Afrakirche (Urbach)
Die evangelische Afrakirche ist die Pfarrkirche von Urbach, einer Gemeinde im Rems-Murr-Kreis in Baden-Württemberg. Das Bauwerk ist beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg als Baudenkmal eingetragen. Die Kirchengemeinde gehört zum Kirchenbezirk Schorndorf der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.
Ihren Namen erhielt sie von der heiligen Afra, einer frühchristlichen Märtyrerin aus Augsburg.
Geschichte und Architektur
Eine Vorgängerkirche wurde bereits 1225 urkundlich erwähnt.
Die heutige aus Quadermauerwerk gebaute spätgotische Saalkirche wurde ab 1509 als gotische Dorfkirche errichtet, wie ein Eintrag im Lagerbuch von 1564 belegt („anno 1509 die Kirch zu Oberurbach samt dem Thurn von des heiligen Einkommen gebawen worden“). Die Errichtung erfolgte in der Endphase der spätgotischen Kirchenbauwelle im Remstal. Bereits um 1512 dürfte die Kirche vollendet gewesen sein.[1.1]
Sie besteht aus einem Langhaus, einem eingezogenen Chor und einem Chorflankenturm auf quadratischem Grundriss an der Nordwand des Chors. Die Wände des dreiseitig geschlossenen Chors öffnen sich zwischen den stützenden Strebepfeilern mit Maßwerkfenstern, die mit Fischblasen verziert sind. Das Bauwerk ist aus lokalem Stubensandstein errichtet. Besonders charakteristisch ist die Verwendung unterschiedlicher Steinqualitäten, die durch Umbauten und Ausbesserungen sichtbar geblieben sind.[1.2]
Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Kirche mehrfach umgestaltet. 1596 entstand eine erste Empore, um 1620 eine Erweiterung. 1670/71 wurde der Dachstuhl erneuert. 1798 erhielt die Kirche einen neuen weißen Innenanstrich.
1884 wurde sie umfassend erneuert, mit neuer Chorempore, Petroleumbeleuchtung und erstmals einer Heizung. Der Turm erhielt 1884 ein achteckiges Geschoss für die Turmuhr und den Glockenstuhl, das einen schiefergedeckten Helm trägt. Der Turm misst bis zur Turmkugel 17,2 Meter.
Anfang des 20. Jahrhunderts erhielt sie nach Plänen von Martin Elsaesser durch neue Fenster eine veränderte Außenwirkung, das Dach wurde nach Westen hin abgewalmt, 1909 wurde im Westen ein Treppenaufgang angebaut. Die Elektrifizierung erfolgte 1913–15.
Im Inneren bestimmen vor allem die Umbauten von 1909 sowie 1961/62 das heutige Erscheinungsbild. Emporen wurden bereits im 18. Jahrhundert eingebaut und in den Abmessungen von 1909 beibehalten. Die Orgelempore im Chor wurde 1961 entfernt, wodurch der Chorwieder in seiner ursprünglichen Raumwirkung erlebbar wurde. Die neue Orgel entstand 1963 und wurde seitlich im Chor aufgestellt, um dessen Raumwirkung möglichst wenig zu beeinträchtigen.[2]
Ausstattung
Von der Erbauungszeit sind noch Glasmalereien erhalten, die später wieder in die Schifffenster eingesetzt wurden. Das Fenster der Südwand zeigt Christus am Baumkreuz vor einer Landschaft, im Fenster der Nordseite ist die heilige Afra dargestellt, die an einen Baum gebunden ist, während ein Mann das Feuer unter ihr anfacht. Darüber finden sich Spolien aus Passionsszenen des frühen 17. Jahrhunderts. Im mittleren Fenster der Nordseite sind der Einzug in Jerusalem, das Abendmahl und die Ölberg-Szene dargestellt.
Die weiteren Glasmalereien im Chor stammen aus dem Jahr 1962 und stellen die Heilsgeschichte dar: die Geburt Christi (Nord), die ersten Christen (Süd) und die himmlische Herrlichkeit nach Offenbarung 4 (Mitte).[2]
Die Schlusssteine im Chor zeigen die Wappen der Herzöge von Württemberg, der Herren von Urbach sowie ein Marienbildnis und ein Relief der heiligen Afra.
Emporenbilder
Die Malereien an der Emporenbrüstung stammen vermutlich aus dem frühen 18. Jahrhundert. Ursprünglich waren es elf Gemälde, von denen sechs erhalten sind. Zwei großformatige Darstellungen an der Westwand zeigen König David und König Salomo. Vier weitere Bilder schmücken die Brüstung der unteren Westempore. Die Werke waren über Jahrzehnte abgenommen und wurden 2007 restauriert und 2008 wieder im Kirchenraum angebracht.[1.3]
Epitaphien
Mehrere Epitaphe erinnern an bedeutende Persönlichkeiten der Gemeinde, darunter die Pfarrerfamilie Kapff (um 1740) mit reich verziertem Steinschmuck aus Laubwerk und Engelsköpfen, sowie das Renaissance-Epitaph der Familie Bletzger-Eißlinger aus der Zeit um 1581.
