Ármin Langer

Ármin Langer (* 1990 in München) ist ein deutscher Soziologe, Autor und Publizist sowie Rabbiner einer Strömung des Liberalen Judentums.

Biografie

Akademischer Werdegang

Langer wuchs in Wien und Ungarn auf. Er studierte Philosophie in Budapest[1.1] sowie Jüdische Theologie an der Universität Potsdam, von 2013 bis 2016 am Abraham Geiger Kolleg in Potsdam und an einer konservativen Jeschiwa in Jerusalem.[2] An der Humboldt-Universität zu Berlin promovierte er 2022 in Soziologie[3] bei Naika Foroutan und Y. Michal Bodemann. Seine Dissertation schrieb er zum Thema German Integration Discourses in the 19th Century and today: Similarities and Differences between Jewish and Muslim Integration Strategies.[4] Er war Gastwissenschaftler am Schusterman Center for Israel Studies der Brandeis University und Fellow am Zentrum für Deutsche Studien der University of Virginia. Seit 2022 ist er DAAD-Gastassistenzprofessor am Zentrum für Europäische Studien an der University of Florida, wo seine Forschungsschwerpunkte Migration, Identitätspolitik und Populismus in Europa und den USA sind.[3]

Wirken

Er ist Mitbegründer der Salaam-Schalom Initiative, die 2013 in Berlin-Neukölln ins Leben gerufen wurde.[5][6][7] Seit 2012 publiziert er Beiträge zu interreligiösen, jüdischen und politischen Themen, u. a. in der Zeit, taz, Tagesspiegel und für die Deutsche Welle[8] sowie in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Publikationen.

Als Rabbinerstudent am Abraham Geiger Kolleg schrieb er 2014 einen Gastkommentar im Tagesspiegel mit dem Titel Muslime sind die neuen Juden,[9] in dem er forderte, Juden sollten sich mit Muslimen solidarisieren, da sie in Deutschland benachteiligt seien. In einem Artikel 2015 in der Tageszeitung kritisierte er den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland Josef Schuster. Schuster hatte auf die Frage, ob er die Integration muslimischer Einwanderer für gelungen halte, geantwortet, wenn er sich Orte in Europa anschaue, „in denen es die größten Probleme gibt, könnte man zu dem Schluss kommen, hier handele es sich nicht um ein religiöses Problem, sondern um ein ethnisches“. Das kommentierte Langer mit den Worten: „Mein Vorschlag wäre, dass sich der Zentralrat der Juden zum Zentralrat der rassistischen Juden umbenennt“. Seine Artikel sorgten für Diskussionen und Kritik in den jüdischen Gemeinden.[10] Ayala Goldmann meinte, „mit seinem spätpubertären Kommentar in der »taz«, in dem er Zentralratspräsident Josef Schuster »Rassismus« vorwarf, hat sich Ármin Langer als nützlicher Idiot einspannen lassen, der Juden medienwirksam vors Schienbein tritt“.[11] Seine Ausbildung zum Rabbiner in Potsdam konnte er nicht mehr fortsetzen.[12] Später wurde er vom Reconstructionist Rabbinical College in Philadelphia zum Rabbiner ordiniert und war an diversen jüdischen Gemeinden Europas und den USA als Lehrer und Vorbeter beschäftigt.[13][3]

Seine 2016 im Aufbau Verlag erschienene „Streitschrift“ Ein Jude in Neukölln – Mein Weg zum Miteinander der Religionen hat autobiographische Züge. Mit dem Titel habe er ein Zeichen setzen wollen „gegen die No-Go-Area-Rhetorik von Politikern und Medienmachern“. Es sei aber ein Fehler gewesen, Schuster und den Zentralrat der Juden „an sich“ als rassistisch zu bezeichnen, bekannte er in einem Interview.[14] Das Buch sei einfach zu lesen und gut geschrieben und wirke „stellenweise wie eine Abrechnung mit allen, die in der Vergangenheit nicht an Ármin Langer geglaubt haben“, befand Johannes Nichelmann.[10] Mit seinem Kollegen von der Salaam-Schalom-Initiative, Ozan Zakariya Keskinkılıç, ist Langer Herausgeber des Sammelbandes Fremdgemacht & Reorientiert: jüdisch-muslimische Verflechtungen,[15] in dem sich jüdische und muslimische Wissenschaftler, Künstler und Aktivisten mit den „vielfältigen politischen, historischen und religiösen Verbindungslinien zwischen Juden und Muslimen“ auseinandersetzen.[16][17]

Schriften (Auswahl)

Monografien

  • Ein Jude in Neukölln. Mein Weg zum Miteinander der Religionen. Aufbau Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3-351-03659-1 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Vergeblich integriert? Rabbiner Hirsch und die jüdische Akkulturation im 19. Jahrhundert (= Berliner jüdische Studien. Nr. 1). 1. Auflage. Gans Verlag, Berlin 2019, ISBN 978-3-946392-14-9.

