ʿAlī ibn Muhammad al-Dschurdschānī
As-Sayyid asch-Scharīf ʿAlī ibn Muhammad al-Dschurdschānī (arabisch السيّد الشريف علي بن محمّد بن علي الحسيني الجرجاني, DMG as-Sayyid aš-Šarīf ʿAlī b. Muḥammad b. ʿAlī al-Ḥusaynī al-Ǧurǧānī; geboren 1340 in Tādschū bei Astarābād; gestorben 1413 in Schīrāz)[1][2] war ein persischer Gelehrter, der sich insbesondere mit islamischer Theologie, Logik, Philosophie und Astronomie befasste. In Samarqand verfasste er in der Timuridenzeit zahlreiche Kommentare zu diesen Themen.[3] Zu seinen wichtigsten Werken zählt das "Buch der Definitionen" (Kitāb at-Taʿrīfāt كتاب التعريفات).[4]
Leben
Al-Dschurdschānī wuchs in Ṭaġū, einem Dorf in der Nähe von Astarabad auf. In Astarabad wurde er in jungen Jahren insbesondere durch seinen Lehrer, einen gewissen Sachāwī, geprägt und an theologische Schriften herangeführt. Mit Sachāwī studierte er auch die arabische Grammatik, u. a. anhand des Miftaḥ al-ʿulūm des Sakkākī.[5] Um 1356 soll al-Dschurdschānī nach Herat gegangen sein, um dort mit Quṭb ad-Dīn asch-Schirāzī zu studieren. Außerdem reiste er für sein Studium nach Kairo und vermutlich auch nach Konya.[5.1] Nach seinen Wanderjahren kehrte al-Dschurdschānī ins persische Reich zurück. Er begegnete u. a. Schah Schudscha, der ihn reichlich beschenkte und mit nach Schiras nahm, dort verweilte er wohl ein Jahrzehnt erlangte aber noch keinen herausragenden Ruhm. Als Timur die Stadt im Jahre 789 d.H. (= 1387 n. Chr.) einnahm, wurde al-Dschurdschānī mit einigen anderen Gelehren nach Samarqand deportiert.[5.2] In Timurs gegründeter Hochschule (Madrasat al-amīr Tīmūr) lehrte bereits Saʿd ad-Dīn Masʿūd at-Taftāzānī, in dem al-Dschurdschānī schnell einen Konkurrenten fand. So wurden an der Madrasa öffentliche Streitgespräche zwischen den beiden Gelehrten mit spielerischem Charakter über allerlei theologische und philosophische Aspekte veranstaltet. Zum Publikum dieser unterhaltsamen Veranstaltungen zählten sowohl zahlreiche Studierende als auch Timur Lenk selbst.
Zwar erlangte al-Dschurdschānī in Samarqand weitreichendes Ansehen als Gelehrter, doch soll er sich im erzwungenen Exil nie wohlgefühlt haben und direkt nach Timurs Tod 1405 und dessen Beerdigung wieder nach Schiras zurückgeeilt sein.[5.3][6] In Schiras nahm al-Dschurdschānī wieder seine alte Stelle am Dār asch-Schifāʾein, pflegte noch Diskussionen mit dem jungen Dschamschīd al-Kāschī und soll Timurs Enkel Iskandar häufig zum Freitagsgebet begleitet haben. Am Mittwoch 6. Rabīʿ II 816 d.H. (= 7. Juli 1413 n. Chr.) starb al-Dschurdschānī mit 73 Jahren und wurde nahe der Freitagsmosche auf dem Gelände des Dār asch-Schifāʾ beerdigt.[5.4]
Berichte über al-Dschurdschānīs Nachkommen sind teilweise widersprüchlich, überliefert sind vereinzelt Informationen zu mindestens einer Tochter und zwei Söhnen al-Dschurdschānīs. Seine Söhne Schamsaddīn und Muḥammad (mit dem Beinamen Nūraddīn, wenn es sich dabei nicht um einen weiteren Sohn handelt) waren beide akademisch tätig, letzterer starb im Alter von 40 Jahren 838 d.H. (= 1434 n. Chr.).[5.5]
Lehre
Innerhalb des Kreises der Intellektuellen Timurids galt al-Dschurdschānī als herausragender Gelehrter.[5.6] Sein gesamtes Vermächtnis umfasst über hundert Werke aus verschiedenen Bereichen, u. a. zum Koran, Hadith, Fiqh, Logik, Grammatik, Mathematik, Astronomie, Philosophie und Mystik. Die meisten dieser Texte sind arabische Kommentarwerke (Schurūḥ und Ḥawāšī) und keine unabhängigen Bücher, was in der Gelehrtenkultur und im schulischen Kontext des timuridischen Reiches üblich war und keine mangelnden intellektuellen Ansprüche impliziert.
