Abendschauer über der großen Brücke in Atake

Abendschauer über der großen Brücke in Atake

(大はしあたけの夕立, Ōhashi atake no yūdachi)

Utagawa Hiroshige, 1857
Holzschnitt
33,7 × 22,2 cm

Abendschauer über der großen Brücke in Atake oder auch Plötzlicher Schauer über der Shin-Ōhashi-Brücke und Atake (大はしあたけの夕立, Ōhashi atake no yūdachi) ist der Titel eines Farbholzschnitts des japanischen Künstlers Utagawa Hiroshige. Das Werk wurde 1857 als Blatt Nr. 58 oder Nr. 52[1] der Serie 100 berühmte Ansichten von Edo veröffentlicht und ist eines der bekanntesten Drucke von Hiroshige. Der Holzschnitt zeigt Menschen, die versuchen, während eines heftigen Regens eine weitläufige Brücke in Edo, dem heutigen Tokio, zu überqueren.

Bildbeschreibung

Abgebildet ist, von unterhalb der Bildmitte rechts diagonal abwärts strebend, die hölzerne Große Brücke in Atake über den Sumida-Fluss, die zugleich ein Wahrzeichen der Hauptstadt Edo war. Der massive Unterbau aus Stützpfeilern nimmt den unteren Teil der Abbildung ein. Zwei Frauen und fünf Männer überqueren die Brücke und schützen sich mit Schirmen, Strohmatten oder einem Hut gegen den plötzlich einsetzenden Regenschauer, der aus dunklen Wolken am oberen Bildrand fällt. Der Regen, dargestellt durch schräge, nach links verlaufende und einander kreuzende Linien, erscheint wie ein Vorhang vor der Szenerie.

Im mittleren Bildteil erkennt man links einen Bootsmann, der sein mit Bauholz beladenes Floß den Fluss hinunterstakt. Vom gegenüberliegenden Stadtteil Atake ist nur schemenhaft in dunklen Grautönen der Wald entlang des Ufers zu erkennen. Die drei hellen Dreiecke am linken Blattrand deuten Bootshäuser an. Darüber erstreckt sich in einem hellen Blaugrau der wolkenverhangene Himmel. Das baumbestandene Ufer verläuft von rechts diagonal aufwärts durch die obere Bildhälfte, so dass die Abbildung insgesamt in drei Trapeze unterteilt wird, die den Himmel, den Fluss und die Brücke einfassen.

Die Brücke und Atake

Die abgebildete Brücke wurde 1694 errichtet und war die dritte Brücke über den Sumida-gawa (Sumida-Fluss). Man nannte sie offiziell Shin Ōhashi (Neue große Brücke), um sie von der älteren Ryōgoku-Brücke zu unterscheiden, die damals noch Ōhashi genannt wurde und flussaufwärts lag. Sie zählte zu den fünf wichtigsten Brücken in Edo. Die Neue große Brücke, die bei den Einwohnern bald einfach Ōhashi hieß, musste mehr als zwanzigmal erneuert werden, weil sie angebrannt oder durch Überschwemmungen beschädigt worden war. 1885 wurde sie im modernen Stil wiedererrichtet und 1912 im Eisenfachwerkstil neugestaltet. 1976 ersetzte man die alte Brücke schließlich durch eine 170 Meter lange und 24 Meter breite stählerne Hängebrücke.

Atake war die volkstümliche Bezeichnung für eine Gegend am Ostufer des Sumida-Flusses, in der die Bootshäuser und Werften der Shogune lagen. Der Name leitet sich von Atake-maru, einem der großen Kriegsruderboote ab, die im 17. Jahrhundert gebaut wurden. Das prachtvolle Schiff, das den Shogunen für repräsentative Zwecke diente, lag hier regelmäßig vor Anker, wurde aber noch vor dem Bau der Neuen großen Brücke abgewrackt. Heute gehört die Ufergegend zum Stadtteil Shin-Ōhashi des Tokioter Bezirks Kōtō.

