Ólafía Einarsdóttir
Ólafía Einarsdóttir (* 28. Juli 1924 in Hafnarfjörður; † 19. Dezember 2017 in Kopenhagen) war eine isländische Archäologin, Anthropologin und Historikerin. Sie war die erste Isländerin, die ein Archäologiestudium abschloss. Schwerpunkt ihrer Forschungen waren isländische Sagas und die Geschichte der Wikinger.
Biographie
Beruflicher Werdegang
Ólafía Einarsdóttir war eine Tochter von Einar Þorkelsson, Generalsekretär des Althing, und von Ólafía Guðmundsdóttir.[1] Sie hatte vier Geschwister. Als Ólafía fünf Jahre alt war, starb ihre Mutter bei der Geburt eines sechsten Kindes, kurz darauf erblindete ihr Vater. Die sechs Geschwister wurden von verschiedenen Freunden und Verwandten aufgenommen. Ólafía wurde von dem Anwalt am Obersten Gerichtshof Jón E. Ólafsson und von seiner Frau Margrét Jóns-dóttir adoptiert.[2][3]
Ólafía besuchte ein Gymnasium in Reykjavík und schloss es 1944 ab. Als sie sich um ein Studien-Stipendium bewarb, zeigte sich das Komitee, das über die Vergabe zu entscheiden hatte, skeptisch: Die Vergabe des Studiums an eine Frau sei zu „riskant“, sei es doch möglich, dass sie heirate und das Geld dann verschwendet wäre. Ólafía soll darauf geantwortet haben, es sei auch „riskant“, weil sie sterben könne. Daraufhin habe sie das Stipendium erhalten.[2] Sie ging nach London, um dort unter anderen bei Vere Gordon Childe Archäologie und Anthropologie bei Daryll Forde zu studieren.[3]
1948 schloss Ólafía ihr Studium ab und war damit die erste Isländerin mit einem Studienabschluss in Archäologie. Sie war an mehreren archäologischen Ausgrabungen in Island, Schweden und Norwegen beteiligt, später wurde sie Kuratorin und Leiterin der Wikinger-Abteilung im Isländischen Nationalmuseum. Als die Abteilung renoviert werden sollte, war sie mit dem neuen Konzept der Museumsleitung nicht einverstanden, das sie als konservativ und langweilig ansah. Nach einem Jahr kündigte sie ihre Stelle und nahm ein Studium an der Universität Lund in Schweden als Doktorandin der Mittelalterlichen Geschichte auf, mit Fokus auf die Wikingerzeit. Das Stipendium für dieses Studium wurde ihr von dem Historiker Sture Bolin vermittelt.[3] 1955 übersetzte sie das Buch Pünktchen und Anton von Erich Kästner ins Isländische.[4] Sie promovierte 1964.[5] Ihre Dissertation befasste sich mit der Datierung von Ereignissen in den Sagas und in den isländischen Annalen von 1100 bis 1263.[3]
1963 begann Ólafía ihre Tätigkeit als Assistenzprofessorin an der Universität Kopenhagen und behielt diese Position bis zu ihrer Pensionierung inne. Ólafías Forschung befasste sich mit der Chronologie und der zeitlichen Struktur der isländischen Sagaliteratur. Ihre Forschung umfasste auch die Verwendung des Lateinischen durch isländische Autoren, Erzbischof Absalon von Lund und andere Themen. Sie interessierte sich für Frauengeschichte und die Stellung der Frau in der nordischen Gesellschaft und verfolgte auch interdisziplinäre Ansätze der Forschung.[3]
Ólafía war bekannt dafür, hohe Ansprüche an ihre Studierenden zu stellen, aber auch gute Beziehungen zu ihnen zu pflegen.[3] Sie war die Doktormutter von über 60 Studierenden und betreute insgesamt 26 Masterarbeiten. Gelegentlich lud sie Studierende zu sich in ihr Haus in Lyngby zum Essen ein: „Ihr Haus war übersät mit Notizen und Forschungsartikeln, und ihr Arbeitszimmer war ein Durcheinander aus Büchern, Notizen, losen Blättern und handgeschriebenen Artikeln. Oft musste sie in die Bibliothek gehen, um Bücher auszuleihen, da ihre eigenen zwischen den vielen Bücherregalen in ihrem Arbeitszimmer verloren gegangen waren.“[2] Ólafía bestand darauf, ihre Texte auf einer Schreibmaschine oder von Hand zu verfassen, und sie schaffte sich nie einen Computer an. Ihr Mann schrieb die handgeschriebenen Artikel ab oder gab sie in einen Computer ein.[2]
Ehrungen
Ólafía wurde 2009 von der Fakultät für Geschichte und Philosophie der Universität Island die Ehrendoktorwürde verliehen.[3] Die Zeitschrift „Ólafía“, die seit 2013 vom Isländischen Archäologenverband herausgegeben wird, ist nach ihr benannt.
Privates
Ólafía war mit dem dänischen Mathematiker Bent Fuglede (1925–2023) verheiratet. Das Paar hatte einen Sohn (* 1966). 2013 wurde bei ihr die Alzheimer-Krankheit diagnostiziert. Sie starb am 19. Dezember 2017 in Kopenhagen im Alter von 93 Jahren, ihr Mann überlebte sie um sechs Jahre.
Publikationen (Auswahl)
- Erich Kästner: Ögn og Anton : barnasag. Einar Pétursson, Reykjavík 1955 (isländisch, deutsch: Pünktchen und Anton. Übersetzt von Ólafía Einarsdóttir).
- Studier i kronologiske metode i tidlig islandsk historieskrivning (= Bibliotheca Historica Lundensis 13. Band 13). Kopenhagen 1964 (dänisch).
- Dateringen af Harald Hårfagers død. Universitetsforlaget, Oslo 1968 (dänisch).
- Mit Edvard Eikill: Vår norrøne fortid : utvalgte artikler om nordens tidlige historie. Saga Bok, Stavanger 2009, ISBN 978-82-91640-34-1 (norwegisch). (Sammelband mit Aufsätzen von Ólafía)
Weblinks
- Bjarney Inga Sigurðardóttir 1984: Lokaverkefni: "Ólafía Einarsdóttir: Frumkvöðull í fornleifafræði". In: skemman.is. Abgerufen am 13. Januar 2026 (isländisch).
Einzelnachweise
- ↑ Andlát: Ólafía Einarsdóttir. In: mbl.is. 20. Dezember 2017, abgerufen am 13. Januar 2026 (isländisch).
- ↑ a b c d Nanna Martensen: Et liv er forbi: Ólafía Einarsdóttir. In: information.dk. 2. Juni 2018, abgerufen am 13. Januar 2026 (dänisch).
- ↑ a b c d e f g Jens Ulff-Møller: Nekrologer Ólafía Einarsdóttir. Abgerufen am 13. Januar 2026.
- ↑ Ögn og Anton : barnasaga. In: lbs.leitir.is. Abgerufen am 14. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Ólafía Einarsdóttir. In: nb.no. Abgerufen am 13. Januar 2026.