Albert Burgdorf

Albert Burgdorf sen. (* 12. Dezember 1855 in Uslar; † 18. April 1933 in Ketschendorf (Fürstenwalde)) war ein deutscher evangelisch-lutherischer Pfarrer und Gründer der Samariteranstalten in Fürstenwalde/Spree.

Leben

Albert Burgdorf wollte schon als Kind nach dem frühen Tod seiner Mutter Pastor werden. Da sein Vater nicht in der Lage war, ein Theologiestudium zu finanzieren, schlug er zunächst eine Laufbahn bei der Post ein. Im Jahr 1877 heiratete er die zwei Jahre jüngere Wilhelmine Blümner. Das Paar hatte insgesamt neun Kinder.

Im Mai 1882 gab Burgdorf seine bisherige Stellung auf, um seinen ursprünglichen Berufswunsch zu verwirklichen. Er bereitete sich im Stephansstift in Hannover durch Privatunterricht auf das Abitur vor, während Wilhelmine Burgdorf mit den beiden inzwischen geborenen Söhnen zu ihren Eltern in die Nähe Göttingens zog. Burgdorf folgte seiner Familie, nachdem er das Abitur abgelegt hatte, und begann ein Theologiestudium in Göttingen.

Wegen finanzieller Schwierigkeiten übersiedelte er jedoch bereits 1883 mit seiner Familie nach Berlin, wo ihm der einflussreiche Hofprediger Adolf Stoecker eine Anstellung bei der Berliner Stadtmission verschafft hatte. Das verbesserte Burgdorfs finanzielle Situation und erlaubte ihm, sein Studium fortzusetzen. Albert und Wilhelmine Burgdorf bauten eine Zufluchtsstätte für „gefährdete Mädchen“ der Stadtmission in einer Privatwohnung auf.

Burgdorfs Aufenthalt in Berlin war nur von kurzer Dauer. Bereits 1884 verließ er, wiederum begleitet von seiner Familie, Berlin, um sein Studium in Breslau zu beenden. Im Herbst desselben Jahres bestand er das erste theologische Examen, am 1. November 1885 wurde er als Geistlicher ordiniert und anschließend als Hilfsprediger in Kassel eingesetzt. Während der Kasseler Zeit bestand er auch das zweite Examen und erfüllte nun die Voraussetzungen, um als verantwortlicher Seelsorger einer Gemeinde zu arbeiten.

Der Ruf in ein solches Amt erreichte ihn aus der preußischen Provinz Brandenburg und führte ihn nach Fürstenwalde/Spree in die dortige Parochie (Pfarrbezirk) der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Preußen (Altlutheraner). Burgdorf war als Angehöriger der Hannoverschen Landeskirche dezidiert lutherischer Konfession. Als Pfarrer der altlutherischen Parochie Fürstenwalde/Spree betreute er bis zu seiner Pensionierung 1920 die Mitglieder von fünf Gemeinden, die verstreut über drei Landkreise und einen Stadtkreis, in 29 Ortschaften lebten.[1] Danach widmete er sich bis zu seinem Tod im Jahr 1933 vorrangig der Leitung der Samariteranstalten Fürstenwalde/Spree.

Seine erste Ehefrau, Wilhelmine Burgdorf, starb am 10. März 1931. Bereits am 31. Mai desselben Jahres heiratete Burgdorf, im Alter von 76 Jahren, die bisherige Oberin des Diakonissenmutterhauses der Samariteranstalten, Selma Jasulke.

Wirken

Albert Burgdorf war Gründer und erster Direktor der Samariteranstalten, einer Einrichtung der Inneren Mission. Bereits ab 1888 begann er gemeinsam mit seiner Frau einige diakonische Projekte, u. a. eine Kleinkinderschule, die zunächst alle im Pfarrhaus, direkt neben dem Kirchengebäude der alt-lutherischen Gemeinde Fürstenwaldes, untergebracht waren. Auf Grund des zunehmenden Platzmangels zogen diese Projekte auf ein Grundstück am Alten Schützenplatz 14 (heute: Goetheplatz) in Fürstenwalde um. Außerdem kamen einige neu gegründete Einrichtungen in den zwei vorhandenen Gebäuden unter. Der Tag der Eröffnung des neuen Domizils, der 1. Mai 1892, git als Gründungstag der Samariteranstalten, die zunächst als „Lutherische Anstalten“ bezeichnet wurden. Sie umfassten im Gründungsjahr neben der Kleinkinderschule ein Seminar für Kleinkinderschullehrerinnen, ein Krankenhaus, dessen Leitung ein ortsansässiger Arzt nebenamtlich übernahm, ein Damenheim für wohlhabende Pensionärinnen sowie ein Diakonissenmutterhaus. Etwas später im Jahr kam noch eine so genannte „Blödenstation“ für Kinder mit geistigen Beeinträchtigungen hinzu.

