Air-Astana-Flug 1388

Air-Astana-Flug 1388

Die Unfallmaschine im Mai 2018

Unfall-Zusammenfassung
Unfallart Kontrollverlust
Ort Nähe Lissabon, Portugal
Datum 11. November 2018
Todesopfer 0
Überlebende 6
Verletzte 1
Luftfahrzeug
Luftfahrzeugtyp Embraer ERJ-190LR
Betreiber Air Astana
Kennzeichen P4-KCJ
Abflughafen Militärflugplatz Alverca, Alverca, Portugal
Zwischen­landung Nationaler Flughafen Minsk, Minsk, Belarus
Zielflughafen Flughafen Almaty, Almaty, Kasachstan
Passagiere 3
Besatzung 3
Listen von Luftfahrt-Zwischenfällen

Air-Astana-Flug 1388 war ein Positionierungsflug von Alverca do Ribatejo nach Almaty, mit Tankstopp in Minsk. Der Flug startete am 11. November 2018, wobei kurz nach dem Start Steuerungsprobleme auftraten. Der Flug landete nach etwa zwei Stunden auf dem Flughafen Beja im Süden von Portugal.[1][2][3]

Hintergrund

Flugzeug

Das betroffene Flugzeug (Luftfahrzeugkennzeichen P4-KCJ und Seriennummer 19000653) war eine Embraer ERJ-190LR, welche von Air Astana betrieben wurde und in Aruba registriert war. Die Maschine war mit zwei General Electric CF34-10E5 ausgestattet und wurde am 22. Dezember 2013 an die Fluggesellschaft ausgeliefert. Insgesamt kam der Jet und seine Triebwerke auf über 13.152 Flugstunden.[3][1]

Besatzung

Die Besatzung bestand aus Flugkapitän (PIC) Vyacheslav Aushev (40) sowie dem Kopiloten (PM) Bauyrzhan Karasholakov (32) und dem Ersatzkopiloten Sergey Sokolov (26) auf dem Jumpseat im Cockpit.[4][3] Drei Wartungstechniker von Air Astana waren als Passagiere an Bord.[3][2]

Wartungsaufenthalt

Das Flugzeug traf am 2. Oktober 2018 auf dem Militärflugplatz Alverca ein, damit größere Wartungsarbeiten durch OGMA (Indústria Aeronáutica de Portugal S.A.) erfolgen konnten. Dabei wurden ein C2-Check sowie mehrere Service Bulletins durchgeführt, bei denen der Aus- und Einbau modularer Avionik-Einheiten erforderlich wurde. Ebenso wurden einige vom Betreiber geforderte Zusatzarbeiten ausgeführt.

Am 9. Oktober begann der Austausch der Steuerseile des Querruders. Dabei wurden zuerst die Umlenkungen ausgetauscht und gemäß Service-Bulletin die Befestigungen der Seile erneuert, um die Reibung der Steuerkabel in diesem Bereich zu verringern. Im Anschluss erfolgte der Austausch der Edelstahlseile durch hochfeste Stahlseile, wobei die Seile auch geschmiert wurden.[1][3]

Am 26. Oktober warnte das EICAS das Wartungspersonal während einer Funktionsprüfung und wies darauf hin, dass das Flugzeug aufgrund von Problemen mit dem Steuerungssystem nicht flugtauglich war (FLT CTR NO DISPATCH). Die Meldung erfolgte erneut am 31. Oktober. Die Fehlersuche erfolgte bis zum 11. November.[1][3]

Die Wartungsgesellschaft geriet unter Druck, das Flugzeug auszuliefern und wieder in Betrieb zu nehmen, da der ursprüngliche Auslieferungstermin vom 24. Oktober um eine Woche verschoben worden war. Der Betreiber versuchte zu helfen, und nach einer bis zum 11. November andauernden Fehlerbehebung wurde das Flugzeug für die Wiederinbetriebnahme freigegeben. Das Flugzeug wurde vorbereitet und für die Überführung durch den Betreiber bereitgestellt. Nachdem einige weitere Unstimmigkeiten behoben worden waren, war das Flugzeug startbereit.

Flug

Das Flugzeug hob um 13:31 Ortszeit ab, wobei die Besatzung die Fehlfunktion des linken Querruders während der Startvorbereitungen nicht erkannte. Beim Start betrug die Sichtweite aufgrund von Regen etwa 2.000 m. Kurz nach dem Start bemerkten die Piloten Steuerungsprobleme; sie hatten Schwierigkeiten, das Flugzeug zu kontrollieren, sodass es zu mehreren ungewollten, extremen Flugmanövern kam. Die Piloten versuchten, den Autopiloten zu aktivieren, jedoch ließ dieser sich nicht einschalten. Um 13:37 Uhr fragte die Besatzung einen Steigflug auf FL100 bei der Flugkontrolle (ca. 10.000 ft (3.048 m)) und eine sofortige Rückkehr nach Alverca an, wobei sie Probleme mit der Flugsteuerung meldete. Die Besatzung verlor mehrfach die Kontrolle über das Flugzeug, sodass es zu hohen Roll- und Nickwinkeln kam, wobei die Flugzeugzelle stark belastet wurde. Es traten Sinkraten von mehr als 16.000 ft/min (82 m/s) sowie Belastungen von ca. +5 bis −0,5 g auf. Außerdem bat die Besatzung um einen Kurs in Richtung Meer, damit sie notwassern konnte, falls dies unvermeidlich werden sollte, schaffte es jedoch aufgrund der Steuerungsprobleme nicht, den von der Flugsicherung vorgegebenen Kurs zu halten.