Insgesamt zeichnen die zeitgenössischen Quellen ein gemischtes Bild hinsichtlich der Einschätzung seiner Texte. Khwāndamīr soll behauptet haben, dass die vermittelten Lehrinhalte nur dank seiner Glossen und Kommentare möglich gewesen seien.[2] ʿAlī Yazdī bezeichnet ihn als großen Gelehrten und Löser aller Probleme.[5.7] Andere Zeitgenossen scheinen weniger begeistert von al-Dschurdschānī und seinen literarischen Werken zu sein und behaupten, sein Kommentar zu al-Ṭūsīs Tadhkira sei nichts anderes als eine Zusammenstellung bereits bestehender und bekannter Berichte. Trotz Kritik an einzelnen Texten, erlangten viele Werke nach al-Dschurdschānīs Tod den Status kanonischer Literatur und wurden von zahlreichen seiner Schüler weitertradiert.[7]
Werke (Auswahl)
Koran, Hadith und islamische Theologie
- Tafsīr az-Zahrāwain
- Eine Glosse zum Anfangsteil von Zamachscharīs Kaschschāf
- Risāla fī baʿḍ al-muschkilāt fī al-Kaschschāf
- Eine Glosse zum Anfangsteil von Baiḍāwīs Anwār at-tanzīl wa-asrār at-taʾwīl
- Risāla fī l-āfāq wa-l-anfus
- Tardschumān (fī luġat) al-Qurʾān, ein Koranwörterbuch auf Persisch
Astronomie
- ein Kommentar zu al-Dschaghminīs viel rezipiertem astronomischen Handbuch, Scharḥ al-Mulakhkhaṣ fī ʿilm al-hayʾa, das in mehreren dutzend Handschriften überliefert ist.[8]
- ein Kommentar zu Nasīr ad-Dīn at-Tūsīs Tadhkira (Šarḥ al-Taḏkira fī al-hayʾa), das er 811 d.H. (= 1409 n. Chr.) abschloss.[9]
Literatur
- Josef van Ess: Die Träume der Schulweisheit. Harrassowitz, Wiesbaden 2013
- Alnoor Dhanani: Jurjānī: ʿAlī ibn Muḥammad ibn ʿAli al‐Ḥusaynī al‐Jurjānī (al‐Sayyid al–Sharīf). In: Thomas Hockey u. a.: The Biographical Encyclopedia of Astronomers. Springer, New York 2007, ISBN 978-0-387-31022-0, S. 603–604 (PDF-Datei)
Weblinks
Einzelnachweise und Fußnoten
- ↑ britannica.com: al-Jurjānī
- ↑ a b Jurjani. Abgerufen am 19. Oktober 2025.
- ↑ JORJĀNI, ZAYN-AL-DIN ABU’L-ḤASAN ʿALI. In: Encyclopaedia Iranica. Abgerufen am 19. Oktober 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ Ed. Gustav Flügel. Leipzig 1845. S. 30. Online verfügbar: http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10249383_00349.html
- ↑ Josef van Ess: Die Träume der Schulweisheit Leben und Werk des 'Ali b. Muhammad al-Ǧurǧani (gest. 816/1413). Hrsg.: Deutsche Morgenländische Gesellschaft. Harrasowitz Verlag, Wiesbaden 2013, S. 5–9 (1.1 Jugendjahre).
- ↑ İlker Binbaş: Intellectual Networks in Timurid Iran: Sharaf al-Dīn ‘Alī Yazdī and the Islamicate Republic of Letters. Cambridge 2016, S. 94.
- ↑ Hasan Moiz: Foundations of Science in the Post-Classical Islamic Era. The Philosophical, Historical, and Historiographical Significance of Sayyid al-Sharīf al-Jurjānī’s (d. 1413) Project. Notre Dame 2017, S. 43–44.
- ↑ Šarḥ al-Mulaḫḫaṣ fī ʿilm al-hayʾaẗ (Jurjānī) | ISMI. Abgerufen am 25. Oktober 2025.
- ↑ Šarḥ al-taḏkiraẗ fī al-hayʾaẗ (Jurjani) | ISMI. Abgerufen am 25. Oktober 2025.