Adrien-Guex-Denkmal

Das Adrien-Guex-Denkmal ist ein Fliegerdenkmal auf der zu Airolo gehörenden Hochebene des Gotthardpasses im Schweizer Kanton Tessin, das an den hier 1927 tödlich abgestürzten Schweizer Militärpiloten Adrien Guex (1901–1927) erinnert. Das Werk von Fausto Agnelli wurde 1929 errichtet und eingeweiht.

Geschichte

Unfall

Adrien Guex wurde 1901 in Boulens im Kanton Waadt geboren. Seine Familie wohnte zum Unfallzeitpunkt in Lausanne,[1] wo er einige Semester an der Ingenieurschule absolviert hatte, bevor er zum Militär ging.[2] 1921 erhielt Guex das Offiziersbrevet, 1926 wurde er zum Oberleutnant befördert. 1925 machte er das Pilotenexamen.[3] Zuletzt war er in der Jagdfliegerkompanie 15 stationiert und wäre bald zum Instruktionsoffizier der Fliegertruppe ernannt worden.[2] Guex war als Schauspieler in der Studentenverbindung «Helvetia» aktiv, für die er mit Bravour die Hauptrollen in René Morax’ Dramen König David und Davel übernommen hatte.[1] Zum Unfallzeitpunkt war er 26 Jahre alt.[4]

Mitte August 1927 fand in Dübendorf ein internationales Flugmeeting statt, in dessen Rahmen für Schweizer Piloten der Alpenwettflug Coupe Echard veranstaltet wurde. Adrien Guex wollte sich darauf vorbereiten. Am Morgen des 7. August 1927 startete er mit seiner Fokker D.VII 627 auf dem Militärflugplatz Dübendorf, legte in Thun eine Zwischenlandung ein und setzte den Flug dann mit dem Ziel Bellinzona fort.[5] Da die Route über den Cavennapass durch Wolken versperrt war, wich er auf den Gotthardpass aus,[6] wo jedoch ebenfalls dichter Nebel herrschte und er die Orientierung verlor. Vermutlich nahm er an, sich bereits jenseits des Passes zu befinden, und ging deshalb zu früh in den Sinkflug,[5] um die Wettersituation über dem Bedrettotal zu beobachten.[6] Um 9:02 Uhr zerschellte sein Flugzeug zwischen dem Hotel «Monte Prosa» und dem Fort Hospiz, etwa 20 Meter neben dem Lago della Piazza (Lage der genauen Absturzstelle). Es lag mit der Front gegen Süden platt auf dem Boden, Propeller und Motor waren zerstört. Gegen 16:30 Uhr konnte die im Führersitz eingeklemmte Leiche geborgen werden. Guex’ Stirn war am Kilometerzähler zerschmettert worden.[7]

Am 10. August wurde Guex unter grosser Anteilnahme der Bevölkerung und im Beisein zahlreicher Offiziere und Soldaten in Lausanne auf dem Friedhof Bois-de-Vaux beigesetzt. Die Trauerfeier wurde in der Kirche St. Pierre abgehalten.[8]

Projektierung

Der Tessiner Nationalrat Carlo Censi (FDP) begab sich wenige Tage nach dem Unfall auf den Gotthard und eröffnete am 18. August 1927 im Hotel «Prosa» eine Spendensammlung zur Errichtung eines Denkmals für Guex. Dieses sollte an der Absturzstelle zu stehen kommen, um hier die Passanten daran zu erinnern, dass (nach Censis Worten) «das Leben mehr als eine Pflicht, es eine Mission» sei. Zu den ersten Subskribenten gehörte der Grossrat Antonio Antognini (CVP).[9] Der Tessiner Staatsrat trug 50 Franken bei.[10]