Die Piloten diskutierten die ihnen zur Verfügung stehenden Optionen, wobei der Erste Offizier auf dem Jumpseat sich mit den Technikern an Bord abstimmte, um mögliche Ursachen zu ermitteln und einen Aktionsplan aufzustellen. Sie entschieden sich, die Flugsteuerung vom normal mode in den direct mode zu versetzen, womit die Flugsteuerung nicht mehr auf die Flugflächen wirkt und die Eingaben der Piloten am Steuerknüppel direkt umgesetzt werden. Dadurch wurde die Steuerbarkeit der Quer- und Gierachse erheblich verbessert, jedoch war die Steuerung der Rollachse weiterhin eingeschränkt, und das Flugzeug rollte weiterhin abnormal, da die Störklappen bei zu starker Eingabe aktiviert wurden und das Flugzeug destabilisierten. Die Besatzung flog das Flugzeug nach Osten, in der Hoffnung bessere Wetterbedingungen für eine Notlandung vorzufinden und den von der Flugsicherung festgelegten Flugplan auf einem geeigneten Flughafen zu befolgen.

Der Vorfall wurde als militärischer Notfall behandelt, sodass zwei F-16 der Portugiesischen Luftstreitkräfte vom Militärflugplatz Monte Real die Embraer nach Beja begleiteten. Der Flug hatte eine Landeerlaubnis für die Bahn 19R des Flughafens Beja, jedoch verfehlten die Piloten aufgrund der Steuerungsprobleme die Landebahn. Vor dem zweiten Anflug tauschten der Kopilot und sein Ersatzmann die Plätze, jedoch misslang auch dieser. Auch beim dritten Anflug driftete das Flugzeug von Bahn 19R ab, konnte jedoch um 15:27 sicher auf der daneben liegenden Bahn 19L landen.[5]

Alle Personen an Bord waren mitgenommen, jedoch war ein verstauchter Knöchel eines Passagiers die einzige Verletzung. Der Rumpf war verbogen und die Vorderkanten der Tragflächen waren verformt. Einige Teile des Flugzeugs waren Belastungen ausgesetzt, die über ihre Auslegung hinausgingen. Das Flugzeug musste abgeschrieben werden und wurde anschließend verschrottet.[3][6][7][8]

Ermittlung

Die Ermittlungen ergaben, dass die Seilzüge des Querruders bei der Wartung vertauscht wurden, womit sich die Ansteuerung invertierte. Da die zum Rollen notwendigen Steuerflächen auch die nicht betroffenen Störklappen umfassen, hätte eine Invertierung der Eingaben die Situation nicht verbessert.[1][3]

Die Untersuchung machte den Flugzeughersteller für unzureichende Wartungsanweisungen, das Wartungsunternehmen für die mangelnde Aufsicht und Qualifikation des Wartungspersonals (dem die Fähigkeiten zur Durchführung der Wartungsarbeiten fehlten) sowie den Flugzeugbetreiber für die fehlenden Kontrollen vor dem Flug verantwortlich.[9][10]

Rezeption

Der Besatzung wurde 2022 in London für ihre fliegerischen Leistungen der Hugh Gordon-Burge Award der Honourable Company of Air Pilots verliehen.[11]

Der Flugunfall wurde in Staffel 23, Folge 5 der Serie Mayday – Alarm im Cockpit thematisiert.[12]

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. a b c d e Accident Embraer ERJ-190LR (ERJ-190-100 LR) P4-KCJ, Sunday 11 November 2018. In: aviation-safety.net. Abgerufen am 13. Oktober 2025.
  2. a b Alex Davies: How to Land a 'Completely Uncontrollable' Passenger Jet. In: Wired. 12. November 2018, abgerufen am 6. September 2021 (englisch).
  3. a b c d e f g h ACCIDENT SAFETY INVESTIGATION FINAL REPORT. (PDF) In: reports.aviation-safety.net. Abgerufen am 15. Oktober 2025 (englisch).
  4. Air Astana – An Effective 'Just Culture'. In: bluetoad.com. Abgerufen am 24. Januar 2022 (englisch).
  5. New footage shows Air Astana Embraer almost skidded off runway during emergency landing at Beja air base. In: AIRLIVE. 13. November 2018, abgerufen am 31. Januar 2023 (amerikanisches Englisch).
  6. Irrflug in Portugal trieb Embraer E190 übers Limit : Jet von Air Astana wird zerlegt. In: aerotelegraph.com. 26. Februar 2021, abgerufen am 14. Oktober 2025.
  7. Air Astana P4-KCJ (Embraer 190/195 - MSN 653). In: Airfleets Aviation. Abgerufen am 16. Oktober 2025.
  8. Pedro Guerreiro: "Pedimos autorização para aterrar na água, na água! O avião está incontrolável" — ouça o áudio da emergência aérea. In: PÚBLICO. 11. November 2018, abgerufen am 14. Oktober 2025 (portugiesisch).
  9. Aviation incident in Portugal: Kazakh Embraer 190 aircraft crew got aircraft that was fatally flawed back to earth. In: Казинформ. 29. Juni 2020, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 6. März 2023; abgerufen am 6. März 2023 (englisch).
  10. Natasha Donn: Prestigious aircraft maintenance centre "to blame" for terror-flight over Lisbon. 2. Juni 2019, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 6. März 2023; abgerufen am 6. März 2023 (englisch).
  11. Air Astana Pilots Receive Hugh Gordon-Burge Award. In: Astana Times. 31. Oktober 2022, abgerufen am 16. Oktober 2025.
  12. Mayday - Air Crash Investigation (Season23). Abgerufen am 15. März 2024 (englisch).