Mitherausgeberschaft

  • Fremdgemacht & Reorientiert jüdisch-muslimische Verflechtungen. Hrsg.: Ozan Zakariya Keskinkilic, Ármin Langer. 1. Auflage. Yilmaz-Günay, Berlin 2018, ISBN 978-3-9817227-7-2.

Buchbeiträge

  • The Christian Right in Europe: Movements, Networks, and Denominations. Hrsg.: Gionathan Lo Mascolo (= Edition Politik. Band 129). 1. Auflage. transcript Verlag, Bielefeld, Germany 2023, ISBN 978-3-8376-6038-8, S. 105–128, doi:10.14361/9783839460382 (transcript-open.de [abgerufen am 27. September 2025]).
  • Dog-Whistle Politics as a Strategy of American Nationalists and Populists: George Soros, the Rothschilds, and Other Conspiracy Theories. In: Carsten Schapkow, Frank Jacob (Hrsg.): Nationalism and Populism: Expressions of Fear or Political Strategies? De Gruyter Oldenbourg, Berlin/Boston 2022, ISBN 978-3-11-073127-9, S. 157–190.
  • The Memoir. Black Female Vegans on Decolonizing the Body and Mind: A. Breeze Harper’s Sistah Vegan Project. Hrsg.: Laura Wright (= Edinburgh Companions to Literature and the Humanities). Edinburgh University Press, Edinburgh 2022, ISBN 978-1-4744-9332-1, S. 250–258 (E-Book).
  • (Un)gern in Ungarn – Erfahrungen eines regierungskritischen Aktivisten. In: Max Upravitelev (Hrsg.): Front Deutscher Äpfel: das Buch zur Bewegung. 1. Auflage. Fruehwerk-Verlag, Hildesheim Berlin Luzern 2014, ISBN 978-3-941295-13-1, S. 174.

Wissenschaftliche Artikel

  • Herausforderungen und Spielräume des muslimischen Studienwerks Avicenna und des jüdischen Studienwerks ELES. Hrsg.: Heinrich-Böll-Stiftung (= Schriften zur Demokratie. 42 (Ideologien der Ungleichwertigkeit)). 2016, ISBN 978-3-86928-151-3, S. 139–142 (boell.de).
  • Die Salaam-Schalom-Initiative: Ein Bündnis von Juden und Muslimen. In: Nathanael Riemer, Kadir Sanci, Michal Szulc (Hrsg.): PaRDeS. Zeitschrift der Vereinigung für Jüdische Studien e.V. 22 (Muslimisch-Jüdischer Dialog = Muslim-Jewish Dialogue). Universitätsverlag Potsdam, 2016, ISBN 978-3-86956-370-1, ISSN 1614-6492, S. 195–198, urn:nbn:de:kobv:517-opus4-95416 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Telling Holocaust Jokes on German Public Television: The German-Israeli Comedian Shahak Shapira and His Satirical Show on Jews, Antisemites and the Rest. In: VIEW Journal of European Television History and Culture. Band 10, Nr. 20. Philipps-Universität Marburg, 1. Dezember 2021, ISSN 2213-0969, S. 7, doi:10.18146/view.263.
  • Liberal and Orthodox Jewish Responses to Antisemitism and Assimilationism in the United States during the 1920s: Rabbis Mordecai Kaplan's and Bernard Revel's Reconstruction of Judaism for the New American Realities. In: Amerikastudien. Band 66, Nr. 4, 2021, ISSN 0340-2827, S. 679–701, JSTOR:45454161.
  • Armin Langer, Khalil Chebbi, Kristina Tosi: “I Am at Home, I Am French”—Notions of Be/Longing in Afro-French Rapper Black M’s Music. In: Popular Music and Society. Band 47, Nr. 4, 7. August 2024, ISSN 0300-7766, S. 442–456, doi:10.1080/03007766.2024.2399809.
  • Populist conspiracy myths in far-right terrorist manifestos: A transnational perspective. In: ELAD-SILDA. Études de Linguistique et d’Analyse des Discours – Studies in Linguistics and Discourse Analysis. Nr. 9, 22. Mai 2024, ISSN 2609-6609, doi:10.35562/elad-silda.1390 (publications-prairial.fr [abgerufen am 27. September 2025]).