Im Januar 1928 konstituierte Censi ein Denkmalkomitee,[11] das daraufhin einen öffentlichen Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen eröffnete.[12] Am 12. März beschloss die Jury, keine Preise zu vergeben, zumal keiner der Teilnehmer die Umgebung des Denkmals genügend in die Konzeption mit eingebunden habe, und eröffnete stattdessen einen zweiten Wettbewerb mit Einsendeschluss vom 25. März.[13] Über 40 Entwürfe gingen ein,[14] und das Preisgericht entschied sich diesmal für das Projekt des Malers Fausto Agnelli, der sein Modell aus Knetmasse geformt hatte. Der zweite Preis ging an den Bildhauer Agostino Balestra. Alle eingesandten Entwürfe wurden bis am 15. April in der Villa Ciani in Lugano öffentlich ausgestellt.[15]

Die Kosten wurden auf mindestens 6000 Franken budgetiert. Im März 1928 war erst ungefähr die Hälfte davon zusammengekommen, weswegen sich das Komitee noch einmal eindringlich an «alle Tessiner» wandte, im Namen der «eidgenössischen Brüderlichkeit» «auch den bescheidensten Betrag» für die «edle Initiative» hinzugeben.[16] Ende Mai 1928 waren 4356 Franken eingegangen, und das Komitee bat nun alle Tessiner Gemeinden, einen «grosszügigen und patriotischen Obolus» einzusenden, damit es dereinst auf dem Postament des Denkmals die Inschrift anbringen könne: «Errichtet mit der Unterstützung aller Gemeinden des Kantons Tessin, der Tessiner Bürger und Verehrer.»[17] Die Reaktionen waren offenbar sehr verhalten. Das kleine Dorf Mosogno im Onsernonetal schickte als erstes einen Betrag, aus seinem Nachbarort Russo gelangten 5 Franken an das Komitee, mit einem Begleitschreiben, in dem stand: «Wir bedauern, nicht mehr geben zu können.» Die geplante Würdigung der Tessiner Gemeinden in der Inschrift wurde fallengelassen. Erst am 22. Mai 1929 konnte das Komitee verkünden, dass das Denkmalprojekt seiner Vollendung nahe. Dabei unterstrich es noch einmal die Denkmalintention, «an den Brüderschaftspakt zwischen Völkern unterschiedlicher Rassen, Sitten, Charaktere und Religionen» zu erinnern und dazu beizutragen, «jene mehr zu schätzen, die für das höchste und edelste Ideal sterben können, das es nur geben kann: das Vaterland».[18]

Die Soldaten der Gotthardforts halfen bei der Errichtung des Denkmals mit. Die Firmen «Karl Hürlimann Söhne» aus Brunnen und «Portland-Cement-Werk» aus Würenlingen-Siggenthal lieferten gratis 200 Doppelzentner Zement. Am 15. Juli wurde ein Pergament, das die Namen aller Spender enthielt, in das Postament eingemauert.[19]

Einweihung

Die Einweihung fand am 18. August 1929, eineinhalb Wochen nach Guex’ zweitem Todestag, statt. Obwohl Carlo Censi einen kleinen Rahmen anvisiert hatte, kamen über 60 Autos und fast ebenso viele Motorräder auf den Gotthardpass. Zusammen mit den zufällig anwesenden Touristen ergab sich eine Festgemeinde von etwa 500 Personen. Die Tessiner Kantonsregierung wurde von Cesare Mazza und Antonio Galli, die Waadt durch Nationalrat Maurice Bujard repräsentiert. Anwesend waren auch Vertreter des Eidgenössischen Militärdepartements und der Flugwaffe, der Sportvereine US Ceresio und SC Locarno und der Studentenverbindung «Helvetia», ferner Guex’ Mutter, Grossmutter und weitere Verwandte. Censi hielt die Eröffnungsansprache und übergab das Denkmal der Gemeinde Airolo, in deren Namen es der Gemeindepräsident Dotta dankend in Empfang nahm. Des Weiteren sprachen Guex’ Schwager im Namen der Familie, Major Glauser aus Dübendorf für die Militärpiloten und Oberst Luchsinger von der Fortverwaltung. Das Festbankett wurde im Hotel Prosa abgehalten.[20][21][3]

