Agnes von Dincklage

Agnes von Dincklage (* 29. Mai 1882 in Lingen; † 17. August 1962 im Stift Börstel) war eine deutsche Stiftsdame und Vorsteherin der Frauenschule Obernkirchen.

Leben

Agnes von Dincklage wurde am 29. Mai 1882 in Lingen an der Ems geboren. Ihr Vater war der Amtsgerichtsrat Ferdinand von Dincklage (1839 – 1906), ihre Mutter Amalie (1847 – 1917), geborene Freiin von der Borch. Sie hatte elf Geschwister, von denen neun das Erwachsenenalter erreichten. Dies waren sechs Mädchen und drei Jungen. Agnes von Dincklage war in der Reihe das siebte Kind. Mit in der Familie lebte die Zwillingsschwester der Mutter, Therese von der Borch, die bei der Betreuung der Kinder half. Aufgewachsen ist Agnes von Dincklage in Kassel, wohin ihr Vater als Landgerichtsrat berufen worden war und sie besuchte zehn Jahre eine höhere Mädchenschule. Sie beendete ihre Schulzeit in Leipzig, wohin ihr Vater zwischenzeitlich als Reichsgerichtsrat arbeitete. Nachdem sie ihre Schulzeit beendet hatte, ging sie, wie es üblich war, in andere große ländliche Haushalte ihrer Verwandtschaft, um dort die Grundlagen einer Gutsführung zu erlernen. So war sie für eine Heirat als Gutsfrau vorbereitet. Sie verlobte sich mit einem Gutsherren aus Pommern, löste die Verlobung jedoch, als sich herausstellte, dass dieser bereits ein weiteres Eheversprechen gegeben hatte.[1]

Stift Börstel

Gleichzeitig war für sie auch die Aufnahme in ein adeliges Stift geplant worden. Während ihrer Kindheit hatte sich ihr Vater um eine Stiftstelle im Stift Börstel bemüht. Dazu liegt eine Exspektanzzusage des Stifts an den Vater vor. Als Agnes von Dincklage 17 Jahre alt war, erhielt ihr Vater 1899 die Zusage, dass sie vom Kapitel als Exspektantin gewählt worden sei. Bereits für ihre Schwester Therese von Dincklage hatte ihr Vater sich um einen Platz in einem Damenstift bemüht, welchen diese 1895 antrat und Therese von Dincklage wurde sieben Jahre später zur Äbtissin des Stiftes Börstel gewählt. Dieses Amt hatte sie bis zu ihrem Tod 1947 inne. Die Aufnahme in das Stift erfolgte 1908. Zu dem Zeitpunkt war ihre Schwester Therese bereits die Äbtissin. Da ihr Vater inzwischen verstorben war, zahlte ihre Mutter das Statutengeld in Höhe von 1436,50 Mark und Agnes von Dincklage trat ihr „weißes Jahr“ im Stift als „Kostfräulein“ bei ihrer Schwester Therese an. Ab 1909 wurde sie zur außerhalb des Stifts wohnenden Stiftsdame mit reduzierter Präbende. Sie erhielt 294,64 Mark und begann eine Ausbildung in der Wirtschaftlichen Frauenschule Obernkirchen. Dort legte 1911 die Prüfung zur Lehrerin der landwirtschaftlichen Haushaltungskunde ab. Da sie jedoch das Probejahr nicht absolvierte, erhielt sie die Lehrbefähigung nicht, sondern kehrte zurück in das Stift Börstel. Im Stift arbeitete sie vier Jahre im landwirtschaftlichen Betrieb und im Garten. Sie trat das Probejahr 1915 an und arbeitete danach als Lehrerin.[1]

Vorsteherin der Frauenschule Obernkirchen

Ihre Probezeit hatte sie in der dem Reifensteiner Verband angeschlossenen Wirtschaftlichen Frauenschule in Metgethen in Ostpreußen absolviert, danach arbeitete sie ein Jahr in der Frauenschule Obernkirchen des Reifensteiner Verbandes als Lehrerin für Geflügel- und Tierzucht und war auch für die Wohlfahrtspflege zuständig. Bereits 1918 wurde sie vom Verband als Vorsteherin der Schule berufen. Dies im vierten Kriegsjahr des Ersten Weltkriegs, in dem es sehr schwierig wurde, den Schulbetrieb aufrechtzuerhalten. Lebens- und Futtermittel, Brenn- und Beleuchtungsstoff waren nur noch sehr schwierig zu beschaffen. Ohne die Unterstützung von Hilfskräften mussten die Schülerinnen mit den Lehrerinnen die Ernte und die Konservierung von Obst und Gemüse alleine durchführen. Schließlich erreichte im Herbst 1918 auch noch die Grippewelle der Spanischen Grippe die Schule und der Kreisarzt ordnete die Schließung der Schule vom 27. Oktober bis 9. November 1918 an. Die nächste Krise waren revolutionäre Wirren, die die Schule im Sommer 1919 erreichten. Eine „Lebensmittelkommission“, die sich aus den radikalsten Elementen des Arbeiterrates gebildet hatte, verlangte die Herausgabe von Lebensmittelvorräten. So wurde von ihr gleich von Beginn ihrer langjährigen Führungstätigkeit an der Frauenschule diplomatisches, organisatorisches und integratives Geschick gefordert.[1]

