4-D-Modell

Das 4-D-Modell ist eine Weiterentwicklung des 3-D-Tests für Antisemitismus. Es gibt Kriterien vor, die den Inhalt und die Argumentation von antisemitischen Äußerungen, insbesondere von Verbal-Antisemitismen des israelbezogenen Judenhasses, zu erkennen und zu dechiffrieren helfen.[1.1][2][3]

Hintergrund

Das erweiterte Modell wurde auf der Basis von Natan Scharanskys 3-D-Test für Antisemitismus zur Abgrenzung von legitimer politischer Kritik und Israel bezogenem Antisemitismus von der Kognitionswissenschaftlerin Schwarz-Friesel und dem Historiker Reinharz entwickelt und eingeführt. Die 3-D-Regel ist als erste Orientierung hilfreich, bedarf aber der Präzisierung, um die antisemitische Semantik und Rhetorik von Verbal-Antisemitismen klar und unzweideutig klassifizieren zu können.[4]

Monika Schwarz-Friesel und Jehuda Reinharz etablierten deshalb 2013 mit dem Merkmal der De-Realisierung ein entscheidendes viertes Kriterium, welches Dämonisierung, Delegitimierung und Doppelstandard übergeordnet ist.[5] De-Realisierung entsteht, wenn „ein mentales Deutungsschema zu einem außersprachlichen Sachverhalt […] dazu führt, dass dieser Sachverhalt verzerrt, eingeengt oder komplett falsch wahrgenommen und bewertet wird. Das Kriterium der Falschheit oder Verzerrung ergibt sich aus der Inkongruenz zwischen subjektiver Betrachterperspektive und objektiver bzw. intersubjektiver Sachlage.“[5.1]

4-D-Modell

Schwarz-Friesel elaborierte und präzisierte dann in den folgenden Jahren das 4-D-Modell:

  • De-Realisierung betrifft das kontrafaktische Verhältnis von Sprache und Welt. So wie Juden seit 2000 Jahren verzerrt und bar jeder Realität dargestellt werden, so wird der jüdische Staat im Blick des Antisemiten dämonisierend und diffamierend perspektiviert. Es entsteht eine Phantasmen-Realität durch die Projektion anti-judaistischer Konzepte auf Israel.[1] Nicht das reale Israel ist Grundlage der Diffamierung, sondern die judenfeindliche Konzeptualisierung.[5.2][6.1] Aus diesem Projektionskonstrukt und Zerrbild ergeben sich dann entsprechend die drei Ds:
  • Dämonisierung. Mittels Dysphemismen, u. a. durch NS-Vergleiche wie SS-Israel oder Zionismus ist Nazismus und Dehumanisierungen wie Teufelspack, Unmenschen werden Israelis, so wie im Mittelalter alle Juden, und der jüdische Staat als „Welten-Übel“ verteufelt. Diese Semantik wird durch die kommunikative Strategie der Diskreditierung reproduziert.
  • Delegitimierung. Hierbei erfolgt die Infragestellung des Existenzrechts Israels z. B. durch geschichtsfälschende Diskreditierungen seiner Gründung als „Kolonialisierung“ oder die Forderung, nicht auf den jüdischen Charakter eines Nationalstaats zu pochen. Dies entspricht der uralten Hybris gegenüber Juden, nicht auf ihrem Jüdischsein zu beharren, sondern sich anzupassen[7]. Zu den Strategien der Delegitimierung gehört auch die Täter-Opfer-Umkehr mit dem kausalen Argument, Israelis seien selbst schuld, wenn ihnen Gewalt zugefügt werde, sowie der kollektiven Schuldzuweisung, alle Juden weltweit für den Nahostkonflikt verantwortlich zu machen. Dies sind generell typische Merkmal der „Israelisierung des Antisemitismus“.[8]
  • Doppelstandard. Ein unikaler Maßstab der Bewertung (z. B. kodiert durch Superlativ- und Hyperbelkonstruktionen wie der schlimmste Unrechtsstaat oder die größte Gefahr für den Weltfrieden) wird angelegt, so erfolgt z. B. seit Jahrzehnten bei jedem Krieg die Infragestellung des Selbstverteidigungsrechts Israels, welches als Genozid oder Völkermord umgedeutet und entwertet wird. Unikal ist dabei auch, dass antisemitische Hass-Rhetorik als Meinungs-, Kunst- oder Debattenfreiheit deklariert wird, während dies bei Rassismus und Xenophobie nicht der Fall ist.

