Überweidung

Man spricht von Überweidung, wenn Nutztiere durch Verbiss und/oder Vertritt die krautige Pflanzendecke einer Weide oder eines Biotopes länger bzw. stärker beanspruchen, als diese sich regenerieren kann.

Überweidung wird primär mit menschlichem Handeln assoziiert und geht mit einem Verlust von Biodiversität sowie einer verringerten Bodenqualität einher. Bei irreversibel geschädigten Böden, kann eine Verödung oder Desertifikation ganzer Landstriche die Folge sein.[1]

Von Überweidung betroffene Pflanzen haben nicht die Möglichkeit sich zu regenerieren, was dazu führt, dass sie weniger Biomasse produzieren, als es unter normalen Bedingungen möglich wäre. Eine ständige Reduktion oberirdischer Pflanzenteile führt zu einer Verringerung der Pflanzenwurzeln, die das Absterben der Pflanze bei anhaltender Trockenheit begünstigt und Bodenerosion wahrscheinlicher macht.[2]

Nimmt der Weidedruck (durch Größe der Herden oder Dauer der Beweidung) zu, kommt die ökologische Tragfähigkeit bald an ihre Grenzen: Die Folge sind Überweidung und Bodendegradation.[3][4]

Historische Betrachtung

Da sich die Populationen aller Tier- und Pflanzenarten eines natürlichen Ökosystems gegenseitig regulieren und die Zahl der Individuen sich auf die aktuelle Tragfähigkeit des Lebensraums einstellt, kommt es in naturbelassenen Landschaften in der Regel nicht zu Überweidung.

Auch die Anwesenheit indigener Völker (z. B. der Blackfoot) störte dieses Gleichgewicht nicht, wie historische Untersuchungen zur Verbreitung des amerikanischen Bisons und dem nordamerikanischen „Grasland“, vor dem Eintreffen der Europäer zeigen.[6]

Als Form der Übernutzung tritt Überweidung als Folgeerscheinung von nicht nachhaltiger, anthropogener Nutzung auf. Seit der Entwicklung der traditionellen Viehwirtschaftsformen, kam es weltweit zu neuen Formen der Landnutzung, die ehemalige Naturlandschaften zurückdrängten und neue Kulturlandschaften entstehen ließen. So wird vermutet, dass große Teile der eurasischen Waldsteppe[7] (vergleichbar mit den mitteleuropäischen Heiden) erst durch die verstärkte Weidenutzung entstanden sind: Der Baumbewuchs wurde noch mehr eingeschränkt als durch die wilden Weidetiere. Aufgrund der geringeren Bevölkerungszahlen in der Vorgeschichte, sowie der extensiven Tierhaltung nomadischer Völker, waren Überweidungsschäden unbekannt.

Überweidung ist vor allem immer dann zu befürchten, wenn Viehhalter die Haltung der Tiere in unangepasster Weise intensivieren: wenn z. B. ein starkes Bevölkerungswachstum oder der Übergang von der Subsistenz- zur Erwerbswirtschaft, Anreize für eine Überschussproduktion schafft. Besonders empfindlich sind in diesem Kontext trockene (aride) Naturweiden (Pastoralismus), deren nachhaltige Nutzung nur durch traditionellen Nomadismus oder ein durchdachtes Weidemanagement möglich ist.[8] Doch auch in feuchten (humiden) Gebieten, die normalerweise von Wald bestockt sind, kam es seit dem Mittelalter zu Überweidungsschäden, wie die Entwicklung sandiger Heiden aus den mittelalterlichen Allmenden Mitteleuropas zeigt.[9]

Seit der industriellen Revolution haben Überweidung, Abnahme der Bodenfruchtbarkeit und Desertifikation weltweit drastisch zugenommen. Betroffen sind insbesondere aride Lebensräume, wie Steppen, Trockensavannen, Trockenwälder usw. Verantwortlich ist in der alten Welt in erster Linie der Niedergang des ursprünglichen, nachhaltig betriebenen Nomadismus, der sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts durch staatliche Sesshaftmachungsprogramme und marktwirtschaftliche Einflüsse mehr und mehr in eine ungeregelte und intensivierte mobile Tierhaltung verwandelt hat.[10] Die Haltung überhöhter Tierbestände wurde – etwa in Afrika – erst durch den mit Fremdmitteln geförderten Bau von Brunnen für die Viehtränke möglich. In den Trockenregionen Amerikas, Südafrikas und Australiens hat sich seit der Kolonisation eine von den Europäern installierte, stationär-extensive Weidewirtschaft etabliert, die von Anfang an marktwirtschaftlich und profitorientiert ausgerichtet war.

Zonale Unterschiede

In der mediterranen Hartlaubzone mit seinen heiß-trockenen Sommern und Winterregen (Mediterranes Klima) führt die Überweidung durch Ziegen- und Schafherden zu erhöhter Bodenerosion; bei schon fortgeschrittener Erosion besteht die Gefahr der Bodendegradation. Durch anthropogenen und natürlichen Klimawandel kann es zur weiteren Ausdehnung solcher degenerierter Gebiete kommen.

In Kältesteppen können aufgrund der empfindlichen Vegetation und der sehr kurzen Wachstumsperiode Überweidungsschäden auftreten. Beispiele findet man bei der Schafzucht auf Island oder der intensivierten Rentierhaltung in Skandinavien.

