Ḥāzzimīya
Die Ḥāzzimīya (arabisch الحازمية; DMG al-Ḥāzzimīya, auch als ḥāzimītische Strömung, arabisch: التيار الحازمي, bezeichnet) ist eine ultraextremistische salafistisch-dschihadistische ideologische Strömung, die sich innerhalb dschihadistischer Milieus herausbildete und insbesondere unter tunesischen Anhängern des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS) an Einfluss gewann. Sie stellte keine formell organisierte Bewegung dar, sondern eine doktrinäre Ausrichtung, deren theologische Positionen innerhalb des IS erhebliche innerorganisatorische Spannungen hervorriefen.[1] Die ideologischen Grundlagen gehen auf den in Saudi-Arabien geborenen Prediger Aḥmad ibn ʿUmar al-Ḥāzimī (أحمد ابن عمر الحازمي) zurück.[2]
Die Ḥāzimiyya erlangte besondere Bekanntheit durch ihre radikale Auslegung der Praxis, andere Muslime für ungläubig zu erklären (Takfīr), die innerhalb des IS zu tiefgreifenden ideologischen Konflikten führte. In deren Verlauf wurde die Strömung schließlich von der IS-Führung selbst als extremistisch eingestuft; ihre Anhänger wurden systematisch verfolgt, inhaftiert oder hingerichtet.[3]
Geschichte
Al-Ḥāzimī in Tunesien
Zwischen Dezember 2011 und Mai 2012 hielt al-Ḥāzimī vier Vorträge in Tunesien. Unterstützung erhielt er unter anderem vom Verein „al-Ḫayr al-Islāmiyya“ (arabisch: جمعية الخير الإسلامية) sowie vom Moscheekomitee des Viertels al-Ḫaḍrāʾ. Während Mitglieder der erstgenannten Organisation später wegen Terrorismusfinanzierung verhaftet wurden, unterhielt das Moscheekomitee Verbindungen zur salafistischen Bewegung Anṣār aš-Šarīʿa fī Tūnis. Mit Hilfe dieses Netzwerks gründete al-Ḥāzimī das Institut „Ibn Abī Zayd al-Qayrawānī für islamische Wissenschaften“, das eine zentrale Rolle bei der Verbreitung seiner Lehren spielte. Die frühe Rezeption seiner Positionen trug dazu bei, dass insbesondere unter tunesischen Dschihadisten eine ausgeprägte Sensibilität für Fragen religiöser Ausgrenzung entstand, die später innerhalb des IS eine überproportional sichtbare Rolle spielte.[4]
Die Ḥāzimiyya im „Islamischen Staat“
In den folgenden Jahren schlossen sich zahlreiche tunesische Anhänger der ḥāzimītischen Lehre dem IS an. Während des Konflikts mit der al-Nusra-Front blieben sie der IS-Führung loyal und erhielten administrative sowie religiöse Schlüsselpositionen.[5]
Mit wachsendem Einfluss entwickelte sich ihre Ideologie jedoch zu einem Problem für die interne Kohärenz des IS. Der bahrainische Gelehrte Turki al-Binʿalī, Leiter des IS-Büros für Forschung und Studien, wandte sich in Vorträgen und Schriften gegen die ḥāzimītische Doktrin und kritisierte sie als theologisch illegitim. Im März 2014 wurden Audioaufnahmen bekannt, in denen führende ḥāzimītische Kader – darunter der IS-Gouverneur von al-Ḥasaka – die Taliban und Osama bin Laden als Ungläubige einstuften. Weitere Leaks belegten entsprechende Urteile über al-Qaida im Maghreb.[6]
Ende 2014 flohen etwa 50 Anhänger der Ḥāzimiyya in die Türkei, während rund 70 weitere vom IS inhaftiert und hingerichtet wurden, nachdem sie Teile der IS-Führung selbst als ungläubig eingestuft hatten. In Reaktion darauf veröffentlichten Unterstützer eine Erklärung, in der der IS als „Staat der Ungläubigen und der Dschahmīya“ bezeichnet wurde.[7] Trotz umfangreicher Sicherheitsmaßnahmen bestanden weiterhin mehrere ḥāzimītische Zellen. Die Repressionsmaßnahmen richteten sich weniger gegen einzelne Personen als vielmehr gegen die zugrunde liegende doktrinäre Logik, die aus Sicht der IS-Führung die religiöse Legitimität und organisatorische Stabilität der Gruppe bedrohte.
