Albert Mayer (Soldat)

Albert Mayer (auch Camille Mayer; * 24. April 1892 in Magdeburg; † 2. August 1914 bei Delle[1][2]) war ein Leutnant des Jäger-Regiments zu Pferde Nr. 5 aus Mülhausen und gilt als der erste deutsche Soldat, der im Ersten Weltkrieg fiel.

Leben

Gemäß der deutschen Version stammt Albert Mayer aus Magdeburg und war der älteste von drei Söhnen einer Mutter mit hugenottischen, also protestantisch-französischen Wurzeln und eines Bank-Direktors. Bald nach Alberts Geburt zog die Familie in die Nähe von Mülhausen (Mulhouse) im damaligen deutschen Reichsland Elsaß-Lothringen. Weniger aus Neigung denn aus Gründen der „deutschen Tradition“ und Familienehre schlug er 1912 eine Laufbahn als Berufssoldat bei der Kavallerie ein.[3]

Nach einer französischen Version kam Camille Mayer aus der Umgebung von Mülhausen.[4]

Mayer diente in einer Einheit, deren Aufgabe es hauptsächlich war, Aufklärungs- und Sicherungsaufgaben durchzuführen; 1905 war sie in die neue Kaserne im Mulhouser Quartier du Drouot eingezogen, Mayer nach seinem Grundwehrdienst am 20. März 1913 zu dieser Einheit gekommen. Nach einer Übernachtung seiner acht Reiter starken Patrouille südlich von Altkirch in Bisel musste er nach telefonischer Anweisung am 2. August 1914 eine Aufklärungsmission Richtung Joncherey führen, um auf dem Territoire de Belfort – also eindeutig französischem Staatsgebiet – nach Truppen-Ansammlungen auszuschauen; die Anführung der Gruppe war ihm per Los zugefallen.[5] Dort lag zur Sicherung ein Bataillon des 44e regiment d’infanterie.

Vor Joncherey mit damals 446 Einwohnern war im Haus einer Familie Docourt ein von dem Caporal Jules-André Peugeot befehligter Wachposten mit fünf Männern eingerichtet – nachdem dort die deutsche Patrouille dem „Halt!“-Befehl der Franzosen keine Folge leistete, entwickelte sich ein kurzes Feuergefecht, in dessen Verlauf sowohl zunächst Peugeot von Albert Mayer, dann auch Mayer selbst tödlich getroffen wurde (); drei Mitgliedern der deutschen Patrouille gelang die Flucht, drei weitere wurden gefangen genommen, davon einer verletzt, auch zwei Pferde wurden bei der Schießerei getötet.[5] Peugeot und Mayer gelten seither als die ersten Toten des Ersten Weltkriegs, nachdem dieser dann am darauffolgenden 3. August um 18 Uhr von Deutschland offiziell gegenüber Frankreich erklärt wurde.

Gemäß dem Historiker Marc Glotz erfolgten kurz vor dieser Kriegserklärung bereits fast dreißig weitere Übertritte der französischen Grenze zwischen Luxemburg und der Schweiz durch deutsche Patrouillen.[5]

Wenige Stunden vor der deutschen Kriegserklärung an Frankreich wurde Mayer noch mit allen militärischen Ehren zunächst auf dem Friedhof von Joncherey bestattet; bald nach Kriegsende dann auf den deutschen Soldatenfriedhof in der französischen Gemeinde Illfurth überführt, wo er begraben liegt.[3]

1937 dann ließen Kaufleute aus Enger drei Handvoll Erde von Mayers Grab zu propagandistischer Heldenverehrung, als eine Art Reliquie in das dort neu erbaute Widukindmuseum nach Enger bringen, um für Opferbereitschaft im Land zu werben.[6] Diese Gedenkstätte auch der „Blut- und Boden-Reliquie“ wurde am 8. Juni 1939 von Heinrich Himmler eröffnet,[5] sie war dort bis in die 1970er-Jahre zu sehen, bevor sie für die Öffentlichkeit unzugänglich eingelagert wurde.[6]

Im Rahmen einer dreiteiligen Ausstellung verschiedener Kunstvermittlungsprojekte zum Thema „Kunst, Krieg, Frieden – Remember 1914–18“ der Universitäten Paderborn und Osnabrück im Jahr 2014 reflektierte der dritte Teil der Ausstellung, „Mayers Erde“, den Umgang mit „heiligen Erden“ gefallener Soldaten, die den Grab- oder Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges entnommen wurden und als Reliquien eines Totenkultes in Museen oder Kirchen bis heute überdauert haben. Dazu entwickelte der Konzeptkünstler Ruppe Koselleck ein künstlerisches Vermittlungsprojekt unter dem Titel „Albert Mayers Reise von Illfurth nach Enger – Eine Geschichte aus Zeit und Erde“.[7] Am 2. August 2014 wurde die Erde ohne Zeremonie wieder dem Grab Mayers zugeführt, wobei sich Koselleck lediglich von einem Kollegen für eine Dokumentation filmen ließ.[6][8][9]

