Abdelmajid Charfi
Abdelmajid Charfi (arabisch عبد المجيد الشرفي, geboren 24. Januar 1942 in Sfax) ist ein tunesischer Islamwissenschaftler, der sich auf islamische Zivilisation und Philosophie spezialisiert hat.
Charfi ist emeritierter Professor an der Universität Tunis. Ein Anliegen seiner wissenschaftlichen Arbeit besteht darin, den Koran aus einer internen Perspektive und unter Einsatz der intellektuellen Instrumente des 21. Jahrhunderts zu untersuchen, im Sinne einer zeitgenössischen Koranexegese.
Leben und Wirken
Charfi wurde in eine muslimische Familie geboren, deren Wurzeln auf das islamische Andalusien (Al-Andalus) zurückgehen und die sich im 14. Jahrhundert in Sfax niederließ und im 18. Jahrhundert zahlreiche religiöse Gelehrte hervorbrachte, so u. a. Ulema, Qādīs, Imame und Muftis hervorbrachte.
Nach seinem Studium wurde ihm im Jahre 1982 von der Universität Tunis der Doktortitel in Literaturwissenschaften verliehen.
Als Professor für islamische Zivilisation und Philosophie war er von 1983 bis 1986 Dekan der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften in Tunis. Zwischen 1988 und 1989 fungierte er zudem als Sonderberater im Ministerium für Hochschulbildung (französisch Ministère de l'Enseignement supérieur et de la Recherche scientifique (Tunisie)).[1]
Er leitete nationale Auswahlkommissionen für verschiedene Ebenen des Hochschulsystems und gehörte dem Nationalen Bewertungsausschuss (1993–1996) sowie dem Rat der Arabischen Stiftung für Modernes Denken an. Von 1999 bis 2003 hatte er den UNESCO-Lehrstuhl für Vergleichende Religionswissenschaft inne.
Er ist Mitglied der Lenkungs- oder Redaktionsausschüsse mehrerer Fachzeitschriften, darunter die „Revue tunisienne de sciences sociales“, „Les Cahiers de Tunisie“, „Institut des belles-lettres arabes à Tunis“ (IBLA), „Islamochristiana, Études maghrébines“, „Revue arabe des droits de l'homme et Prologues“.[2]
Außerdem gehört er der Commission des libertés individuelles et de l'égalité („Kommission für individuelle Freiheiten und Gleichheit“), der Haute instance pour la réalisation des objectifs de la révolution, de la réforme politique et de la transition démocratique („Hohen Behörde für die Verwirklichung der Ziele der Revolution, der politischen Reform und des demokratischen Übergangs“), dem Conseil économique et social („dem Wirtschafts- und Sozialrat“) in den Jahren zwischen 1993 und 1997 sowie dem Conseil supérieur islamique tunisien („dem Tunesischen Obersten Islamischen Rat“) an.
Als Gastprofessor hält er Vorträge an zahlreichen europäischen Universitäten, darunter Paris-IV, Lyon-II, Rom (Universität La Sapienza und Päpstliches Institut für Arabische und Islamische Studien) sowie in Berlin, Leiden und Genf.
Als Herausgeber der Reihe Ma'âlim al-Hadâtha (arabisch معالم الحداثة ‚Merkmale der Moderne‘) bei Sud Éditions und der Reihe Al-islâm wâhidan wa muta'addidan („Der Islam: einer und viele“) bei Dâr Taliaa wurde er am 15. Dezember 2015 und erneut am 27. März 2021 vor der Tunesischen Akademie der Wissenschaften, Literatur und Künsten gewürdigt.