Einzelnachweise und Fußnoten

  1. Ármin Langer: Ein Jude in Neukölln. Mein Weg zum Miteinander der Religionen. Aufbau Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3-351-03659-1 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
    1. S. 44
  2. Diese wurde 1995 gegründet und ist mit dem Jewish Theological Seminary (JTS), dem Flaggschiff des Konservativen Judentums in den Vereinigten Staaten, verbunden.
  3. a b c Armin Langer. In: Center for European Studies, University of Florida. 11. August 2025, abgerufen am 27. September 2025 (englisch, Ármin Langers Profil an der University of Florida): „Armin Langer is a DAAD Visiting Assistant Professor at the Center for European Studies.“
  4. Ármin Langer: German integration discourses in the 19th century and today : similarities and differences between Jewish and Muslim integration strategies. In: judaica.kobv.de. 2022, abgerufen am 27. September 2025 (Dissertation Humboldt-Universität zu Berlin 2022).
  5. Juden in Deutschland - "Antisemitismus ist ein konstanter Bodensatz in der Gesellschaft". In: deutschlandfunk.de. 4. April 2017, abgerufen am 27. September 2025 (Ármin Langer im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann): „Ármin Langer, Mitbegründer der „Salaam Schalom“-Initiative, hält Antisemitismus für stark verankert in Deutschland. Er denke nicht, dass solche Einstellungen vollkommen überwunden werden könnten, sagte Langer im DLF. Israelbezogener Antisemitismus habe sogar zugenommen, weil viele Menschen nicht differenzieren könnten.“
  6. Constanze Nauhaus: Eine jüdisch-muslimische Initiative gegen No-Go-Areas. In: morgenpost.de. 11. April 2014, abgerufen am 27. Dezember 2018: „Ármin Langer kämpft gegen das Klischee von Neukölln als No-Go-Area für Juden. Der Student will einen interkulturellen Dialog fördern - und findet dafür muslimische Unterstützer.“
  7. Hatice Kahraman: Juden und Muslime: Wie funktioniert Freundschaft zwischen Religionen? In: Der Spiegel. 11. Mai 2018, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 27. September 2025]).
  8. Ármin Langer: Op-Eds/Kommentare. Abgerufen am 27. September 2025 (englisch, Link "essays" unter seiner Homepage): „Auf dieser Seite finden Sie eine Auswahl meiner Gastkommentare.“
  9. Ármin Langer: Rassismus und Antisemitismus in Deutschland: Muslime sind die neuen Juden. Hrsg.: Der Tagesspiegel Online. 9. September 2014, ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 27. September 2025]).
  10. a b Johannes Nichelmann: Ármin Langer - Ein Jude in Neukölln. In: deutschlandfunk.de. 19. September 2016, abgerufen am 27. September 2025.
  11. Ayala Goldmann: Spätpubertärer »Antirassismus«. In: juedische-allgemeine.de. 1. Dezember 2015, abgerufen am 27. September 2025.
  12. Maximilian Popp: Jüdische Gemeinden: Heikler Dialog. In: Der Spiegel. Nr. 13, 2016 (online26. März 2016).
  13. Ein Jude in Neukölln. Mein Weg zum Miteinander der Religionen. Abgerufen am 27. September 2025 (Lesung und Gespräch mit Ármin Langer im Rahmen der Reihe Neue deutsche Geschichten (mit Audio-Mitschnitt)).
  14. Johannes Nichelmann: Ármin Langer: "Ein Jude in Neukölln" - Streitschrift für Verständigung zwischen Muslimen und Juden. In: deutschlandfunkkultur.de. 23. September 2016, abgerufen am 27. September 2025.
  15. Azadê Peşmen: Sammelband "Fremdgemacht & Reorientiert". Ein komplexes Bild zweier Religionsgemeinschaften. In: deutschlandfunkkultur.de. 4. August 2018, abgerufen am 27. September 2025.
  16. Anna Steinbauer: Neue Wege. In: Süddeutsche Zeitung. 14. Dezember 2018, abgerufen am 27. September 2025.
  17. Ralf Balke: Alles nur konstruiert. In: Jüdische Allgemeine. 6. August 2018, abgerufen am 27. September 2025.