Aus einer früheren Begegnung von Koselleck mit dem Bürgermeister von Joncherey auf dem Friedhof Illfurth entstand bei diesem die Idee eines neuen Erdrituals, das drei Stunden nach der stillen Rückführung der Erde Mayers nach Illfurth vor dem Monument für Jules-André Peugeot bei Joncherey abgehalten wurde: Im Rahmen des alljährlichen militärischen Gedenkens an Peugeot, verbunden mit einem Reenactment des tödlichen Zusammentreffens, wurden im Beisein von Angehörigen der beiden getöteten Soldaten Erden von ihren Gräbern vor dem Monument als Zeichen der Versöhnung in einer marmornen Urne vereinigt – eine Gedenktafel erinnert auch an diese Zeremonie.

Foto der Gedenktafel bei Joncherey
(blogspot.com)
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Koselleck kommentierte das Erlebte einen Monat später: „Mein Versuch der Wiederherstellung der Grabruhe von Albert Mayer hatte ein neues Erdritual ausgelöst und nur unter neuem Vorzeichen wurden nun wieder ‚Heilige Erden‘ entnommen und so kam es erstmalig zu einer offiziellen Vereinigung von französischen und deutschen Graberden. […] Sehnsucht nach einem zivilem Gedenken stellt sich ein......ein diffuses Gefühl des Scheiterns ebenso.“[10]

Abweichende Opferzählung

Wolfgang Greber schrieb 2014 unter Verweis auf vorgängige Veröffentlichungen auf Indizien, die darauf hindeuteten, dass ein 21-jähriger Kavallerist namens Paul Grun (oder Grün?) am 2. August 1914 eine Stunde vor Albert Mayer, genau: zwischen 8.45 Uhr und 10.00 Uhr, bei oder im Dorf Staro-Krzepice (), rund 18 km nordöstlich von Rosenberg an der Ostfront gegen Russland gefallen sei. Albert Mayer sei dagegen (erst) exakt um 9.59 Uhr gefallen. Greber untertitelte daher ein reproduziertes angebliches Jünglingsbild mit „Paul Grun, der erste deutsche Tote des Krieges“.[11]

Einzelnachweise

  1. Genauer: Zwischen Joncherey und Faverois, etwa 700 m westlich von diesem. Siehe Wolfgang Greber: Die ersten Toten des Ersten Weltkriegs. In: Die Presse. 3. November 2014.
  2. 10 Dinge die sie nicht wissen über Denkmäler (Memento vom 28. August 2009 im Internet Archive). In: Süddeutsche Zeitung. 21. August 2009, abgerufen am 7. Juli 2014 (Text; Foto wird nicht mehr angezeigt).
  3. a b Wolfgang Greber: Die ersten Toten des Ersten Weltkriegs. In: Die Presse. 3. November 2014, abgerufen am 28. Juli 2022.
  4. Déclaration de M. Nicolas Sarkozy, Président de la République, en hommage aux combattants de la Première Guerre mondiale, à Paris le 17 mars 2008. In: discours.vie-publique.fr, 7. April 2008, abgerufen am 28. Juli 2022.
  5. a b c d Badische Zeitung: Gefallen – einen Tag vor Beginn des 1. Weltkriegs. 1. August 2014, abgerufen am 19. November 2025.
  6. a b c Gerhard H. Kock: Der erste Tote soll Ruhe haben. In: Westfälische Nachrichten. 10. April 2014, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 13. April 2014; abgerufen am 28. Juli 2022 (Künstler Ruppe Kosellecks Projekt zum Ersten Weltkrieg).
  7. „Remember 1914–18“: Letter-ART-Projekt zu Kunst, Krieg, Frieden – Ausstellung im UNESCO-Welterbe Zollverein. In: Mitteilung Fach Kunst, Universität Paderborn, 26. Mai 2014, abgerufen am 28. Juli 2022.
  8. Ruppe Koselleck: Stille Geste auf YouTube, 8. August 2014, abgerufen am 29. Juli 2022 (1:39 min).
  9. Katharina Fuhrhop: Kunstvermittlung am Berg – Remember 1914–1918 – Projekte zu Kunst, Krieg, Frieden. In: rammelsberg-blog.de, Weltkulturerbe Erzbergwerk Rammelsberg Goslar GmbH, 4. April 2014, abgerufen am 28. Juli 2022.
  10. Mayers Erde. In: mayerserde.blogspot.com, abgerufen am 2. August 2022 („Dieser Blog erzählt die Geschichte von drei Handvoll Erde und […] ihrer Reise durch ein Jahrhundert.“ Ausführliche Dokumentation des Projekts von Ruppe Koselleck.).
  11. Wolfgang Greber: Die ersten Toten des Ersten Weltkriegs. In: Die Presse. 3. November 2014, abgerufen am 11. Oktober 2023.