Kanzel
Die hölzerne Kanzel stammt von 1719. Ihre figürliche Bemalung wird dem Geradstettener Maler Georg Friedrich Molt zugeschrieben. Der Kanzelkorb ist achteckig gestaltet und mit biblischen Szenen verziert. Auf einer steinernen Basis ruht der Kanzelpfeiler; eine gemauerte Treppe mit schmiedeeisernem Rankengitter führt hinauf. Der achteckige Kanzelkorb zeigt die vier Evangelisten, den Apostel Petrus und in der Mitte den Gekreuzigten. Der Schalldeckel ist achteckig, mit Laubwerk, Köpfen und einer etwa ein Meter hohen Figur bekrönt, die wahrscheinlich Johannes den Täufer oder den Guten Hirten darstellt. Der ursprüngliche Bibelspruch „Seid Täter des Worts und nicht Hörer allein“ befand sich bis 1961 auf dem Kanzeldeckel. Nach einer weißen Übermalung 1931 wurde 1961 die ursprüngliche Farbigkeit wiederhergestellt.[1.4]
Altar und Taufstein
Der heutige Steinaltar stammt aus dem Jahr 1909, entworfen im Zusammenhang mit der Renovierung unter Architekt Martin Elsaesser. Dahinter steht ein großes Kruzifix aus der Zeit um 1500, das bei Arbeiten 1961 auf dem Dachboden wiederentdeckt und restauriert wurde. Das alte schmiedeeiserne Altargitter des 18. Jahrhunderts wurde bei der Erneuerung entfernt und in der Turmstube aufgestellt. Die beiden Altarleuchter wurden von der Familie Hornschuch gestiftet.[1.5]
Der heutige Taufstein aus Crailsheimer Muschelkalk wurde 1961 nach einem Entwurf von Architekt Peter Haag geschaffen. Er ersetzte ein neugotisches Stück von 1859, das nach verschiedenen Verwendungen und Beschädigungen restauriert und später wieder in der Kirche aufgestellt wurde.
Liturgische Geräte
Wertvolle Geräte und Gefäße der Afrakirche werden mehrfach erwähnt. Während des Dreißigjährigen Krieges wurden Kelch und Altartücher „der Unsicherheit wegen“ nach Schorndorf gebracht. Aus späterer Zeit stammen mehrere Kelche und eine Hostiendose, darunter eine Stiftung von Susanna Margaretha Binder (1748). Im Zweiten Weltkrieg wurden die Geräte in einem Kamin verborgen und 1945 bei einem Feldgottesdienst wiederverwendet.
Orgel
Die erste Orgel der Afrakirche ist 1624 belegt; 1741 erhielt sie ein neues Instrument mit barockem Prospekt, von dem vier musizierende Engel erhalten sind. 1884 wurde eine neue Orgel der Firma Weigle eingebaut, 1909 erhielt sie ein neugotisches Gehäuse mit geschnitzten Engeln.
Die heutige Orgel hat 22 Register, stammt aus dem Jahr 1963 und wurde von der Firma Weigle errichtet.[3]
Glocken
Das Geläute besteht aus insgesamt 5 Glocken, wovon eine Glocke im Freien in einem mobilen Glockenstuhl aufgehängt ist und nur zu Hochzeiten geläutet wird.
| Nr. |
Name |
Gussjahr |
Gießer, Gussort |
Durchmesser (mm) |
Gewicht (kg) |
Schlagton |
Inschrift |
| 1 | Taufglocke | 1621 | Hans Braun, Ulm | 860 | 450 | b1 | Aus dem feier bin ich geflossen Hans Bravn hat mich gegossen. |
| 2 | alte Betglocke | 1922 | Schilling & Lattermann, Apolda |
1540 | e1 | In Vaterlands Not zum Opfer gebracht, im Frieden zu neuem Leben erwacht, will künden fernerhin mein Tönen Den Dank 113 gefallenen Söhnen Heute als Hochzeitsglocke im Freien aufgehängt | |
| 3 | Zeichenglocke | 1951 | Heinrich Kurtz, Stuttgart |
970 | 550 | gis1 | Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. |
| 4 | Kreuzglocke | 2006 | Perner, Passau |
1120 | 780 | fis1 | Einen anderen Grund kann niemand legen als dem der gelegt ist, Jesus Christus |
| 5 | Betglocke | 2006 | Perner, Passau |
1320 | 1300 | dis1 | Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet |
Literatur
- Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Baden-Württemberg I, Regierungsbezirke Stuttgart und Karlsruhe. Deutscher Kunstverlag, München 1993, S. 798–799.
- Ev. Kirchengemeinde Urbach in Zusammenarbeit mit dem Geschichtsverein Urbach (Hrsg.): 500 Jahre AFRAKIRCHE URBACH. 2009 (urbach.de [PDF]).
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Ev. Kirchengemeinde Urbach in Zusammenarbeit mit dem Geschichtsverein Urbach (Hrsg.): 500 Jahre AFRAKIRCHE URBACH. Urbach 2009 (urbach.de [PDF]).
- ↑ a b Afrakirche Urbach. Abgerufen am 1. November 2025.
- ↑ Urbach, Afrakirche – Organ index, die freie Orgeldatenbank. Abgerufen am 1. November 2025.
Koordinaten: 48° 48′ 58,6″ N, 9° 34′ 32,5″ O