Abwärts-Effekt

Von einem Abwärts-Effekt spricht man in der Psychosomatik und Philosophie, wenn nach der Modellvorstellung der Schichtenlehre Wirkungen beschrieben werden sollen, die von einer ganz bestimmten höheren Schicht der Seinsordnung ausgehen bzw. hervorgerufen sind und Auswirkungen in einer tieferen Schicht zur Folge haben.[1.1] Für den Abwärts-Effekt sind methodisch die Bezeichnungen „noetisch“ in der Phänomenologie bzw. als spezieller erkenntnistheoretischer Vorgang „deduktiv“ in geisteswissenschaftlicher Hinsicht und „psychogen“ in psychologischer Hinsicht gebräuchlich. Für den Aufwärts-Effekt dagegen sind als geisteswissenschaftliche Methode die Begriffe „induktiv“ und als psychologische Wirkungsweise „somatogen“ als synonym gebräuchlich.

Beispiele

Erkenntnis

Bestimmte Ansätze und Systeme bei Fragen der Erkenntnis können als Abwärts-Effekte oder vernunftgesteuerte Erkenntnisprozesse bezeichnet werden. Als Gegenstand des Kritizismus wurden sie durch Immanuel Kant (1724–1804) untersucht. Vernunftgesteuert sind Erkenntnisprozesse insbesondere aufgrund synthetischer Urteile a priori. Der Begriff der „Höhe“, der die Grundlage des anschaulichen Konzepts aus quasi räumlich übereinander geschichteten „Stufen“ darstellt, wird auch bei Kant in topologischer Hinsicht verwendet. Er schreibt: ... „alle unsere Erkenntnis hebt von den Sinnen an, geht von da zum Verstande und endigt bei der Vernunft, über die nichts Höheres in uns angetroffen wird“ (KrV B 355). Kant anerkennt somit den Grundsatz des Sensualismus von John Locke (1632–1704). Dieser lautet: „Nihil est in intellectu, quod non prius fuerit in sensibus“ (dt.: Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen gewesen wäre.) Diesen Satz hat bekanntlich schon Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) dahingehend ergänzt: „Nihil est in intellectu, nisi intellectus ipse“ (dt.: Nichts ist im Verstand, außer dem Verstand selbst.)[2.1] Kant beschränkte sich aber nicht nur auf das sensualistische Prinzip, das keineswegs als Abwärts-Effekt, sondern im Gegenteil als Aufwärts-Effekt zu verstehen ist. Bei der Verknüpfung von sinnlichem Material zum Zweck der Erkenntnis darf die Rolle der Vernunft dagegen durchaus immer noch als Abwärts-Effekt beschrieben werden. Den „aufsteigenden“ Sinnesreizen können durch die Vernunft verschiedene konkrete begriffliche Bedeutungen und Anschauungen zur Auswahl gegenübergestellt werden. Diese können in die wissenschaftliche Praxis umgesetzt werden und dabei durch Erfahrung bzw. empirisch bestätigt oder widerlegt werden. Kant war sich durchaus bewusst, damit neue Wege zu begehen. Sie sind philosophiegeschichtlich als Transzendentalphilosophie bzw. als Kopernikanische Wende bekannt.[3]

Reflexionspsychologie

Aufwärts- und Abwärts-Effekte ergänzen sich wechselseitig und können sich überschneiden. Abwärts-Effekte sind bei der kontextgestützten Ergänzung von mehrdeutigen Wahrnehmungen beteiligt. Sie werden in der Sinnesphysiologie auch als „Top-down-Verarbeitung“ oder als hypothesengesteuerter Prozess der Erkenntnis bezeichnet. Die Konzepte in unserem sprachlich-phonematischen, optisch-bildhaften Gedächtnis, manchmal auch von inneren Bildern geprägt, unserem Wissen, unseren Motiven und Erwartungen beeinflussen die Interpretation der sensiblen und sensorischen Daten.[4] In diesem erkenntnistheoretischen Sinn ist der Abwärtseffekt durchaus vergleichbar mit der Deduktion, vgl. die nach unten gerichteten Pfeile der Abb. 2. Durch „Zurückbeugung“ des Geistes auf das Ich bzw. auf das Subjekt als Aktionszentrum im Wege der Reflexion nach einem jeweils erfolgtem Vollzug des Erkenntnisakts ist eine Kritik des Erkenntnisprozesses erst möglich.[2.2]