Schwarz-Friesel führt die drei Kriterien direkt zurück auf die klassischen Sprachgebrauchsmuster und die Semantik des Anti-Judaismus: Fixierung durch Stereotype, Entwertung und Abgrenzung.[5.3][6.2] Entsprechend charakterisiert sie antisemitische Rhetorik als „Wiederholung der Wiederholung“[6.3][3] und als „Echo der Vergangenheit“[9]: Judenfeindliche Semantik wird in beständigen Anpassungen an Epoche, Zeitgeist und Situation opportun angepasst, die Inhalte der Entwertung jedoch bleiben stets gleich.

Einzelnachweise

  1. Monika Schwarz-Friesel: Toxische Sprache und geistige Gewalt. Wie judenfeindliche Denk- und Gefühlsmuster seit Jahrhunderten unsere Kommunikation prägen. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Narr Attempto, Tübingen 2025, ISBN 978-3-381-14341-2.
    1. S. 126
  2. MFFB Videos: Vortrag von Prof. Monika Schwarz-Friesel (TU Berlin): Wann ist es Antisemitismus? auf YouTube, 16. Mai 2025, abgerufen am 16. September 2025 (Mideast Freedom Forum Berlin).
  3. a b Monika Schwarz-Friesel: Israelbezogener Antisemitismus und der lange Atem des Anti-Judaismus – von ‚Brunnenvergiftern, Kindermördern, Landräubern‘. 7. Januar 2021, abgerufen am 15. September 2025 (deutsch).
  4. 3D-Regel. Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 23. Juli 2025; abgerufen am 15. September 2025 (deutsch).
  5. Monika Schwarz-Friesel, Jehuda Reinharz: Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert. De Gruyter, 2012, ISBN 978-3-11-027772-2, doi:10.1515/9783110277722/html (degruyterbrill.com [abgerufen am 15. September 2025]).
    1. S. 209
    2. S. 194ff.
    3. S. 53
  6. Monika Schwarz-Friesel: Judenhass im Internet: Antisemitismus als kulturelle Konstante und kollektives Gefühl. 1. Auflage. Hentrich und Hentrich, Leipzig 2019, ISBN 978-3-95565-328-6.
    1. S. 89ff
    2. S. 80ff
    3. S. 85 u. 87
  7. Insbesondere im 19. Jahrhundert (etwa bei Wagner 1850 und De Lagarde 1884) kam wiederholt die Aufforderung, „Juden sollten aufhören, Juden zu sein“. (vgl. Monika Schwarz-Friesel (2025): Toxische Sprache und geistige Gewalt. S. 88)
  8. Evyatar Friesel, Monika Schwarz-Friesel: The Israelization of Jew-hatred and the concept ‘antisemitism-light’. In: Israel Affairs. Band 29, Nr. 1, 2023, ISSN 1353-7121, S. 107–119, doi:10.1080/13537121.2023.2162258 (huji.ac.il [abgerufen am 15. September 2025]).
  9. Monika Schwarz-Friesel: Die Sprache des Antisemitismus: Judenfeindliche Rhetorik nach dem 7. Oktober 2023 | Heinrich-Böll-Stiftung. In: boell.de. Heinrich-Böll-Stiftung, 2. Januar 2024, abgerufen am 15. September 2025.