Adelaide Ristori
Adelaide Ristori (* 29. Januar 1822[1] in Cividale del Friuli, Friaul; † 9. Oktober 1906 in Rom) war eine italienische Schauspielerin.
Leben
Ristori war die Tochter des Schauspielerpaares Antonio Ristori (1796–1861) und dessen Frau Maddalena (geborene Ricci-Pomatelli; 1795–1874). Ihre Großmutter väterlicherseits, war die Schauspielerin Teresa Canossa. Erstmals auf der Theaterbühne war slie als Neugeborenes zu sehen, als sie in einem Stück auf die Bühne getragen wurde, um in einem kleinen Theaterstück (I regali di Capodanno, ‚Neujahrsgeschenke‘) einen alten Mann dazu zu bewegen, seinen Segen für die Hochzeit seines Sohnes zu geben. Sie trat im Alter von drei oder vier Jahren in kleinen Rollen als Junge oder Mädchen gemeinsam mit ihren Eltern in „tränenreichen Komödien“ auf, so unter anderem in dem Drama Bianca e Fernando von Francesco Antonio Avelloni (1756–1837). Mit zwölf Jahren kam sie in die Theatertruppe von Giuseppe Moncalvo (1781–1859), der sie und ihre Eltern für das Stück Meneghino engagierte.[2] Als sie vierzehn war wurde sie fest als Nachwuchsschauspielerin in die Moncalvo-Truppe aufgenommen und feierte einen ersten Erfolg, als sie die Hauptrolle in Silvio Pellicos Stück Francesca da Rimini übernehmen durfte.[3] Ihre professionelle Karriere begann 1837, als ihr Vater sie als junges Mädchen im renommierten Ensemble der Compagnia Reale Sarda unterbringen konnte. Dort lernte sie ihre Kunstlehrerin Carlotta Marchionni (1796–1861) kennen, die sich gerade von ihrer aktiven Tätigkeit an der Bühne zurückzog. Sie trat von 1837 bis 1838 unter der ihrer Anleitung auf.[3] Erst 1840 trat sie die Nachfolge der Amalia Bettini (1809–1894) in der Rolle der Prima-attrice an. Anschließend erhielt 1841 sie durch ihren zunehmendem Erfolg ein Engagement in den Ensembles von Romualdo Mascherpa (1785–1849) und von 1846 bis 1851 mit dem jungen Tommaso Salvini im Ensemble von Luigi Domeniconi (1788–1868) und Coltellini.[4] Ihr Repertoire reichte bereits von Komödien über Dramen bis hin zu Tragödien.[2] Ihre Gestalten zeichneten sich durch tiefe Innerlichkeit und packende Glut der Leidenschaft aus.
1846 lernte sie den Marquis Giuliano Capranica del Grillo kennen, der sich in sie verliebte. Die Hochzeit, gegen die sich seine Familie zunächst vehement ausgesprochen hatte, fand 1847 statt. Nach ihrer Heirat wurde sie in den Adelsstand erhoben und widmete sich in diesen Jahren zunächst ausschließlich ihrer Familie. Etwa zwei Jahre nach ihrem Abschied vom Theater kehrte sie 1853 aus karitativen Gründen zurück, um sich für die Freilassung des armen und verschuldeten Schauspielers und Theaterdirektors Giovanni Pisenti aus dem Gefängnis einzusetzen. Anschließend nahm sie ihre Schauspielkarriere an der Reale Sarda wieder auf, wobei sie sich das Recht vorbehielt Rollen abzulehnen, die sie für ihren neuen gesellschaftlichen Stand für unwürdig hielt (darunter später auch ein Angebot für Die Kameliendame). Sie erhielt einen lukrativen Vertrag über jährlich 20.000 Lire sowie eine Gewinnbeteiligung. Zudem wurde ihr im Falle einer schweren Erkrankung ihrer Schwiegereltern ein Anspruch auf zwanzig Tage Urlaub eingeräumt.[2]
Ab Herbst 1850 ging Ristori wieder auf Tournee. 1855 unternahm sie ihre erste künstlerische Reise nach Paris, um sich mit dort mit ihrer berühmten Kollegin Rachel, der großen Tragödin ihrer Zeit, zu messen. Dort feierte Ristori große Erfolge, die sie an den Theatern von Berlin, London, Dresden und Wien fortsetzen konnte. Zahlreiche Bewunderer verfassten für sie Prosa und Verse, darunter namhafte Schriftsteller wie Alexandre Dumas, François Guizot, Léon Halévy, Jules Janin, Alphonse de Lamartine, Alfred de Musset, George Sand, Eugène Scribe und Alfred de Vigny. In der Folge unternahm sie weitere Reisen in die ganze Welt, trat 1857 mit ähnlichem Erfolg in Spanien (Madrid, wo sie von der Königin Isabella II. die Begnadigung eines zum Tode Verurteilten erwirkte), 1860 in den Niederlanden, 1861 in Russland (Moskau, Sankt Petersburg) und 1864 in Konstantinopel auf. 1867 in den Vereinigten Staaten und bereiste auch Mittel- und Südamerika, Anfang der 1870er Jahre spielte sie erfolgreich an Theatern in Australien, Neuseeland und England (London), sowie von 1879 bis 1880 in Dänemark, Deutschland (Dresden und Berlin), Griechenland, Österreich (Wien), Polen (Warschau) Portugal, Ungarn (Budapest) und Schweden.[4] 1885 zog sie sich von der aktiven Bühnenlaufbahn zurück.[3] In Paris trat sie auf Französisch auf und in London sang sie auf Englisch.[4]
Familie
Ristori hatte drei jüngere Geschwister:
- Carolina Ristori (1823–1890), wurde Schauspielerin.