Reifensteiner Verband

Nicht lange, nachdem sie das Amt der Schulleiterin der Frauenschule Obernkirchen angetreten hatte, wurde sie von ihren Kolleginnen zur Vertreterin aller Schulleiterinnen in den erweiterten Vorstand des Reifensteiner Verbandes gewählt. Diese Funktion hatte sie bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1949 inne.[1]

Frauenschule Obernkirchen

Agnes von Dincklage entwickelte die Frauenschule Obernkirchen weiter. Sie öffnete diese in den ersten Jahren der Weimarer Republik mehrfach für Initiativen und Zusammenkünfte, die sich die Vertretung der berufspolitischen Interessen der ausgebildeten Frauen zu eigen machten. Insbesondere für die der Lehrerinnen der Wirtschaftlichen Frauenschulen und die der außerhalb des Verbandes tätigen landwirtschaftlich-hauswirtschaftlichen Lehrerinnen. Sie wurde so nicht nur zur Erzieherin der die Schule besuchenden Mädchen, sondern auch zu einer Bildungs- und Berufspolitikerin sowie Unternehmerin. Ihre Schule musste auch moderne Entwicklungen in der Landwirtschaft abbilden und war zudem Motor und Impulsgeber für Neuerungen. Von Dincklage war Mitglied in der Adelsgenossenschaft, der seit dem 4. Februar 1921 auch Frauen angehören konnten, in der Deutschnationalen Volkspartei, im Reichsbund wirtschaftlicher Lehrerinnen, im Deutsch-Evangelischen Frauenbund sowie im Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft.[1]

Baumaßnahmen

In den Jahresberichten der Schule sind die Baumaßnahmen dokumentiert, die Agnes von Dincklage durchführen ließ. Mitte der 1920er Jahre begann sie mit Modernisierungs- und Umbauarbeiten. Das Waschhaus wurde 1925 durch einen Anbau vergrößert, damit eine elektrische Wäscherei eingerichtet werden konnte. Danach wurde in Abtei und Probstei eine Heizung eingebaut. Der Molkereikeller wurde neu gestaltet, die Fachbibliothek vergrößert und es wurde in der Zehntscheune eine Wohnung für einen Arbeiter mit Familie eingerichtet. Das Haus und die Wirtschaftsbetriebe wurden 1927 mit einem Gasanschluss ausgestattet, dadurch sollte die Arbeit in den Küchen, der Molkerei und im Laboratorium erleichtert werden. Um Bodenraum zu gewinnen, wurde der Südflügel renoviert und im Westflügel wurden Räume im Dachgeschoss eingerichtet. Ein Gewächshaus wurde gebaut und ein Legestall für 100 Hühner sowie eine Gasbadeeinrichtung für die Abtei. Zusätzliche Zimmer für die Haushaltungsschule wurden im Dachboden eingerichtet, Wohnräume und Räume zu Lehrzwecke wurden durch Um- und Neubauten geschaffen. Im Weinkeller wurde ein Kühlraum eingebaut und 1932 ein Sportplatz hergerichtet. Nachdem die Zahl der Schülerinnen stark gestiegen war, wurde der Esssaal in der Mitte der 1930er Jahre um das Doppelte erweitert. Diese Aus- und Umbauten kamen mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs zum Erliegen.[1]

Entwicklung der Zahlen von Schülerinnen und Lehrerinnen

Die Zahl der Schülerinnen und Seminaristinnen betrug zu Beginn ihrer Tätigkeit im Schuljahr 1916/17 48 Personen. Sie stieg auf 65 im Schuljahr 1931/32 und auf 83 im Schuljahr 1939/40. Dazu wurden Haushaltungsschülerinnen aus der Umgebung und Übungsklassen für angehende Lehrerinnen.[1]

Agnes von Dincklage gelang es, das Prestige der Schule in der nationalen Öffentlichkeit zu steigern. Dies ließ sich auch daran erkennen, dass zu den Schülerinnen, den „Maiden“, Frauen aus prominenten bürgerlichen Familien und dem Hochadel zählten. So besuchte Prinzessin Friederike Luise von Hannover, die spätere Königin von Griechenland, von Ostern bis Herbst 1937 die Schule ebenso wie Töchter aus der ersten Ehe von Hermine Prinzessin von Preußen (1887–1947), der zweiten Frau von Kaiser Wilhelms II. Caroline Hermine (1910–1992) und Henriette (1918–1973) die Schule. Genauso wie die Enkelin des Komponisten Richard Wagner, Verena Wagner (geb. 1920).[1][2]

Vom Jahrgang 1916/17 bis zum Jahrgang 1934/35 wurden in der Frauenschule Obernkirchen etwa 200 Lehrerinnen ausgebildet. Durch einen Erlass vom 10. Mai 1935 des Reichs- und Preußischen Ministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung wurde die Ausbildung zur landwirtschaftlichen Lehrerin neu geregelt. Die Ausbildung sollte an staatlichen Hochschulen erfolgen und die Wirtschaftlichen Frauenschulen bekamen den Namen „Bäuerliche Frauenschulen“. Am 30. Juli 1936 erfolgte durch einen Ministerialerlass die Umbenennung in „Landfrauenschulen“.[1]