Beschreibung

Das etwa 5 Meter hohe Denkmal steht in der Nähe des Hospizes und des Museums San Gottardo, am Lago della Piazza. Die Pyramide ist aus grossen, vor Ort gewonnenen Granitblöcken gefügt, die mit Zement verkittet sind, und mit mehreren Bronzeplastiken geschmückt. Zuoberst thronen zwei Adler mit in die Ferne gerichtetem Blick. Laut dem Initiativkomitee «denken sie andächtig über die Zerbrechlichkeit des irdischen Lebens nach».[18] Im Mittelfeld ist ein Relief des Verstorbenen eingelassen, der an der Fliegerhaube leicht als Pilot erkennbar ist. Auf einem Vorsprung im Unterfeld hockt ein sterbendes Adlerjunges mit gebrochenem Flügel, das Guex’ Fliegertod symbolisiert.[18][22] In seinen Krallen hält es eine Tafel mit folgender Inschrift:

«Al I0 Tenente aviatore Guex
Vodese
Caduto in servizio della Patria
Fra queste ardue cime
Insegnando che la vita è missione
Consacrano nei secoli
Ticinesi e Confederati
18 Agosto 1928»

«Dem Fliegeroberleutnant Guex / Waadtländer / Gefallen im Dienste für das Vaterland / Zwischen diesen steilen Gipfeln / Lehrend, dass das Leben Mission (ein Auftrag) ist / Weihen über die Jahrhunderte hinweg / Tessiner und Eidgenossen (dieses Denkmal) / Am 18. August 1928.»

Agnellis Pläne sahen ursprünglich auch die Anbringung eines zerbrochenen Propellers unter dem Porträtrelief vor.[22]

Eine 2017 von der Schweizer Luftwaffe veröffentlichte Interpretation des Denkmals stimmt in vielen Punkten nicht mit der genuinen Intention überein: Der sterbende Adler wird hier als «grimmig» empfunden, statt seines gebrochenen Flügels ist die Rede davon, er breite «seine kräftigen Flügel im Fluge aus». Die beiden kontemplativen Adler auf der Spitze «lauern» und «scheinen jederzeit bereit für ihren Einsatz, um sich auf ihren Gegner oder ihr Opfer zu stürzen».[6]

Rezeption

Im Bund wurde das Denkmal als «ein neuer aufrichtiger Beweis eidgenössischer Gesinnung unserer lieben confederati ticinesi» gepriesen.[21]

Anlässlich der Einweihung eines Fliegerdenkmals für die im Zweiten Weltkrieg von Deutschen abgeschossenen Piloten Emilio Gürtler, Rodolfo Meuli und Rudolf Rickenbacher auf dem Chasseral nahm Jürg Stüssi-Lauterburg am 2. Juni 2010 in seiner Rede Bezug auf die Inschrift des Adrien-Guex-Denkmals («che la vita è missione»).[23]

Historische Bilder

Siehe auch

Literatur

  • Peter Brotschi: Gebrochene Flügel. Alle Flugunfälle der Schweizer Luftwaffe. Orell Füssli, Zürich 2006, S. 33 f., ISBN 978-3-280-06067-4.
  • Fabienne Meyer: Oblt Adrien Guex. Airolo TI. In: «Mais de temps à autre… l’un d’eux ne rentrait pas». Denkmäler für Abstürze, Abschüsse und Unfälle in der Schweizer Militäraviatik. Schweizer Luftwaffe, Bern 2017, S. 126–129 (PDF; 13,4 MB).
  • Scultura per un incidente aereo avvenuto il 7 agosto 1927. In: Schweizer Armee: Inventario dei monumenti dell’esercito e di guerra in Svizzera. Ticino. 2025, S. 14 (PDF; 9,4 MB).