Im Jahr 2016 kam es in den Regionen um al-Bāb und Dscharābulus zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen ḥāzimītischen Gruppen und dem IS. Im April 2017 untersagte das zentrale Scharia-Aufsichtsbüro des IS in der Zeitschrift an-Nabaʾ jede öffentliche Diskussion über Fragen der Entschuldigung aus Unwissenheit, warnte jedoch zugleich vor Zurückhaltung bei religiöser Abgrenzung. Kurz darauf bekräftigte die sogenannte Beauftragte Kommission die zentrale Bedeutung religiöser Ausgrenzung als grundlegendes Prinzip, wandte sich jedoch gegen deren unbegrenzte Anwendung.
Am 31. Mai 2017 wurde Turkī al-Binʿalī bei einem Luftangriff der internationalen Koalition getötet.[8] Im September 2017 soll Abū Bakr al-Baghdādī zahlreiche ḥāzimītische Akteure festgesetzt und die interne Führungsstruktur des IS neu organisiert haben. Auch nach dem militärischen Zusammenbruch des IS bestanden ḥāzimītische Netzwerke fort, vor allem in Form lose verbundener ideologischer Milieus, die sich überwiegend auf theologische Debatten konzentrierten und keine einheitliche organisatorische Struktur mehr aufwiesen. Für das Jahr 2017 wurde die Zahl ihrer Anhänger in den Niederlanden auf etwa 100 Personen geschätzt.[9]
Ideologie
Kern der ḥāzimītischen Ideologie ist die Auffassung, dass nicht nur Personen, die als Ungläubige gelten, aus der religiösen Gemeinschaft ausgeschlossen seien, sondern auch jene, die es unterlassen, solche Personen eindeutig als Ungläubige einzustufen (arabisch: تكفير المُعذر, DMG Takfīr al-muʿaḏḏir).[10] Diese Position gilt in dschihadistischen Debatten als Grundlage eines sich ausweitenden Prozesses religiöser Ausgrenzung (arabisch: تكفير متسلسل, DMG Takfīr mutasalsil), in dessen Verlauf immer weitere Personen oder Gruppen als Ungläubige betrachtet werden.[11]
Aus Sicht der Ḥāzzimīya handelt es sich bei diesem Mechanismus nicht um eine willkürliche Eskalation religiöser Ausgrenzung, sondern um die konsequente Anwendung einer strikt verstandenen Glaubensabgrenzung. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass bestimmte Handlungen – insbesondere solche, die als schwerer Polytheismus oder offenkundiger Unglauben gelten – objektiv den Ausschluss aus dem Islam begründen.[12] Wer eine solche Handlung begeht, gilt demnach als Ungläubiger, unabhängig von subjektiven Faktoren wie Unwissenheit oder individueller Auslegung.[13]
Auf dieser Grundlage wird argumentiert, dass auch jene Personen aus der religiösen Gemeinschaft ausgeschlossen seien, die es unterlassen, diesen als eindeutig betrachteten Unglauben klar zu benennen. Die Weigerung, einen solchen Unglauben zu exkommunizieren (Takfīr), wird innerhalb dieser Ideologie selbst als religiöse Verfehlung verstanden. Daraus ergibt sich eine Logik, bei der sich der Takfīr nicht nur auf den ursprünglichen Akteur, sondern auch auf dessen Verteidiger oder Entschuldiger erstreckt.
Zur Verdeutlichung dieser Logik wird innerhalb der ḥāzimītischen Argumentation ein mehrstufiger Prozess religiöser Ausgrenzung beschrieben:
- Zunächst gilt eine Person (A) aufgrund einer als eindeutig betrachteten Handlung als Ungläubiger.
- Als Ungläubiger gilt anschließend auch jene Person (B), die an der Ungläubigkeit von A zweifelt oder es unterlässt, diese eindeutig zu benennen.
- In einem weiteren Schritt wird auch eine Person (C) als Ungläubiger eingestuft, sofern sie die Ungläubigkeit von B infrage stellt oder relativiert.
- Dieser Mechanismus setzt sich potentiell fort, da jede Zurückhaltung bei der religiösen Abgrenzung selbst als Beleg für Unglauben interpretiert wird.
Auf diese Weise entsteht eine fortschreitende Kettenlogik religiöser Ausgrenzung.