- Enrico Ristori (1826–1894), wurde zunächst Schauspieler und später Bahnhofsvorsteher in Foggia
- Cesare Ristori (1835–1891), wurde Charakterdarsteller, danach Sänger in der komischen Oper und schließlich Schauspiellehrer
Um 1846/1847 heiratete Ristori während eines Engagements im Metastasio-Theater in Rom den Marchese Giuliano Capranica del Grillo (1824–1891/1892), den Sohn eines römischen Patriziers und Besitzers des Theaters, mit dem sie mehrere Kinder hatte:
- Virginio Pio (früh verstorben)
- Elena (früh verstorben)
- Marquese Giorgio Capranica del Grillo (1849–1922).
- Donna Bianca Capranica del Grillo (1853–) wurde Komponistin
Königin Margarethe von Italien zählte zu den Bewunderinnen der Marquise Capranica del Grillo und bat sie stets bei Begegnungen um eine Kostprobe ihres Gesangs oder erfreute sich an einer heiteren Konversation mit ihr. So ernannte sie ihren Sohn Giorgio zum “gentiluomo di Corte” (deutsch: „Kammerherrn“), um ihr Wohlwollen zu beweisen. Auch für die Tochter der Künstlerin, Donna Bianca, zeigte sie ihre Zuneigung.[5]
Rollen (Auswahl)
- als Maria Stuart in Maria Stuart (Friedrich Schiller)
- als Myrrha in Myrrha (Vittorio Alfieri) in Paris
- als Medea in Medea (Ernest Legouvé)
- als Beatrix in Beatrix (Ernest Legouvé) von Giuseppe Montanelli (1813–1862) übersetzt und auf sie zugeschnitten.
- als Lady Macbeth in Macbeth (Shakespeare)
- als Elisabeth von England in Elisabetha regina d'Inghilterra (Paolo Giacometti)
- als Marie Antoinette in Maria Antonietta (Paolo Giacometti)
- als Teresa in Suor Teresa (Luigi Camoletti)
Zudem erhielt sie unter anderem Hauptrollen in La locandiera und Le gelosie di Lindoro (Carlo Goldoni), I gelosi fortunati (Giovanni Giraud), Adriana Lecouvreur (Eugène Scribes, Ernest Legouvé), La suonatrice d’arpa (David Chiossone), Romeo und Julia (William Shakespeare) und anderen Stücken.[2]
-
Maria Stuart
-
Medea
-
Marie Antoinette
-
Elizabeth von England
-
Suor Teresa
-
Maria Stuart
-
Medea
-
Marie Antoinette
Ehrungen (Auswahl)
- Ernennung zur Hofdame durch Königin Margherete
- Besuch anlässlich ihres achtzigsten Geburtstags von König Viktor Emanuel III.[4]
Werke
- Ricordi e studi artistici. Roux, Turin / Neapel 1887 (archive.org).
- Adélaide Ristori : studies and memoirs W. H. Allen, London 1888 (englisch, archive.org).
Literatur
- Ristori, Adelaide. In: Henry Gardiner Adams: A Cyclopaedia of Female Biography. Groombridge and Sons, London 1857, S. 647–648 (englisch, Volltext [Wikisource]).
- Adélaïde Ristori : album artistique. Lith. Godard, Paris, 1. Januar 1858 (archive.org Bilder).
- Louis Lemercier de Neuville, Pierre Petit: Mme Ristori (= Les figures du temps: notices biographiques). A. Bourdilliat et Ce, Paris 1861 (französisch, books.google.de).
- Ristori, Adelaide. In: John Rosén, Theodor Westrin (Hrsg.): Nordisk familjebok konversationslexikon och realencyklopedi. 1. Auflage. Band 13: Pontin–Ruete. Gernandts boktryckeri, Stockholm 1889, Sp. 1225–1226 (schwedisch, runeberg.org).
