreas: Sächsische Reformpädagogik. Traditionen und Perspektiven, Leipzig 1998.
Weblinks
Quellen
- ↑ Hein Spitzer, Humboldt-Historie, VS-Aktuell Heft 2/2005, erschienen im Juni 2005
- ↑ Wolfgang Bausch, Humboldtschule-Historie, in Zeitung der Volkssolidarität Chemnitz Heft 2/2005
- ↑ Lars Förster, Chemnitz - Eine Hochburg sächsischer Reformpädagogik, Chemnitzer Geschichtskalender 2017, S. 4
- ↑ Die Chronik des Sonnenbergs (Jahreschronik zwischen 14. Jahrhundert und 2007) in: https://www.Die+Chronik+des+Sonnenbergs+Chemnitz&ie=UTF-8&oe=UTF-8
- ↑ Lars Förster, Chemnitz - Einst Hochburg sächsischer Reformpädagogik, in: Chemnitzer Geschichtskalender, Jahrgang 2017, S. 4
- ↑ Ab 1959 war das Pädagogische Institut zusätzlich an das Pädagogische Institut Zwickau angebunden, die aus der früheren Bergbau-Berufsschule Zwickau hervorgegangen war. Vgl. Helmut Biering: Geschichte der Pädagogischen Hochschule „Ernst Schneller“ Zwickau (Abriß). Grafische Werke Zwickau, Zwickau 1989, S. 40ff.
Koordinaten: 50° 50′ 7″ N, 12° 56′ 53″ O