In der Regel bestand der Lehrkörper aus zehn fest angestellten Lehrkräften, ergänzt durch freiberufliche Dozentinnen und Dozenten, Angestellte und Hilfskräfte. Die Schule war als private Schule einem hohen Druck der Wirtschaftlichkeit ausgesetzt und Agnes von Dincklage gelang es, durch ein klug zusammengesetztes Schulkuratorium die ideelle und materielle Unterstützung der Schule sicherzustellen. Es gab Kooperationen mit dem örtlichen Handwerk, dem kaufmännischen Gewerbe und landwirtschaftlichen Betrieben. Es wurden Verbindungen zu Honoratioren der Stadt Obernkirchen und dem Umkreis gepflegt, auch zum Fürstenhaus in Bückeburg.[1]

Dabei war Agnes von Dincklage bei ihren Schülerinnen, aber auch im Lehrkörper äußerst beliebt und geachtet.[1] Von den Maiden wurde sie respekt- und liebevoll „Tante Lilli“ genannt.[3]

Absetzung 1942

Als in der Zeit des Nationalsozialismus es nicht mehr angezeigt war, sich zu christlichen Bindungen zu bekennen, oder sie zu pflegen, erklärte sich Agnes von Dincklage weiterhin öffentlich zu ihrer christlichen Überzeugung. Dadurch wurde sie Misstrauen und Anfeindungen ausgesetzt. Als sie schließlich den Aufnahmeantrag einer Schülerin aufgrund der Glaubensausrichtung mit den Worten, dass sie eine christlich begründete Pädagogik verfolgte, die dem Nationalsozialismus entgegenstand, ablehnte, wurde sie in der Zeitung „. Organ der Reichsführung SS. Zeitung der Schutzstaffeln der NSDAP“ vom 16. Juli 1942 stark angegriffen. Zwar war aus einer Liste ersichtlich, dass Agnes von Dincklage seit April 1934 Mitglied der NSDAP war und der Nationalsozialistischen Frauenschaft sowie der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt angehörte, finden sich keine Aussagen von ihr, dass sie der nationalsozialistischen Ideologie auch nur wohlwollend begegnete. Die Amtsenthebung wurde in einem Brief durch die Regierung in Hannover ausgesprochen, der am 27. Juli 1942 in der Schule eintraf.[1]

Nach intensiven Verhandlungen durch die Verbandsleitung, begleitet durch die Fürsprache einzelner Personen, wurde sie nach einem halben Jahr, am 13. Dezember 1942 wieder in ihr Amt eingesetzt. Die Bedrohungslage blieb jedoch für die Schule hoch. Agnes von Dincklage war zwar wieder die Vorsteherin der Schule, jedoch wurde ihr eine Parteigenossin für alle nationalsozialistischen Fragen zur Seite gestellt. Einige Zeit später wurde die Schule kriegsbedingt geschlossen.[1]

Nach Kriegsende wurde Agnes von Dincklage durch Regierungskommissare aus Hannover gebeten, die Schule wiederzueröffnen. Dies erfolgte im Oktober 1945 mit 30 Maiden. Bereits zu Ostern waren es schon 80 Maiden und mit den Lehrkräften 96 Personen, die zusammengedrängt im Haupthaus lebten, da alle Nebengebäude beschlagnahmt waren. Flüchtlinge waren in der Haushaltungsschule untergekommen, eine Entbindungsstation belegte einen Teil der Zimmer und weitere Flüchtlingsfamilien andere angebaute Teile der Schule. Auch kümmerte sich Agnes von Dincklage um Lehrerinnen und Schülerinnen, die aus Schulen in Ostpreußen stammten und geflüchtet waren.[1]

Als Agnes von Dincklage 1949 von ihrer Arbeit in Rente ging, charakterisierte sie ein Mitarbeiter in seiner Abschiedsrede mit den Worten: „Sie regierte königlich und diente demütig.“

Nach dem Ausscheiden aus dem Schulleben kehrte Agnes von Dincklage als Stiftsdame in das Stift Börstel zurück, wo sie am 17. August 1962 starb.[1]

Für Agnes von Dincklage wurde ein FrauenOrt Niedersachsen in Dinklage eingerichtet.[4]

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h i j k l m n o Ortrud Wörner-Heil: Adelige Frauen als Pionierinnen der Berufsbildung, Agnes von Dincklage S. 373ff (PDF), abgerufen am 6. Dezember 2025
  2. Deutschland kennt den Namen Obernkirchen (PDF), abgerufen am 6. Dezember 2025
  3. Auf den Spuren von Tante Lilli. In: marktplatz-schaumburg.de. Marktplatz Schaumburg, abgerufen am 6. Dezember 2025 (deutsch).
  4. frauenorte niedersachsen – Agnes von Dincklage. In: frauenorte-niedersachsen.de. www.frauenorte-niedersachsen.de, abgerufen am 6. Dezember 2025.