- Ristōri, Adelaide, berühmte Schauspielerin. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Band 13, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig/Wien 1885–1892, S. 853.
- Emma Perodi: Adelaide Ristori, marchesa Capranica del Grillo : ricordi e aneddoti della sua vita. S. Biondo, Palermo 1902 (italienisch, archive.org).
- Tony Kellen: Adelaide Ristori. In: Königlich privilegierte Berlinische Zeitung. 29. Januar 1902 (dfg-viewer.de (Seite nicht mehr abrufbar. Suche in Webarchiven)).
- Ricordo nazionale : Adelaide Ristori. Casa editice Enrico Voghera, Rom 1902 (italienisch, archive.org – Mit Fotos ihrer Eltern, Kinder und ihres Ehemannes).
- Tryphosa Bates-Batcheller: XLIII To E. F. D. B. – Adelaide Ristori. In: Glimpses of Italian court life; happy days in Italia adorata. Doubleday, Page & Company, New York 1906, S. 343–357 (englisch, Textarchiv – Internet Archive).
- Gaetano Ettore Raffaele Mantellini, Luigi Donato Ventura: Memoirs and artistic studies of Adelaide Ristori;. Doubleday, Page & company, New York 1907 (englisch, archive.org).
- Ristori, Adelaide. In: Encyclopædia Britannica. 11. Auflage. Band 23: Refectory – Sainte-Beuve. London 1911, S. 367 (englisch, Volltext [Wikisource]).
- Silvio D’Amico: Ristori, Adelaide. In: Enciclopedia Italiana di scienze, lettere ed arti. Band 29: Reh–Romani. Rom 1936. (italienisch, treccani.it).
- Henry Knepler: The gilded stage. The lives and careers of four great actresses, Rachel Félix, Adelaide Ristori, Sarah Bernhardt and Eleonora Duse. Constable, London 1968 (englisch).
- Susan Bassnett: Adelaide Ristori. In: Susan Bassnett, Michael R. Booth, John Stokes (Hrsg.): Three tragic actresses : Siddons, Rachel, Ristori. Cambridge University Press, Cambridge / New York 1996, ISBN 0-521-41115-7, S. 117–169 (englisch, Textarchiv – Internet Archive).
- Liliana Naldini: Adelaide Ristori. La marchesa del Grillo, un’attrice del risorgimento. Alzani, Turin 2000, ISBN 88-8170-137-5 (italienisch).
- Alessandro Tinterri: Ristori Adelaide. In: Raffaele Romanelli (Hrsg.): Dizionario Biografico degli Italiani. Band 87: Renzi–Robortello. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 2016 (treccani.it).
- Claudia Blank: Selbstbestimmte Ikonographie: Adelaide Ristori im Fokus von Malern, Fotografen und Literaten. Degas – Disdérie – Dumas – Gautier – Feuerbach. In: Frank-Rüdiger Berger, Stephan Dörschel (Hrsg.): Es geht mir immer darum, Informationen zugänglich zu machen. Wege zu einer neuen Theatergeschichte. Paul S. Ulrich (1944–2023) zum 80. Geburtstag (= Sonderband der Gesellschaft für Theatergeschichte e. V.). Gesellschaft für Theatergeschichte e. V., Berlin 2024, ISBN 978-3-924955-24-3, S. 331–371, hier S. 371.
Weblinks
- Adelaide Ristori Italian tragedienne. In: Encyclopædia Britannica. (englisch).
- National Portrait Gallery: Adelaide Ristori (1822–1906), Actor npg.org.uk
- Adelaide Ristori openlibrary.org
Einzelnachweise
- ↑ Geburtsjahr zuweilen alternativ auch 1818 und 1821. Vgl. Tony Kellen 1902 (Zum 80. Geburtstag).
- ↑ a b c d Alessandro Tinterri: Ristori Adelaide. In: Raffaele Romanelli (Hrsg.): Dizionario Biografico degli Italiani. Band 87: Renzi–Robortello. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 2016 (treccani.it).
- ↑ a b c Claudio Bernardi, Carlo Susa (Hrsg.): Storia essenziale del teatro (= Collana Trattati e Manuali). Vita e Pensiero/Media spettacolo e processi culturali, Milano 2005, ISBN 88-343-0761-5, S. 268.
- ↑ a b c d Silvio D’Amico: Ristori, Adelaide. In: Enciclopedia Italiana di scienze, lettere ed arti. Band 29: Reh–Romani. Rom 1936. (italienisch, treccani.it).
- ↑ Onorato Roux: La prima regina d’Italia, nella vita privata, nella vita del paese, nelle lettere e nelle arti. C. Aliprandi, Mailand 1901, S. 215–216 (italienisch, Textarchiv – Internet Archive).