Abencerragen

Die Abencerragen (aus dem arabischen بنو السراج Banu s-Saradsch, DMG Banū s-Sarāǧ, spanisch Abencerrajes; 'Söhne des Sattlers') waren ein edles maurisches Geschlecht im Emirat von Granada. Ihren Namen erhielten sie nach einem Mitglied der Familie, Yūsuf ibn 's-Sarrāǧ, dem Wesir und Vertrauten des Emirs Mohammed IX. von Granada (um 1384–1453); sie wurden durch ihren tragischen Untergang bekannt.

Geschichte

Über die frühe Geschichte der Abencerragen ist nichts bekannt. Erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts, also kurz vor der Eroberung des Königreiches Granada durch die Christen, traten sie ins Licht der Öffentlichkeit. Im letzten Jahrhundert des nasridischen Emirats traten sie wiederholt als „Königsmacher“ auf und nahmen Einfluss auf die Thronfolge des Emirats, ähnlich wie die Banu Ashqilula zu Beginn der Nasriden-Herrschaft. 1419 tauchen sie erstmals in den Chroniken auf, als sie maßgeblich am Sturz von Muhammad VIII. und der Einsetzung von Muhammad IX. als Emir beteiligt waren. Als Muhammad VIII. 1427 den Thron zurückeroberte, versuchte er die Abencerragen zu versöhnen und sicherte ihnen Straffreiheit zu, doch zog Yūsuf ibn 's-Sarrāǧ an den kastilischen Hof und erlangte die Unterstützung des Königs Juan II. Das Spiel wiederholte sich, als die Abencerragen 1445 Yusuf V. auf den Thron verhalfen, doch entzogen sie ihm wegen seiner Unbeliebtheit bei der Bevölkerung schon im Jahr darauf ihre Unterstützung. Nach dem Tod Muhammads IX. 1453 nahmen die Abencerragen erneut Einfluss auf die Machtkämpfe, indem sie Muhammad XI. stürzten und an seiner Stelle Abu Nasr Saʿd installierten. Saʿd entzog den Abencerragen allerdings nach dem Abschluss eines Waffenstillstands mit Kastilien 1462 seine Gunst und ließ zwei bedeutende Familienmitglieder hinrichten. Als Folge erhoben die Abencerragen erneut Yusuf V. zum Emir. Als Saʿd im Folgejahr zurückkehrte, verbündeten sich die Abencerragen mit dessen Sohn Abu l-Hasan Ali („Mulay Hacén“), der somit seinen Vater stürzen konnte. Auch Abu l-Hasan Ali entzog den Abencerragen später seine Gunst und suchte Unterstützung bei deren Rivalen, woraufhin die Sippe zunächst dessen Bruder Muhammad XIII. („El Zagal“) und später Abu l-Hasan Alis Sohn Muhammad XII. („Boabdil“) unterstützten.[1]

Die Abencerragen waren nach der – allerdings romanhaften – Historia de las guerras civiles de Granada des Ginés Pérez de Hita (Alcalá 1604) mit den Zegris in Zwist geraten und standen auch dem Emir Abu l-Hasan Ali in geheimer Feindschaft gegenüber. Im Jahr 1482 sollen sie dessen Sohn Muhammad XII. (genannt Boabdil) an die Macht gebracht haben. Als nun Abu l-Hasan Ali von der Liebschaft zwischen einem der Abencerragen und seiner Schwester Zoraide erfahren hatte, ließ er sie mit Hilfe der Zegris in die Alhambra locken und hier bis auf wenige, welche entrannen, ermorden.[2]

Vom sogenannten Abencerragen-Palast an der inneren Wehrmauer des Alhambra-Komplexes, den die Familie bewohnt haben soll, sind nur die Grundmauern erhalten, da das Gebäude 1812 von französischen Truppen gesprengt wurde und 1957 weiteren Schaden nahm, als die Ruine als Steinbruch für die Errichtung eines Parkplatzes zweckentfremdet wurde.[3] Des Weiteren wird ein Raum des Löwenpalasts der Alhambra seit dem 16. Jahrhundert „Saal der Abencerragen“ genannt, weil er der (historisch ungenauen) Überlieferung zufolge Schauplatz des Mordes gewesen soll.[4] Dies hat ihren Ursprung in den rötlichen Eisenoxid-Flecken in der Brunnenschale in diesem Raum, die man mit dem an den Abencerragen vergossenen Blut assoziierte.[5] De facto war dieser Raum aber Teil der privaten Palastanlagen und somit nicht Schauplatz des Politmordes.

Bearbeitung des Stoffes

Diese mehr oder weniger sagenhafte Begebenheit liegt der Erzählung Gonsalve de Cordoue von Jean-Pierre Claris de Florian zugrunde, nach der Victor-Joseph Étienne de Jouy das Textbuch zu Luigi Cherubinis Oper Les Abencérages („Das Feldlager in Granada“; 1813) bearbeitete, sowie der bekannten Erzählung Les aventures du dernier Abencerage (1826) von Chateaubriand.[6] Auch Gaetano Donizettis Oper Zoraida di Granata geht auf diese Geschichte zurück.

Literatur

  • Rachel Arié: La visión de la Alhambra en ciertas obras románticas. In: José Antonio González Alcantud, Antonio Malpica Cuello (Hrsg.): Pensar la Alhambra. Anthropos Editorial, Rubí (Barcelona) 2001, ISBN 84-7658-605-1, S. 201–223, hier S. 204–206; eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche.
  • Luis Seco de Lucena Paredes: Los Abencerrajes. Leyenda e Historia. F. Roman, Granada 1960, OCLC 643401815.
Commons: Abencerrajes – Sammlung von Bildern
Wikisource: Abencerragen – Artikel aus Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage

Einzelnachweise

  1. Arnold Hottinger: Die Mauren. Arabische Kultur in Spanien. Wilhelm Fink Verlag, München 2005, ISBN 3-7705-3075-6, S. 308–313.
  2. Ginez Perez de Hita: Die Geschichte der Bürgerkriege von Granada. Band II. Aus dem Altspanischen übertragen von Paul Weiland. Georg Müller Verlag, München 1913. Dreizehntes Kapitel, in welchem erzählt wird, was dem König Chico und seinem Volke zustößt, als sie gegen Jaen zogen. Und von dem großen Verrate, welchen die Zegri und Gomel gegen die Maurenkönigin und die Abencerragen anstifteten, und deren Tod im Projekt Gutenberg-DE
  3. James Dickie: Die Paläste der Alhambra. In: Almut von Gladiß (Hrsg.): Schätze der Alhambra: islamische Kunst in Andalusien. Ausstellung in den Sonderausstellungshallen am Kulturforum Berlin, 29. Oktober 1995 bis 3. März 1996. Ausstellungskatalog. Skira, Milano 1995, ISBN 88-8118-034-0, S. 67–90, hier S. 87.
  4. Jesús Bermúdez López, Pedro Galera Andreu: Die Alhambra und der Generalife. Offizieller Führer. Editorial Camores, Granada o. J., ISBN 84-8151-853-0, S. 119.
  5. Aurelio Cid Acedo: Die Alhambra aus der Nähe betrachtet. Edilux, Granada 2000, ISBN 84-87282-38-5, S. 110.
  6. Les aventures du dernier Abencerage, François-René de Chateaubriand, Webseite der Gallica Bibliothèque Numérique, französisch