Im Verlauf der nächsten Jahre fokussierte sich die diakonische Arbeit der Lutherischen Anstalten auf zwei Bereiche: die Altenpflege und die Pflege von Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen. Dazu erwarb Burgdorf in Fürstenwalde, aber auch in benachbarten Gemeinden verschiedene Grundstücke, auf denen Alten- und Siechenheime sowie Behinderteneinrichtungen in existierenden oder neu errichteten Gebäuden untergebracht wurden. Zum Zentrum der Lutherischen Anstalten entwickelte sich allmählich der als „Anstalt Bethanien“ bezeichnete Komplex südlich der Spree in Ketschendorf, wo sich die Arbeit mit geistig behinderten Menschen konzentrierte. Dort gründete Burgdorf auch die erste Schule für taubstummblinde Kinder in Deutschland.[2]

Das diakonische Wirken Albert Burgdorfs führte zu zahlreichen Kontakten mit anderen Einrichtungen der Inneren Mission. So war er 1908 Gastgeber der gesamtdeutschen „Konferenz christlicher Idiotenanstalten“.[3] Er war zutiefst von der Notwendigkeit der konfessions-übergreifenden Zusammenarbeit in der Diakonie überzeugt und deshalb bestrebt, Mitglied der einschlägigen diakonischen Fachverbände zu werden. Dabei musste er sich öfter mit Vorbehalten der Kirchenleitung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Preußen auseinandersetzen, die sich aus dem „weitgehenden Verlust gesamtkirchlichen Bewusstseins“ der Altlutheraner ergaben.[4]

Burgdorf führte die, in den folgenden Jahren schnell wachsenden, Lutherischen Anstalten als Privatunternehmen. Demzufolge trug er auch die damit verbundenen finanziellen Risiken persönlich. So stand 1911 Einnahmen aus Pensions-, Kranken-, Erziehungs- und Pflegegeldern in Höhe von jährlich 107.000 Mark eine „Belastung mit Hypotheken u. Schulden“ von 211.700 Mark gegenüber. Das Vermögen der Anstalten – in der Hauptsache wohl der Wert ihrer Grundstücke und Immobilien – belief sich zu diesem Zeitpunkt auf mehr als 183.000 Mark.[5] Damit trug sein Lebenswerk eine enorme Schuldenlast, die auch nach seinem Tod noch „durch viele Jahre hindurchgeschleppt wurde“.[6] Sein Versuch, dieses Risiko durch eine institutionelle Anbindung an die Evangelisch-Lutherische Kirche in Preußen zu reduzieren, scheiterte jedoch. Deshalb bemühte er sich ab 1906 um die Gründung einer gemeinnützigen Stiftung als Trägerin der Anstalten. Dies gelang ihm 1911 mit der staatlichen Anerkennung der Stiftung, die nunmehr offiziell den Namen „Samariteranstalten Fürstenwalde/Spree“ erhielt.[7]

Burgdorfs Motivation für seine Jahrzehnte langen Bemühungen um die Entwicklung und den Ausbau der Samariteranstalten, kommt im 1911 formulierten und seither geltenden Stiftungszweck zum Ausdruck: „Zweck der Stiftung ist die Übung der Barmherzigkeit an Unmündigen und Elenden aller Art ohne Unterschied der Konfession. Ferner ist ihr Zweck die Ausbildung von Arbeitern und Arbeiterinnen für den Barmherzigkeitsdienst und die Verbreitung christlicher Literatur.“[8]

