Agasias (Lochagos)
Agasias (altgriechisch Άγασίας) war ein in der 2. Hälfte des 5. Jahrhunderts und zu Beginn des 4. Jahrhunderts v. Chr. lebender griechischer Söldnerführer im Heer des persischen Prinzen Kyros des Jüngeren.
Teilnehmer am Zug der Zehntausend
Agasias stammte aus Stymphalos in Arkadien[1] und wird wiederholt von Xenophon, mit dem er befreundet war, in dessen Anabasis erwähnt. Als Teilnehmer am Zug der Zehntausend gehörte er mit dem Rang eines Lochagen (Hauptmanns) dem griechischen Söldnerheer an, das Kyros 401 v. Chr. auf dessen Feldzug gegen den persischen Großkönig Artaxerxes II., einen älteren Bruder des Kyros, begleitete. Nach Kyros’ Tod in der Schlacht bei Kunaxa traten die Söldner auf einem mühevollen und gefährlichen Marsch den Rückweg durch das Persische Reich nach Kleinasien an.
Auf dem Rückmarsch durchzogen die Söldner 400 v. Chr. in sieben Tagen das gebirgige Stammesgebiet der am oberen Tigris siedelnden Karduchen und erlitten dabei durch Angriffe dieses Volks große Verluste. Als die Karduchen einen steilen Pass besetzt hatten, den die Griechen durchqueren mussten, um zur nächsten Hochebene zu gelangen, musste ein gefangener ortskundiger Karduche den Söldnern einen zweiten Weg zum Hochplateau verraten. Die Söldnerführer Xenophon und Cheirisophos wollten die Karduchen durch einen Doppelangriff aus zwei Richtungen vom Pass vertreiben. Damit Xenophon mit dem Tross und den Lasttieren auf dem Nebenweg vorrücken konnte, mussten die Griechen zuerst eine Anhöhe, die eine steile Passage des Nebenwegs überragte, besetzen. Agasias und zwei andere, ebenfalls aus Arkadien stammende Hauptleute, Aristonymos und Kallimachos, die alle zu Xenophons Einheit gehörten und untereinander rivalisierten, erklärten sich freiwillig zur Durchführung dieses gefährlichen Unternehmens bereit. Ihnen wurden dafür 2000 Krieger unterstellt. Abends zogen Agasias und die beiden anderen arkadischen Hauptleute mit ihrem Trupp und dem gefesselten Karduchen als Führer im kalten Winterregen auf dem Nebenweg entlang. Sie töteten oder vertrieben die wenigen ihnen auf dem Weg begegnenden Wachen und besetzten einen Hügel, während Xenophon zur Ablenkung gleichzeitig einen Scheinangriff auf die Karduchen, die den Pass besetzt hielten, unternahm. Am nächsten Morgen rückte Agasias’ Trupp, vom Nebel verborgen, auf einem Seitenweg gegen den Pass vor, und gleichzeitig marschierte der Hauptteil des Söldnerheers auf dem Hauptweg heran, woraufhin die Karduchen flüchteten.[2]
Nach dem Erreichen des Schwarzen Meers zog das Söldnerheer entlang dessen Küste nach Westen in Richtung Byzanz. Unterwegs legten sie im Hafen von Kalpe in Bithynien einen längeren Halt ein. Dort traf der mächtige spartanische Harmost von Byzanz, Kleandros, mit zwei Trieren bei den Söldnern ein. In seiner Begleitung befand sich Dexippos, der auch am Zug der Zehntausend teilgenommen, aber auf dem Rückmarsch die Söldner eigenmächtig verlassen hatte und mit Beute auf einer Pentekontere über das Schwarze Meer geflohen war. Er wurde von einigen Söldnern gebeten, einstweilen eine von ihnen erbeutete Schafherde zu verwahren, um sie dem Zugriff der anderen Krieger zu entziehen, mit denen sie die Tiere nicht teilen wollten. Einige Söldner bemerkten aber diese Absprache und reklamierten die Schafe als gemeinschaftliches Raubgut. Dexippos behauptete gegenüber Kleandros, dass diese Griechen ihm die Schafe zu stehlen beabsichtigen und wollte einen von ihnen dem Harmosten vorführen. Agasias entriss aber Dexippos den als Räuber beschuldigten Mann, und andere Söldner nannten Dexippos einen Verräter und warfen Steine nach ihm. Kleandros und Mitglieder seiner an Land gegangenen Mannschaft wurden dadurch erschreckt und flohen zum Strand.[3]
Der verärgerte Harmost konnte durch seinen Einfluss die Rückkehr der Söldner nach Griechenland verhindern. Dexippos behauptete gegenüber Kleandros, dass Xenophon der eigentliche Urheber der Aktion des Agasias und der Steinewerfer sei. In einer einberufenen Heeresversammlung ergriff Agasias nach einer Rede Xenophons das Wort, übernahm die Verantwortung für seine Reaktion auf Dexippos und erklärte, dass er sich dem Urteil des Kleandros unterwerfen werde. Er bat, dass ihn Fürsprecher im Prozess vor dem Harmosten begleiteten. Mehrere Söldnerführer gingen daher mit Agasias zu Kleandros und beteuerten, dass das Heer Kleandros’ Urteilsspruch vorbehaltslos akzeptieren würde. Agasias selbst wies in seiner Verteidigungsrede auf den im Krieg gezeigten Mut des Söldners hin, den Dexippos als Schuldigen zum Harmosten hatte führen wollen. Ferner bezeichnete er den Ankläger als erbärmlich, weil er durch feige Flucht über das Schwarze Meer die Söldner gefährdet habe. Daher dürfe Dexippos’ anzweifelbare Aussage nicht zur Verurteilung des verdienstvollen Kriegers führen. Kleandros war durch die Unterwerfungsgeste des Heers zufriedengestellt, entließ die Söldnerführer und beriet noch über den Fall des Agasias. Bald erschienen die Feldherren und Hauptleute der Söldner wieder und boten Kleandros den Oberbefehl über das Heer an, was diesen rührte. So war der Harmost endgültig gewonnen und ließ Agasias und den von diesem befreiten Mann ziehen.[4]
Zuletzt erwähnt Xenophon in seiner Anabasis, dass Agasias 399 v. Chr. während eines privaten Kriegs- und Beutezugs Xenophons gegen die Burg des reichen Persers Asidates im Kampf verwundet wurde.[5] Sein weiteres Schicksal ist unbekannt.
Literatur
- Wolfgang Will: Der Zug der 10 000. C. H. Beck, München 2022, ISBN 978-3-406-79067-6, S. 120; 185 ff.; 278.
- Walther Judeich: Agasias 1). In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band I,1, Stuttgart 1893, Sp. 736.
Anmerkungen
- ↑ Xenophon, Anabasis 4, 1, 27.
- ↑ Xenophon, Anabasis 4, 1, 21 – 2, 8; dazu Wolfgang Will: Der Zug der 10 000, 2022, S. 120 ff.
- ↑ Xenophon, Anabasis 6, 6, 5-10; dazu Wolfgang Will: Der Zug der 10 000, 2022, S. 184 f.
- ↑ Xenophon, Anabasis 6, 6, 11-36; dazu Wolfgang Will: Der Zug der 10 000, 2022, S. 185 ff.
- ↑ Xenophon, Anabasis 7, 8, 19.