Deskriptive Psychologie

Eine geisteswissenschaftliche Ausrichtung der Psychologie in Deutschland am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts versuchte neue logische und erkenntnistheoretische Grundlagen zu schaffen, indem sie deduktive Forschungsmethoden anwendete. Damit sollte eine Abwendung und Unterscheidung von empirisch-naturwissenschaftlichen Arbeitsweisen erfolgen. Zu den theoretischen Grundlagen zählte die Annahme, dass das Seelenleben nicht aus einfachen und getrennten Teilen zusammengesetzt sei, sondern in seinen ersten wie in seinen letzten Formen eine stets übergreifende Einheit darstelle. Nach Wilhelm Dilthey (1833–1911) sollte daher auf einfache Teile durch Zergliederung komplexer Tatbestände geschlossen werden, nicht umgekehrt.[5][6][7][8.1][8.2] Ganz im Sinne Kants, der die Anschauung als maßgeblich für die Vernunfterkenntnis eines gegebenen Gegenstandes hielt, sprach Edmund Husserl (1859–1938) von Wesensschau.[9]

Krankheiten

Die essentielle Hypertonie wird oft als Beispiel eines psychogenetisch bedingten längerfristig anhaltenden Blutdruckanstiegs angenommen. Auch für die Anorexia nervosa werden psychogene Ursachen angenommen, die sich in biologischen Merkmalen äußern, siehe auch → Holy Seven. Nicht nur bei Krankheiten, sondern auch bei Befindlichkeitsstörungen können Abwärts-Effekte als Ausdruck psychogener Ursachen angenommen werden. Hier sind meist psychobiologische Zusammenhänge zu beachten, indem von höheren Zentren ausgehende Impulse, ggf. Limbisches System, unterschiedliche vegetative Funktionen steuern.[1.2] Diese „höheren Zentren“ sind zu verstehen im Sinne des Niveauschemas der Reizbeantwortung.

Integrationsebenen

Man kann Abwärts-Effekte nach Thure von Uexküll (1908–2004) auch als Wirkungen beschreiben, die von der komplexeren (höheren) Integrationsebene auf eine weniger komplexe (niedrigere) ausgeübt werden. Abwärts-Effekte entsprechen damit den eigentlichen psychosomatischen Wirkungen im Gegensatz zu den somatopsychischen Effekten, bei denen etwa der Blutdruckabfall nach einem Herzinfarkt zu einer Trübung des Bewusstseins führt (Aufwärts-Effekt).[1.3]

Psychophysische Korrelation

Die Modellvorstellung der psychophysischen Korrelation reduziert die unterschiedlichen Ebenen der Integration auf eine psychische und eine physische, siehe Abb. 3.[10]

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Thure von Uexküll (Hrsg. u. a.): Psychosomatische Medizin. 3. Auflage, Urban & Schwarzenberg, München 1986, ISBN 3-541-08843-5
    1. S. 613, 732, 773, 1286, 1288 f. zu Stw. „Abwärts-Effekt“.
    2. S. 613 zu Stw. „Anorexia nervosa“, S. 732 zu Stw. „Essentielle Hypertonie“.
    3. S. 732 zu Stw. „Integrationsebenen“.
  2. Heinrich Schmidt: Philosophisches Wörterbuch (= Kröners Taschenausgabe. 13). 21. Auflage, neu bearbeitet von Georgi Schischkoff. Alfred Kröner, Stuttgart 1982, ISBN 3-520-01321-5.
    1. S. 492 zu Lemma „Nihil est in intellectu ...“
    2. S. 576 zu Lemma „Reflexion“
  3. Uwe Schultz: Immanuel Kant in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt Taschenbuch, Bildmonographien, Reinbek bei Hamburg, Jan. 1965; S. 98 ff. zu Stw. „Kopernikanische Wende“.
  4. Philip G. Zimbardo, Richard J. Gerrig: Psychologie. Pearson, Hallbergmoos bei München 2008, ISBN 978-3-8273-7275-8; S. 110, 152–154 zu Stw. „Top-down-Prozesse“.
  5. Wilhelm Dilthey: Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie. Leipzig, 1894.
  6. Paul Naffin: Einführung in die Psychologie. 5. Auflage, Ernst Klett, Stuttgart, 1956; S. 196 zu Stw. „Grundlagen der geisteswissenschaftlichen Psychologie“.
  7. Karl Jaspers: Allgemeine Psychopathologie. 9. Auflage. Springer, Berlin 1973, ISBN 3-540-03340-8; S. 14 zu Kap. „Vorurteile“, Stw. „Umgang mit deduktiver Forschungsweise“.
  8. Wilhelm Karl Arnold et al. (Hrsg.): Lexikon der Psychologie. 3 Bd., Bechtermünz, Augsburg 1996, ISBN 3-86047-508-8
    1. Sp. 706 ff. zu Lemma „Geisteswissenschaftliche Psychologie und Methoden“.
    2. Sp. 2481 f. zu Lemma „Verstehende Psychologie“, Stw. „deduktive Verfahrensweise“.
  9. Edmund Husserl: Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie. Martinus Nijhoff, Haag 1950-52.
  10. Uwe Henrik Peters: Wörterbuch der Psychiatrie und medizinischen Psychologie. 3. Auflage, Urban & Schwarzenberg, München 1984; S. 449 zu Stw. „Psychophysische Korrelation“ s. Wb.-Lemma „Psychopathologie“.