Der Erste Weltkrieg und die nachfolgende Wirtschaftskrise verhinderten eine von Burgdorf geplante Zentralisierung der, verstreut in Fürstenwalde und Umgebung liegenden, Einrichtungen der Samariteranstalten auf einem gemeinsamen Grundstück am südlichen Spreeufer.[9] Die dramatische Geldentwertung während der Hyperinflation des Jahres 1923 brachte die Arbeit der Anstalten fast zum Erliegen. Burgdorf soll bereits alle Pflegeverträge gekündigt und die Auflösung der Stiftung kurz bevor gestanden haben, als ihm die Stadtverwaltung von Berlin am Ende des Jahres neue Pflegeverträge anbot.[10]

Nach seiner Pensionierung als Pfarrer im Jahr 1920 konnte Burgdorf mit der Genehmigung der Kirchenleitung eine eigene Anstaltsparochie der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Preußen errichten. Voraussetzung dafür war, dass der Kirche keine Kosten entstanden. Burgdorf fungierte ehrenamtlich als Pfarrer der Parochie Samariteranstalten. Hilfsgeistliche, die ihn unterstützten, wurden von der Stiftung bezahlt. Die Kirchenbeiträge der in den Samariteranstalten lebenden und arbeitenden evangelisch-lutherischen Christen blieben der Fürstenwalder Ortsgemeinde erhalten. Ein Höhepunkt in der Entwicklung der Anstaltsparochie und für Burgdorf persönlich war 1925 die Fertigstellung eines eigenen Kirchengebäudes in Ketschendorf, direkt neben der Anstalt Bethanien. Der Bau der Samariterkirche wurde durch eine Auslandsanleihe und Spenden US-amerikanischer lutherischer Gemeinden ermöglicht, in denen Burgdorfs ausgewanderte Söhne Johannes und Carl (Paulus) als Prediger wirkten.[11]

In der kurzen Zeit der wirtschaftlichen Stabilisierung ab 1924 erweiterte Albert Burgdorf den Grundstücks- und Gebäudebestand der Samariteranstalten, vor allem in unmittelbarer Nähe des Hauptkomplexes Bethanien in Ketschendorf. So ließ er 1926 mit dem „Lutherhaus“ ein neues Altersheim errichten und erwarb im darauf folgenden Jahr eine bestehende Villa, in die das Verwaltungsbüro der Anstalten und die Wohnung des Anstaltsleiters einzogen.

Am 1. August 1930 eröffnete Burgdorf zudem in einem leer stehenden Gebäude der Samariteranstalten in Fürstenwalde eine Einrichtung, die mit den bisherigen Arbeitsschwerpunkten der Stiftung in der sozialen Fürsorge nichts zu tun hatte. Es handelte sich um ein Lyzeum, eine höhere Schule für Mädchen. Die Leitung der Schule übernahm Burgdorfs Sohn Martin, der ebenfalls evangelisch-lutherischer Geistlicher war.[12]

Die Erweiterung der Samariteranstalten in den 1920er Jahren ging zu Lasten der älteren Teilanstalten für deren Instandhaltung die vorhandenen Mittel nicht ausreichten und deren Bauzustand sich daher zunehmend verschlechterte.[13] Nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929 geriet außerdem der bisherige Finanzierungskreislauf der Samariteranstalten ins Stocken. Er konnte nur funktionieren, solange ausreichend hohe und regelmäßige Einnahmen aus der Pflegetätigkeit gewonnen wurden, die neben den Grundstückswerten als Sicherheit für die benötigten Kredite unerlässlich waren. Die rigorosen Sparmaßnahmen der öffentlichen Hand zu Beginn der 1930er Jahre schlugen jedoch auch auf die Samariteranstalten durch. Die Plegegelder der öffentlichen Fürsorgeverwaltungen wurden drastisch gekürzt, deren „Pfleglinge“ zum Teil in staatliche Einrichtungen verlegt. Burgdorf, der allgemein als „Geschäftsmann“ bekannt war, musste Belegungsverträge zu Pflegesätzen abschließen, die unter dem Selbstkostenpreis lagen und es gelang ihm kaum noch, frische Darlehen zu bekommen, mit denen er die aufgelaufenen Schulden bezahlen konnte.[14]
Da er sich allein nicht mehr in der Lage sah, die zunehmenden Probleme zu lösen, rief er seinen ältesten Sohn Albert jun., der als Pfarrer einer anderen evangelisch-lutherischen Gemeinde tätig war, nach Fürstenwalde/Ketschendorf und bestimmte ihn zu seinem Stellvertreter. Das führte zu Streit mit Martin Burgdorf, der die Funktion bisher innegehabt hatte. Dieser verließ 1932 die Samariteranstalten.[15]