Überweidung tritt nicht nur auf Naturweiden auf, sondern durchaus auch bei der Grünlandwirtschaft in gemäßigten Klimaten, die auf Flächen stattfindet, die vormals bewaldet waren. Hier kann die Weidewirtschaft nur nachhaltig betrieben werden, wenn das „Grasland“ als Ersatzgesellschaft erhalten wird. Im Gegensatz dazu gab es auch historische Landschaftsformen wie die nordamerikanischen „Great Plains“, die traditionell von großen, frei lebenden Büffelherden beweidet wurden, ohne dass dies ihr natürliches Gleichgewicht gefährdet hätte.[2] Zu Überweidungsschäden kam es im sogenannten „Wilden Westen“ der USA erst nach dem Abschlachten der Bisons und der Aufnahme einer profitorientierten Weidewirtschaft („Ranching“).[13] und in Patagonien[14]

In Mitteleuropa ist eine Überbeweidung durch Rinder oft an dem vermehrten Auftreten von Trittzeigern (Wegerich), Nährstoff- und Säurezeigern, leicht regenerierenden Gräsern wie Einjähriges Rispengras Poa annua, Quecke A. repens und Weideunkräutern (z. B. Disteln) zu erkennen (Siehe auch Zeigerwerte nach Ellenberg). Auf feuchten Weiden Mitteleuropas können das auch Binsen sein.

Bei andauernder Haltung überhöhter Tierbestände werden langfristig die für die Tierernährung geeigneten Pflanzen so stark reduziert, dass die Pflanzendecke nur noch aus ungenießbaren oder wertlosen Pflanzenarten besteht. Besonders Berglagen oder trockene (aride Klimate), ertragsschwache Gebiete sind besonders betroffen. Der Bedeckungsgrad der Flächen sinkt durch Tritt im weiteren Verlauf, in Extremfällen stirbt die Pflanzendecke sogar partiell ab. Dies kann zur Erosion des Oberbodens führen, die eine Wiederbesiedlung durch Pflanzen erschwert, und im Extremfall zur Desertifikation.

In geschädigten Trockengebieten erhöhen die Hirten nicht selten den Anteil der Ziegen, da diese Tiere besonders genügsam sind und auch in überweideten Regionen ihr Auskommen finden. Das setzt jedoch einen Teufelskreis in Gang, denn Ziegen weiden die Grasnarbe besonders tief ab, so dass die Erosion weiter verstärkt wird.

Siehe auch

Literatur

  • Joachim Radkau: Natur und Macht: eine Weltgeschichte der Umwelt. 1. Auflage, C.H. Beck, München 2002, ISBN 3-406-48655-X.
Wiktionary: Überweidung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. Lexikon der Geographie: Überweidung. Spektrum der Wissenschaft, abgerufen am 2. November 2025
  2. a b Dangers of Overgrazing. Utah State University, abgerufen am 2. November 2025
  3. Stichwort Tragfähigkeit im Online-Lexikon von Spektrum. Abgerufen am 22. März 2014.
  4. M. Bunzel-Drüke, C. Böhm, G. Finck, R. Kämmer, E. Luick, E. Reisinger, U. Riecken, J. Riedl, M. Scharf, O. Zimball: Wilde Weiden – Praxisleitfaden für Ganzjahresbeweidung in Naturschutz und Landschaftsentwicklung. Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz im Kreis Soest e. V. (Hrsg.), Sassendorf-Lohne 2008.
  5. Tarleton State University (ggf. Hrsg.): The Study of the Human Past. Teil C. Indus Valley Civilization. In: ArcheologyNotes2011. Studienmaterialien, Tarleton (Texas) 2011, S. 55.
  6. Returning bison to Blackfeet Nation grasslands: a unique opportunity to advance ecosystem science. Harvard University, abgerufen am 2. November 2025
  7. Roland Berger, Friedrich Ehrendorfer (Hrsg.): Ökosystem Wien: die Naturgeschichte einer Stadt. Böhlau Verlag, Wien 2011, S. 678.
  8. A. Rosati, A. Tewolde, C. Mosconi, World Association for Animal Production (Hrsg.): Animal Production and Animal Science Worldwide. Wageningen Academic Pub, 2005.
  9. Hartmut Esser (ggf. Hrsg.): Soziologie: Soziales Handeln. Band 3, Campus, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-593-37146-4, S. 184.
  10. Fred Scholz: Nomadismus ist tot. In Geographische Rundschau, Heft 5, 1999, S. 248–255.
  11. Clay Duval: Bison Conservation: Saving an Ecologically and Culturally Keystone Species. Duke University, archiviert vom Original am 8. März 2012; abgerufen am 13. April 2015 (englisch).
  12. Holistic Land Management: Key to Global Stability by Terry Waghorn. Forbes. 20 December 2012.
  13. siehe Literatur: Radkau S. 212.
  14. Wilfried Endlicher: Grundzüge von Klima und Böden. In: Naturraum Lateinamerika: geographische und biologische Grundlagen. Axel Borsdorf (Hrsg.), LIT Verlag, Wien 2006, ISBN 3-8258-9369-3, S. 89.