Inschriften

Am oberen rechten Bildrand ist die quadratische Titelkartusche in Form eines japanischen Gedichtblattes zu erkennen. Die Inschrift auf Braun-Grün-Beige-Tönen lautet Ōhashi atake no yūdachi (Abendschauer über der Großen Brücke in Atake). Mit yūdachi (夕立) bezeichnet man im Japanischen einen Abendschauer oder auch einen plötzlichen Regenschauer, der im Sommer häufig nachmittags oder abends auftritt.[2] Auf dieser Doppelbedeutung beruhen auch die Titelvarianten Abendschauer und Plötzlicher Schauer. Der Hintergrund der Titelkartusche variiert je nach Druckversion. Daneben wird in einer rechteckigen Kartusche mit schwarzer Tinte auf rotem Untergrund der Titel der Serie wiedergegeben: Meisho Edo hyakkei (名所江戸百景; 100 berühmte Ansichten von Edo). Am rechten oberen Rand, außerhalb der Bildfläche ist rechts das runde Zensursiegel aratame (改; geprüft) und links davon das ovale Datumssiegel mi, kyū (巳九; Schlange, neun) zu sehen. Das Datum entspricht annähernd dem 9. Monat 1857.

Am unteren linken Bildrand befindet sich in einer rechteckigen, roten Kartusche die Signatur des Künstlers Hiroshige ga (廣重画). Links daneben, außerhalb des Bildes ist das Signum Shitaya Uoei (下谷魚栄) des Verlegers Sakanaya Eikichi zu sehen.

Herstellung

Ein Charakteristikum der 100 berühmten Ansichten von Edo ist die herausragende Arbeit der Holz- und Plattenschneider und der Drucker. Die Holzschneider nutzen die auf eine Kirschholzplatte aufgeklebte Tuschezeichnung Hiroshiges, um die Konturen entsprechend herauszuarbeiten. Eine besondere Herausforderung stellte die Vielzahl der unterschiedlich feinen Stege für den Regen dar, die aus der Holzplatte freigelegt werden mussten. Diese Konturenplatte diente als Vorlage für die verschiedenen Farbplatten.

Die Drucke sind im vertikalen ōban-Format (ca. 39 × 26 cm) ausgeführt. Die bedruckte Fläche ist an allen vier Seiten mit einer dünnen schwarzen Linie von der unbedruckten Papierfläche abgegrenzt. Die Ecken sind nach innen abgerundet, so dass sich zusammen mit den Rändern der Eindruck eines gerahmten Bildes ergibt. Die Drucker hatten beim Farbauftrag auf die verschiedenen Farbplatten einigen Spielraum, da beim Druck des Abendschauers die Drucktechnik atenashi bokashi (nicht angegebene Farbgradierung) besonders elaboriert zur Anwendung kam. Dabei wird die wolkenartige Farbgradierung auf einem von der Holzplatte nicht vorgeschriebenen Bereich aufgebracht. Daher fallen die unregelmäßigen schwarzen Wolken am oberen Bildrand auf jedem Abzug etwas anders aus.

Allem Anschein nach fertigte Hiroshige verschiedene Versionen dieser Komposition an, denn die erste, sehr seltene Version zeigt die Dreiecke der Bootshäuser in leuchtendem Weiß und zwei weitere Boote nahe dem Ufer am rechten Bildrand. Kurz nach den ersten Abzügen des Entwurfs muss die Komposition zu der vorliegenden Version verändert worden sein, die nach allgemeiner Auffassung stimmiger und wirkungsvoller ist. Die besondere Farbgradierung auf der Brücke ist ein Kennzeichen dieser begehrten zweiten Version. Die Bäume im Hintergrund wurden in späteren Drucken stärker hervorgehoben, während man die drei Bootshäuser immer weniger betonte. Spätere Nachdrucke sind daran zu erkennen, dass sie farblich einfacher gestaltet und hinsichtlich der Farbgradierungen weniger ausgearbeitet sind. Insbesondere der Farbakkord Braun-Grün-Beige im Hintergrund der Titelkartusche wird auf weniger Farben reduziert. Die abnehmende Qualität war sicherlich auch der Abnutzung der Holzplatten geschuldet.

Hintergrund

Hiroshiges 100 Ansichten von Edo dienten nicht nur zur Unterhaltung, sondern auch zur Information über besondere Ereignisse, da die Entstehung der Serie in eine politisch und gesellschaftlich turbulente Zeit fällt. 1855 hatte das schwere Ansei-Edo-Erdbeben die Stadt erschüttert und eine Feuersbrunst entfacht, wodurch zahlreiche Stadtviertel zerstört wurden und etwa 10.000 Menschen den Tod fanden. Hiroshiges Bilder zeigen aber nicht die Zerstörungen und menschlichen Tragödien, sondern dokumentieren, wenn auch meist nur im Hintergrund, den Wiederaufbau der Stadt. Die Bootshäuser in der vornehmen Gegend von Atake, die zum Besitz der Shogune gehörten und kurz zuvor wiedererrichtet worden waren, sind schemenhaft angedeutet und bieten Gesprächsstoff über die voranschreitenden Arbeiten.