Am Ende seines Lebens gerieten die Samariteranstalten, die in den vier Jahrzehnten unter der Leitung ihres Gründers Albert Burgdorf zu einer der größten Einrichtungen der Inneren Mission in der Provinz Brandenburg gewachsen waren, in eine existenzielle Krise. Er selbst konnte nichts mehr zu ihrer Bewältigung beitragen, denn am 18. April 1933 verstarb er im Alter von 78 Jahren in Ketschendorf.

Heute leben, lernen und arbeiten rund 2.000 Menschen in den Samariteranstalten, die als diakonischer Komplexträger einer der größten regionalen Arbeitgeber sind.

Sonstiges

Albert und Wilhelmine Burgdorfs jüngster Sohn war der spätere Wehrmachtsgeneral Wilhelm Burgdorf.

Literatur

  • Franze, Jens C. und Paul-Gerhardt Voget (Hrsg.): Die Samariteranstalten Fürstenwalde. Eine diakonische Stiftung zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik, be.bra wissenschaft, Berlin 2012, ISBN 978-3-95410-005-7.
  • Kiefer-Hofmann, Angela: 120 Jahre Samariteranstalten 1892–2012. In: Unterwegs dokumentiert 2/2012 (Die Zeitschrift der Samariteranstalten). Digitalisat

Einzelnachweise

  1. Wolfgang Rose: Sozialer Aufbruch und Moderne - die Samariteranstalten 1888 bis 1930/33. In: Franze / Voget: Die Samariteranstalten Fürstenwalde, S. 29–72, hier: S. 34.
  2. Albert Burgdorf: Samariter-Anstalten Fürstenwalde a. Spree. Filialanstalt Bethanien in Ketschendorf bei Fürstenwalde a. Spree. Anstalt für Schwachsinnige und Abnorme, d. h. schwachsinnige Blinde, schwachsinnige Taubstumme und Taubstumm-Blinde. In: Immanuel Matthies (Hrsg.): Deutsche Blindenanstalten in Wort und Bild. Marhold, Halle (Saale) 1913, S. 65–67.
  3. Christophorus. Evang.-lutherisches Monatsblatt zur Förderung christlicher Liebesarbeit. 17. Jahrgang, Nr. 7, Juli 1908, S. 5ff.
  4. Rose: Sozialer Aufbruch und Moderne, S. 49.
  5. Stiftungsurkunde der Samariteranstalten Fürstenwalde/Spree, 11.2.1911 (im Historischen Archiv der Samariteranstalten).
  6. Wolfgang Rose: Die Samariteranstalten im Nationalsozialismus (1933-1945). In: Franze / Voget: Die Samariteranstalten Fürstenwalde, S. 73–104, hier: S. 85.
  7. Samariteranstalten Fürstenwalde/Spree: Festschrift zum 25. Jubiläum 1.5.1892 – 1.5.1917, S. 27 (im Historischen Archiv der Samariteranstalten).
  8. Stiftungsurkunde der Samariteranstalten Fürstenwalde/Spree, 11.2.1911 (im Historischen Archiv der Samariteranstalten).
  9. Schaubild der projektierten Samariteranstalten und Lageplan, um 1913 (im Historischen Archiv der Samariteranstalten).
  10. Rose: Sozialer Aufbruch und Moderne, S. 61.
  11. Rose: Sozialer Aufbruch und Moderne, S. 62f.
  12. Rose: Sozialer Aufbruch und Moderne, S. 64.
  13. Rose: Sozialer Aufbruch und Moderne, S. 64f.
  14. Rose: Die Samariteranstalten im Nationalsozialismus, S. 76f.
  15. Rose: Sozialer Aufbruch und Moderne, S. 66.