Einzelnachweise

  1. a b Dopo la disgrazia aviatoria del Gottardo. In: Gazzetta Ticinese. 9. August 1927, S. 2 (online).
  2. a b Zum Fliegerunglück auf dem Gotthard. In: Neue Zürcher Zeitung. Abendausgabe. Nr. 1333, 8. August 1927, S. 2 (online).
  3. a b Denkmal für einen abgestürzten Flieger. In: Neue Zürcher Zeitung. Abendausgabe. Nr. 1596, 19. August 1929, S. 2 (online).
  4. La disgrazia aviatoria sul Gottardo. In: Gazzetta Ticinese. 8. August 1927, S. 3 (online).
  5. a b Tödlicher Flugunfall am Gotthard. In: Neue Zürcher Zeitung. Morgenausgabe. Nr. 1329, 8. August 1927, S. 2 (online).
  6. a b c Fabienne Meyer: Oblt Adrien Guex. Airolo TI. In: «Mais de temps à autre… l’un d’eux ne rentrait pas». Denkmäler für Abstürze, Abschüsse und Unfälle in der Schweizer Militäraviatik. Schweizer Luftwaffe, Bern 2017, S. 126–129 (online; PDF; 13,4 MB).
  7. Zum Fliegerunglück auf dem St. Gotthard. In: Neue Zürcher Zeitung. Mittagausgabe. Nr. 1331, 8. August 1927, S. 2 (online).
  8. Trauerfeier für Fliegerleutnant Guex. In: Neue Zürcher Zeitung. Mittagausgabe. Nr. 1349, 11. August 1927, S. 2 (online).
  9. Nobile iniziativa. In: Gazzetta Ticinese. 18. August 1927, S. 2 (online).
  10. Consiglio di Stato. In: Gazzetta Ticinese. 6. September 1927, S. 3 (online).
  11. Per il Tenente Guex. In: Gazzetta Ticinese. 26. Januar 1928, S. 2 (online).
  12. Per un ricordo all'aviatore Guex. In: Gazzetta Ticinese. 1. Februar 1928, S. 3 (online).
  13. Concorso per un monumento all'aviatore Guex. In: Gazzetta Ticinese. 12. März 1928, S. 3 (online).
  14. Esposizione dei progetti per il monumento a Guex. In: Gazzetta Ticinese. 7. April 1928, S. 2 (online).
  15. Esposizione pro Monumento Guex. In: Gazzetta Ticinese. 3. April 1928, S. 2 (online).
  16. Per una vittima dell’aviazione. In: Gazzetta Ticinese. 6. März 1928, S. 3 (online).
  17. Per il Monumento all’aviatore Guex. In: Gazzetta Ticinese. 29. Mai 1928, S. 1 (online).
  18. a b c Il monumento all’aviatore Guex. In: Gazzetta Ticinese. 22. Mai 1929, S. 2 (online).
  19. Per il monumento a Guex. In: Gazzetta Ticinese 17. Juni 1929, S. 2 (online).
  20. La solenne inaugurazione del monumento a Guex. In: Gazzetta Ticinese. 19. August 1929, S. 2 (online).
  21. a b Fliegerehrung auf dem Gotthard. In: Der Bund. Abendausgabe. Band 80, Nr. 389, 22. August 1929, S. 5 (online).
  22. a b L’esposizione pro monumento a Guex si chiuderà domani. In: Gazzetta Ticinese. 11. April 1928, S. 2 (online).
  23. Fabienne Meyer: Oblt Adrien Guex. Airolo TI. In: «Mais de temps à autre… l’un d’eux ne rentrait pas». Denkmäler für Abstürze, Abschüsse und Unfälle in der Schweizer Militäraviatik. Schweizer Luftwaffe, Bern 2017, S. 92 (online; PDF; 13,4 MB).

Koordinaten: 46° 33′ 20″ N, 8° 34′ 0,7″ O; CH1903: 686516 / 156652