Charfi leitete zudem die Entstehung des 2016 erschienenen Buches Le Coran et ses lectures („Der Koran und seine Lesarten“), einer kritischen Edition, die den Koran in seinen historischen Kontext stellt. Das Werk wurde in Saudi-Arabien auf den Index gesetzt und verboten. Im Jahr 2021 ehrte die dritte Ausgabe der Tunesischen Nationalen Buchmesse sein gesamtes wissenschaftliches Œuvre.[3]
Zielsetzungen
Abdelmajid Charfi setzt sich für die Demokratisierung arabisch-muslimischer Gesellschaften und die Säkularisierung der politischen Landschaft in dieser Weltregion ein. In seinen Publikationen sucht er nach fortschrittlichen Lösungen, um zeitgenössische Muslime mit ihrer Religion und der Moderne in Einklang zu bringen. Die in seinem Werk herausgearbeitete Alternative lässt sich dem theologischen Liberalismus zuordnen. In seinen Schriften verteidigt er die Möglichkeit der Modernisierung des islamischen Denkens, sofern man sich ihm mit wissenschaftlichem und kritischem Bewusstsein nähert. Nach Charfi kann eine Reform (arabisch تجديد tajdīd[4]) aber nur dann gelingen, wenn sie auf einer historischen Analyse der arabisch-islamischen Tradition und ihrer Wissensbestände aufbaute. Diese Analyse versteht er als ein methodisches und erkenntnistheoretisches Werkzeug, das die Grenze zwischen dem „Heiligen“ und dem „Menschlichen“ sichtbar machte und damit den historischen Islam von der überlieferten Botschaft unterschiede.
Abdelmajid Charfi beschränkte sich nicht auf Theorie und Lehre; er widmete sich auch der Entwicklung und Stärkung des interreligiösen Dialogs zwischen Islam und Christentum.
Veröffentlichungen (Auswahl)
- arabisch مقامع الصلبان Maqāmi' as-sulbān, Tunis, Centre d'études et de recherches économiques et sociales, 1975
- arabisch الرسالة الأصغدية Ar-Risāla al-asgadiyya, Tunis, Maison arabe du livre, 1976
- arabisch الفكر الإسلامي في الرد على النصارى La pensée islamique et ses réponses aux chrétiens, Tunis, Maison tunisienne de l'édition, 1986, rééd. Dâr Madar, Beyrouth, 2007
- arabisch الإسلام و الحداثة L'Islam et la Modernité, Tunis, Maison tunisienne de l'édition, 1991, rééd. Dâr Taliaa, Beyrouth, 2009
- arabisch الإسلام بين الرسالة و التاريخ L'islam entre le message et l'histoire, Beyrouth, Dâr Taliaa, 2001
- Le fait religieux. Tunis, Sahar édition, 2005
- zusammen mit Murad Hofmann, arabisch مستقبل الإسلام في الغرب و الشرق L'avenir de l'Islam à l'Ouest et à l'Est, Damas, Dâr Al Fikr, 2008
- La Pensée islamique, rupture et fidélité. Paris, Albin Michel, coll. « L'islam des lumières », 2008, ISBN 978-2-226-18281-4
- arabisch تحديث الفكر الإسلامي Modernisation de la pensée islamique, Beyrouth, Dâr Al Madar Al Islami, 2009
- arabisch لبنات، 3 مجلدات Pensées, Tunis, Sud Éditions, 2011
- Révolution, modernité, islam. Tunis, Sud Éditions, 2012
- arabisch مرجعيات الإسلام السياسي Références de l'Islam politique, Beyrouth, Tanwir, 2014
- arabisch البداهات الزائفة في الفكر الإسلامي Les fausses évidences dans la pensée islamique, Tunis, Med Ali, 2022
- L'esprit et la lettre. Tunis, Sud Éditions, 2022
- Charfi, A. , Filali-Ansary, Abdou , Ahmed, Sikeena , Bond, David (Hrsg.). (2009). Islam : Between Message and History Vol. 1, auf ecommons.aku.edu [4]
Weblinks
- Abdelmajid Charfi, Docteur ès lettres, Professor der Islamwissenschaft Universität Tunis bei wiko-berlin.de
Einzelnachweise
- ↑ Shortbiography, Abdelmajid Charfi January 24, 1942 , Sfax (Tunisia), auf beitalhikma.tn [1]
- ↑ Ghaleb Bencheikh: Grande figure : Abdelmajid Charfi. sur Institut du monde arabe, 15 janvier 2015, auf imarabe.org [2]
- ↑ Frida Dahmani: Abdelmajid Charfi, islamologue : "Dépasser la lecture littéraliste du Coran." Jeune Afrique, 5 août 2018, ISSN 1950-1285, auf www.jeuneafrique.com [3]
- ↑ Tajdīd (تجديد) ist das arabische Wort für eine Erneuerung und bezeichnet im islamischen Kontext die Wiederbelebung und Reform des Islam. Es zielt darauf ab, die ursprünglichen Prinzipien der Religion wiederherzustellen und die Gesellschaft zu erneuern, um Ungerechtigkeit zu bekämpfen und sie in Übereinstimmung mit dem Koran und der Sunna zu bringen