Die Ḥāzzimīya lehnt das in der sunnitischen Theologie verbreitete Prinzip ab, nach dem Unwissenheit (جهل, dschahl) als Entschuldigung für Glaubensabweichungen gelten könne (arabisch: العذر بالجهل, DMG al-ʿuḏr bi-l-ǧahl), insbesondere bei Handlungen, die sie als schweren Polytheismus oder schweren Unglauben einstuft. Dazu zählen unter anderem:
- die Teilnahme an demokratischen Wahlen
- die Anerkennung oder Unterstützung bestehender politischer Systeme
- das Anrufen Verstorbener
Nach ḥāzimītischer Auffassung gilt auch derjenige als Ungläubiger, der Personen, die solche Handlungen begehen, aufgrund angeblicher Unwissenheit nicht aus der religiösen Gemeinschaft ausschließt.[14]
Innerhalb dschihadistischer Organisationsstrukturen wurde diese Lehre als besonders konfliktträchtig wahrgenommen, da sie das Potenzial besaß, die religiöse Legitimität ganzer Führungsstrukturen infrage zu stellen.[15]
Theologische Bezüge
Wie andere salafistisch-dschihadistische Strömungen beruft sich auch die Ḥāzzimīya auf klassische islamische Gelehrte wie Ibn Taymiyya und Muḥammad ibn ʿAbd al-Wahhāb. Aḥmad ibn ʿUmar Al-Ḥāzimī betonte jedoch, dass deren Lehren nicht unkritisch übernommen werden dürften, womit er vor allem die moderne salafistisch-dschihadistische Rezeption dieser Gelehrten relativierte, ohne deren klassische Stellung grundsätzlich infrage zu stellen.[16]
„Dann traten erneut die Dummen, die Beschränkten und die Törichten hervor – insbesondere einige der dunklen Gestalten der Medien –, die ihre verdorbenen, fauligen Verstandesreste und den Abfall ihrer stinkenden Auffassungen rückwirkend wie Auswurf auf die frühen Gelehrten der Umma anwenden. Ibn Qudāma al-Maqdisī gilt ihnen lediglich als Mufawwiḍ in der Glaubenslehre, für den man – ihrer Auffassung nach – kein Bittgebet um Barmherzigkeit sprechen dürfe; Ibn Taymiyya wird von ihnen mit dem Hinweis auf seine Anerkennung der Entschuldigung durch Unwissenheit herangezogen, weshalb man seinen Aussagen gegenüber vorsichtig sein müsse; und bei an-Nawawī sehen sie eine aschʿaritische Prägung, vor der gewarnt werden müsse – möge Allah ihnen allen barmherzig sein und sie vor dieser unfruchtbaren Torheit bewahren...“
Darüber hinaus zeigen seine Positionen deutliche Einflüsse des ägyptischen islamistischen Ideologen Sayyid Quṭb, insbesondere hinsichtlich der Ablehnung moderner politischer Ordnungen. Im Unterschied zur dominierenden Auslegung des Wahhabismus verwirft die Ḥāzzimīya jede Form der Entschuldigung religiöser Verfehlungen durch Unwissenheit und betrachtet diese als unzulässige Einschränkung religiöser Abgrenzung.[18]
Politische Haltung
Al-Ḥāzimī selbst vermied weitgehend explizite politische Stellungnahmen. Dies führte innerhalb der Strömung zu uneinheitlichen politischen Positionen, weshalb einige Beobachter argumentieren, die Ḥāzzimīya stelle weniger ein geschlossenes ideologisches System als vielmehr eine radikale doktrinäre Ausrichtung dar.[19] Das Spektrum der Anhänger reicht von offen salafistisch-dschihadistischen Akteuren – teils mit Verbindungen zu Gruppen wie Boko Haram oder dem IS – bis hin zu Predigern, die eine offene Konfrontation mit der saudischen Monarchie vermeiden. Gemeinsamer Nenner ist die kategorische Ablehnung demokratischer Prozesse, die als Götzendienst und Abfall vom Islam interpretiert werden.[20]
Literatur
- Aaron Y. Zelin: Ultra Extremism Among Tunisian Jihadis Within The Islamic State. Jihadica, 8 February 2020.