Hiroshiges Darstellungen enthalten häufig einen narrativen Aspekt und erwecken den Anschein, dass ein Handlungsablauf dargestellt wird. So vermittelt die schwarze Farbabstufung am oberen Bildrand den Eindruck eben erst heraufgezogener Gewitterwolken. Da sich drei Männer einen Schirm teilen, um sich vor dem Regen zu schützen, liegt der Schluss nahe, dass sie von dem Schauer überrascht wurden. Der Bootsmann im Hintergrund könnte mit seinem Floß die nahegelegenen Fukagawa-Holzhöfe ansteuern, um dort Schutz zu suchen. In der Darstellung ist also das Element der Zeit einkalkuliert. Insofern kann man die suggestive Bildtechnik auch als proto-filmisch bezeichnen.

Hiroshige wählte in zahlreichen Blättern der 100 Ansichten von Edo die in der japanischen Maltradition verankerte Vogelperspektive, bei der man von einem erhöhten Standpunkt auf die Landschaft blickt. Die Raumtiefe wird dabei konventionell durch Übereinanderschichten von Bildebenen erzeugt. Daher gibt es keinen Fixpunkt, der das Bildzentrum definiert. Die Zentralperspektive, die einen solchen Fixpunkt liefert, war kein konstituierendes Prinzip in der japanischen Bildgestaltung. Der Betrachtende sieht sich stattdessen veranlasst, seinen Blick durch das Bild wandern zu lassen.

Die Einzelblätter der 100 Ansichten ordnete man zur Veröffentlichung in einem Sammelband nach den vier Jahreszeiten und gruppierte sie nach regionalen und thematischen Gesichtspunkten. Daher ließ man auf den Abendschauer über der großen Brücke in Atake eine Ansicht der weiter flussaufwärts gelegenen Ryōgoku-Brücke folgen. Der Blick des Betrachters ist wieder nach Osten gerichtet und schweift aus der Vogelperspektive über die Brücke im Vordergrund und das stadtauswärts gelegene Ufer des Sumida-Flusses im Hintergrund. Die Ryōgoku-Brücke mit großem Flussufer ist ein weiteres Beispiel für die Unterteilung des Bildraums durch Diagonalen als wiederkehrendes Gestaltungsschema in Hiroshiges Bildern.

Rezeption

Die 100 berühmten Ansichten von Edo waren nicht nur in Japan ein großer Erfolg, sondern fanden auch in Europa große Verbreitung. Insbesondere der Druck Abendschauer über der großen Brücke in Atake erregte Aufsehen, da die Darstellungsweise von Regen als diagonale Linien unbekannt war. Der sogenannte Hiroshige-Regen wurde daraufhin von zahlreichen westlichen Künstlern adaptiert. Vincent van Gogh besaß einen Abdruck vom Abendschauer und stellte eine Kopie mit dem Titel Die Brücke im Regen (nach Hiroshige) her. Die satte Feuchtigkeit und die abendliche Atmosphäre, die das Bild vermittelt, findet sich wieder in James McNeill Whistlers Nocturnes und seinen Bildern der Old Battersea Bridge. Der Holzschnitt wird heute zu bekanntesten Werken der 100 Ansichten und bedeutendsten Arbeiten von Hiroshige gezählt.

Literatur

  • Andreas Marks: Japanische Holzschnitte. Taschen Verlag, Köln 2024, ISBN 978-3-8365-8552-1, S. 88–89.
  • Adele Schlombs: Hiroshige. Taschen Verlag, Köln 2022, ISBN 978-3-8365-0015-9, S. 60.
  • Melanie Trede, Lorenz Bichler: Hiroshige. Hundert berühmte Ansichten von Edo. Taschen Verlag, Köln 2022, ISBN 978-3-8365-5659-0, S. 46–47, 59–61, 330–333.
  • Mikhail Uspensky: Hiroshige. Hundert Ansichten von Edo. Sirrocco Verlag, London 2005, ISBN 978-1-904310-17-4, S. 131–132.
Commons: Abendschauer über der großen Brücke in Atake – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Die unterschiedliche Nummerierung ergibt sich aus den beiden Möglichkeiten, wie das Inhaltsverzeichnis auf dem Titelblatt der 100 Ansichten zu lesen ist.
  2. 夕立. Japanese dictionary, abgerufen am 9. November 2025.