- Abū Muḥammad al-Ḥusaynī al-Hāšimī: an-Naṣīḥa al-Hāšimiyya li-Amīr ad-Daula al-Islāmiyya. al-Baṣīra, 5. July 2017, S. 11 (arabisch)
- Cole Bunzel: Caliphate in Disarray: Theological Turmoil in the Islamic State. Jihadica, 3. Oktober 2017.
- Cole Bunzel: The Islamic State’s Mufti on Trial: The Saga of the “Silsila ‘Ilmiyya”. Combating Terrorism Center, Vol. 11, Iss. (9), Oct 2018.
- Cole Bunzel: Ideological Infighting in the Islamic State. Perspectives on Terrorism, vol. 13, no. 1, 2019, pp. 12–21.
- Djallil Lounnas: The Failed Ideological Hybridization of the Islamic State. Studies in Conflict & Terrorism, vol. 46:3, 278–306, 30 Apr 2020.
- Emin Poljarevic: Chapter 21 Theology of Violence-oriented Takfirism as a Political Theory: The Case of the Islamic State in Iraq and Syria (ISIS). Handbook of Islamic Sects and Movements. Leiden, Niederlande: Brill, 2021.
- Guido Steinberg: Die »Takfiristen«. Eine salafistisch-jihadistische Teilströmung gewinnt an Bedeutung. SWP-Aktuell 2021/A 09, 27.01.2021.
- Kyle Orton: Islamic State Recommends More Gentleness in Dealing With Sinners. Kyle Orton's Blog, 10 March 2018.
- Phil Price: Ideological Infighting in ISIS May Lead to Terror Group’s Undoing. In: Homeland Security Today. 6 Aug. 2019.
- Rafid Jaboori: Alleged Coup Attempt Exposes Hazimite Faction Within Islamic State. Jamestown Foundation, 2019.
- Tore Hamming: Al-Hazimiyya: The ideological conflict destroying the Islamic State from within. ICCT – The Hague, 2021.
- Tore Hamming: “Ahmad Ibn Umar Al-Hazimi.” In: Al-Hazimiyya: The Ideological Conflict Destroying the Islamic State from Within. International Centre for Counter-Terrorism, 2021, pp. 3–15.
Einzelnachweise
- ↑ Zelin: Ultra Extremism Among Tunisian Jihadis Within The Islamic State. 2020.
- ↑ Hamming: Al-Hazimiyya. 2021
- ↑ Bunzel: Ideological Infighting in the Islamic State. 2019, S. 14; Hamming: Al-Hazimiyya. 2021, S. 6–7
- ↑ Zelin: Ultra Extremism Among Tunisian Jihadis Within The Islamic State. 2020.
- ↑ Zelin: Ultra Extremism Among Tunisian Jihadis Within The Islamic State. 2020.
- ↑ Zelin: Ultra Extremism Among Tunisian Jihadis Within The Islamic State. 2020
- ↑ Zelin: Ultra Extremism Among Tunisian Jihadis Within The Islamic State. 2020; Hamming: Al-Hazimiyya. 2021, S. 4–7; Lounnas: The Failed Ideological Hybridization of the Islamic State. 2020, S. 295
- ↑ Lounnas: The Failed Ideological Hybridization of the Islamic State. 2020, S. 289
- ↑ Hamming: Al-Hazimiyya. 2021, S. 16–17
- ↑ Hamming: Al-Hazimiyya. 2021, S. 4
- ↑ Bunzel: Ideological Infighting in the Islamic State. 2019, S. 3
- ↑ Hamming: Al-Hazimiyya. 2021, S. 4–5
- ↑ Poljarevic: The Theology of Violence-Oriented Takfirism. 2021, S. 488–490
- ↑ Hamming: Al-Hazimiyya. 2021, S. 2–4
- ↑ Bunzel: Ideological Infighting in the Islamic State. 2019, S. 3–4
- ↑ Hamming: Al-Hazimiyya. 2021, S. 10–11
- ↑ al-Hāšimī: an-Naṣīḥa al-Hāšimiyya li-Amīr ad-Daula al-Islāmiyya. 2017, S. 11 (arabisch)
- ↑ Lounnas: The Failed Ideological Hybridization of the Islamic State. 2020, S. 281–282.
- ↑ Lounnas: The Failed Ideological Hybridization of the Islamic State. 2020, S. 281–282.
- ↑ Poljarevic: The Theology of Violence-Oriented Takfirism. 2021, S. 503–505